Christian Fricker, Präsident des Planungsverbandes Fricktal Regio ist von Novartis enttäuscht. «Dass das Unternehmen so viele Arbeitsplätze weg von ihrem Schweizer Sitz in Länder wie Indien, Malaysia, Mexiko verlagert, enttäuscht und schockiert mich», sagt Fricker. Er erwartet, dass die Novartis ihre soziale Verantwortung wahrnimmt und die betroffenen Mitarbeitenden unterstützt. Zudem bleibe die Hoffnung, dass das Unternehmen diese massiven Abbaupläne nochmals überprüfe.

Herr Fricker, Novartis baut am Standort Stein 700 Stellen ab. Was sagen Sie dazu?

Christian Fricker: Das ist nach der Ankündigung, in Stein zu investieren und Stellen aufzubauen, eine kalte Dusche. Ich bin sehr enttäuscht und sehe Novartis in der Pflicht, ihre Verantwortung gegenüber den Arbeitnehmern und dem Standort Schweiz wahrzunehmen.

Überrascht Sie der Umfang der Stellenstreichungen?

Ja, der Umfang überrascht und schockiert mich richtiggehend. Ob und in welchem Masse er gerechtfertigt ist, lässt sich von aussen nur schwer beurteilen.

Das Unternehmen macht gleichzeitig satte Gewinne. Nimmt Novartis die soziale Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden nicht wahr?

Ein Unternehmen muss proaktiv handeln, Strategien zur langfristigen Wettbewerbsfähigkeit rechtzeitig entwickeln und umsetzen. Novartis hat eine Medienmitteilung publiziert, die mir vorliegt. Dort weist sie darauf hin, dass sie diese Verantwortung übernehmen wolle. Das ist ein Versprechen, auf das wir bauen und an dem sich Novartis messen lassen muss.

Sind Sie von Novartis enttäuscht?

Ja, das bin ich. Dass das Unternehmen so viele Arbeitsplätze weg von ihrem Schweizer Sitz in Länder wie Indien, Malaysia, Mexiko verlagert, enttäuscht und schockiert mich.

Was erwarten Sie nun von Novartis?

In der Medienmitteilung heisst es, dass sie «allen potenziell betroffenen Mitarbeitenden ihre volle Unterstützung» anbiete. Diesen Worten müssen wirkungsvolle Taten folgen, wenn denn der angekündigte Abbau tatsächlich so durchgezogen werden soll. Es bleibt die Hoffnung, dass das Unternehmen diese massiven Abbaupläne nochmals überprüft und die Auswirkungen mindert. Wir werden alle Anstrengungen in dieser Richtung im Rahmen der Möglichkeiten unterstützen. Ich schliesse mich zudem dem Appell des Regierungsrates an, dass Novartis ihre soziale Verantwortung wahrnehmen soll, beispielsweise mit Weiterbildungen und einem grosszügigen Sozialplan.

Was sagen Sie den betroffenen Mitarbeitern?

Sie haben unser volles Mitgefühl, solche Situationen sind auch für ihre Familien belastend und lösen Existenzängste aus. Gleichzeitig ermuntere ich alle, die das können, sich umschulen zu lassen, wenn sie das Angebot erhalten.

Was bedeutet dies für das Fricktal und die Gemeinde Stein?

Im besten Falle eine Verlagerung von Stellen auf anspruchsvollere Tätigkeiten, aber sonst einen schmerzhaften Abbau von Stellen für Ansässige in der Region, aber auch für Grenzgänger und somit unsere Partnerregionen am Oberrhein. Es trifft Familien, Gemeinden, auch den Kanton. Stellen schaffen wirtschaftliche Prosperität, an der Kanton und Gemeinden dank Steuersubstrat auch teilhaben.

Das Fricktal ist stark auf Life-Sciences fokussiert. Ist das nun die Quittung?

Nein. Das wäre verantwortungsloses Schwarzsehen. Novartis baut in der Region nach ihren heute wiederholten Aussagen neue Technologieplattformen auf und investiert jährlich mehr als drei Milliarden Franken in die Forschung und Entwicklung. Daneben gibt es andere, sehr gute Life-Science-Unternehmen, die an den Standort Fricktal glauben und das mit Investitionen bestätigen.

Ist der Wirtschaftsraum Fricktal nun in Gefahr?

Auch davon gehe ich nicht aus. Es gibt wohl einen Dämpfer, doch das Fricktal lebt nicht von Novartis allein. Ziel für den Wirtschaftsraum muss es sein und bleiben, eine breit abgestützte Wirtschaft zu haben.

Muss versucht werden, künftig mehr zu diversifizieren, um das Klumpenrisiko zu verkleinern?

Das ist eine ständige Herausforderung für Wirtschaft, Politik, ja uns alle. Es ist aber leichter gesagt als getan. Die Standortförderung des Planungsverbands Fricktal Regio richtet sich auf die ganze Breite der Wirtschaft mit grossen Firmen und kleinen und mittleren Unternehmen, die KMU.