Die Nachricht, dass Novartis von seinen 1670 Stellen in Stein 700 streichen wird, lastet nicht nur auf den Angestellten, deren Arbeitsplatz bedroht ist. Auch in Stein ansässige Gewerbetreibende befürchten, dass der massive Stellenabbau des Pharma-Riesen auf ihr Geschäft negative Auswirkungen haben wird.

Einer von ihnen ist Dogan Biryar, der seit 13 Jahren den Imbiss Steinpizza nur einige Meter weit entfernt zum Novartis-Werk an der Schaffhauserstrasse betreibt. Er sei geschockt gewesen, als er vom Stellenabbau erfahren habe. «Ich habe Angst, dass ich nach so vielen Jahren meinen Imbiss dichtmachen muss», sagt er. Rund 60 Kunden pro Tag essen bei Biryar in der Mittagspause Kebab und Pizza, kommen am Morgen auf einen Kaffee oder nach der Arbeit auf ein Feierabendbier vorbei. «Die meisten davon sind von Novartis und viele von ihnen wissen nicht, ob und wie lange sie noch für das Unternehmen arbeiten werden», sagt er.

Auf ein gutes Essen verzichten

Ähnliches berichtet Serge Güntert, der mit seiner Frau seit Anfang August das Hotel-Restaurant «Felsen» in Stein betreibt. «Über den Stellenabbau wird im Restaurant viel geredet. Bei den Betroffenen ist die Verunsicherung spürbar.» Natürlich sei es so, dass sich der eine oder andere überlege, ob er sich in Anbetracht eines potenziellen Jobverlustes mit seiner Familie noch ein Abendessen auswärts leisten soll, so Güntert.

«Sicher wird dies auch eine Auswirkung auf unseren Restaurantbetrieb haben.» Im Gegensatz hierzu werde die Hotellerie kaum betroffen sein. «Das Gros der Gäste, das bei uns ein Zimmer nimmt, sind gut ausgebildete Fachkräfte oder Kaderpersonal von Novartis», sagt er. Güntert, der in Stein aufgewachsen ist, erzählt, dass er viele aus der Verwandtschaft und dem Kollegenkreis kennt, die für das Unternehmen tätig sind oder waren. «Novartis war immer ein Garant für die Wertschöpfung im Dorf. Es wäre bitter, wenn sich das jetzt ändern würde.»

Die Verhältnismässigkeit fehlt

Rosemarie Heid, Inhaberin der Boutique Mikado in Stein, kann das Vorgehen von Novartis nicht nachvollziehen. «Das Unternehmen steht doch finanziell gut da. Das ist doch nicht verhältnismässig, wenn man so viele Mitarbeiter entlässt, nur um den Gewinn zu maximieren.» Für Heid ist klar, dass es noch andere Wege gegeben hätte, um Kosten einzusparen. «Ich bin der Auffassung, dass man am Personal als Letztes sparen sollte», sagt sie.

Heid geht davon aus, dass die Verunsicherung der vielen Novartis-Angestellten auch auf ihr Geschäft negative Auswirkungen haben wird. «Kleidung ist ja auch ein Stück weit Luxus. Wenn man sein Geld zusammenhalten will, dann verzichtet man an erster Stelle auf diesen», sagt sie.

Für Johannes Oehler, Geschäftsführer des Sport- und Freizeitcenters Bustelbach und Mitglied im Handwerker- und Gewerbeverein in Stein, hat die Entscheidung von Novartis zwei Implikationen. «Für die Mitarbeiter des Unternehmens ist es eine totale Katastrophe», sagt er. Darüber hinaus geht er zwar davon aus, dass durch die Verunsicherung der Novartis-Angestellten jenes Gewerbe in und um Stein beeinflusst wird, dass teurere Güter verkauft, doch dies spiele in Anbetracht der schwierigen Situation der Novartis-Mitarbeitenden eher eine untergeordnete Rolle.

Hinter Zahlen stehen Menschen

Marc Zöllner, Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Stein und Umgebung, stört sich an der Zahlenrechnerei – zwar streicht Novartis 700 Stellen in Stein, gleichzeitig werden aber auch in den nächsten Jahren bis zu 450 geschaffen. «Wenn das Unternehmen über Zahlen spricht, darf es nicht vergessen, dass sich hinter diesen Menschen verbergen – und auch die dazugehörigen Familien.»

Hansjörg Güntert, ehemaliger Gemeinderat in Stein, stösst der Stellenabbau sauer auf. Für ihn ist klar, dass der Pharma-Riese dabei ist, seine Wurzeln in der Region zu kappen. «Ich hoffe, die Unternehmensleitung überdenkt nochmals ihre Entscheidung», so Güntert.