Nicht schon wieder! Das ging Jürg Keller aus Rheinfelden durch den Kopf, als er in der AZ las: Die Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind will die Organisation der Gymnasien überprüfen – und kann sich, nach 2028, auch eine Schliessung des Gymnasiums in Muttenz vorstellen. Stattdessen könnte man in Muttenz, so visioniert Gschwind, sämtliche Fachmaturitätsschulen (FMS) konzentrieren.

Nicht schon wieder, denkt sich also Keller in seiner Wohnung in Rheinfelden – auch mit Blick auf die vielen Fricktaler, die betroffen wären. 40 bis 45 Prozent der Schüler in Muttenz kommen jeweils aus dem Aargau. Aktuell pendeln 257 Gymnasiasten und 46 FMS-Schüler aus dem Fricktal nach Muttenz – das entspricht 38 Prozent der Schüler. Die Fricktaler Grossräte haben denn auch bereits eine Interpellation eingereicht, in der sie gschwind wissen wollen, was man denn in Aarau von den Baselbieter Ideen halte – und ob, im Fall der Fälle, auch eine Kantonsschule im Fricktal zum Thema werden könnte, oder besser: wieder zum Thema werden könnte, denn darüber debattierte man im letzten Jahrhundert mehrmals.

Nicht schon wieder, denkt Keller aber vor allem, weil er die Diskussionen um Erhalt oder Schliessung, um Sein oder Nicht-Sein jahrelang live miterlebt hat. Keller kam kurz nach der Gründung des Gymnasiums, 1972, als Lehrer nach Muttenz, wurde 1973 Konrektor, wurde 1982 Rektor, was er bis 1993 blieb.

«Kaum gegründet, wollte man das Gymnasium schon wieder auflösen», erinnert sich Keller. Dies hat viel mit der Entstehung des Gymnasiums zu tun. Nachdem die Baselbieter die Wiedervereinigung mit Basel-Stadt klar abgelehnt hatten, habe man in Basel «getrötzelt», wie es Keller formuliert, und die Schüler aus dem Baselbiet nicht mehr gewollt. Das Baselbiet habe daraufhin eine Bildungsoffensive gestartet, deren sichtbares Ergebnis unter anderem das Gymnasium in Muttenz ist.

Keller lacht, wie er am Esstisch von den «vielen Malen» erzählt, als man am Regierungssitz in Liestal die Seins-Frage zu Muttenz stellte. Sein Lachen ist trocken, denn jedes Mal hinterliess doch auch Spuren. Es sei ein Reflex in Liestal, mutmasst Keller, «von Zeit zu Zeit muss es wohl einfach zum Thema werden».

Kann man die Diskussion dann einfach als temporäre Erscheinung mit kurzer Halbwertszeit abtun? Nein, warnt Keller. «Denn gerade in Zeiten der Sparorgien sind auch Dummheiten möglich». Er fürchte sich vor der «nackten Unvernunft», die da über dem Gymi schwebe.
Die Frage, was er von den Schliessungsgedanken – mehr sind es noch nicht – hält, erübrigt sich. Nichts, um es höflich zu formulieren. «Es gibt kein einziges neues Argument, das gegen Muttenz spricht», sagt er und auch die von Gschwind angedachte Entflechtung von Gymnasium und FMS überzeugt ihn nicht. «Die beiden Schulen befruchten sich an einem Standort gegenseitig», ist er überzeugt. Die Durchlässigkeit – also, dass ein Schüler einfach die Schulstufe wechseln kann – «ist ein riesiger Gewinn, den man nicht leichtfertig opfern darf».

Schulgeld von 20 500 Franken

Das Gymnasium funktioniere auch heute einwandfrei, weiss er von Kollegen, sei mit 800 Schülern weit über der kritischen Grösse von 400 und sei auch finanziell im Lot. Dazu tragen nicht zuletzt die Fricktaler Schüler ihr Scherflein bei, was sich Keller eben erst von der Baselbieter Bildungsdirektion bestätigt liess. Der Kanton Aargau bezahlt 20 500 Franken pro Schüler und Jahr. Bei 300 Schülern liefert der Aargau also gut sechs Millionen Franken pro Jahr in Liestal ab. «Das ist für das Baselbiet kein schlechtes Geschäft», bilanziert Keller.

Einen Mehrwert bieten für ihn aber die Fricktaler Schüler noch aus einem weiteren Grund: «Sie ziehen die anderen mit». Wie das? Nun, sagt Keller, faltet die Hände, macht sich auf die Suche nach den richtigen, sprich: diplomatischen Worten. «Die Fricktaler hatten eine bessere Lernkultur als die Baselbieter.» Und sie seien auch, das sei sogar statistisch erhärtet, im Schnitt die besseren Schüler gewesen. «Das hing stark mit dem System zusammen», so Keller. Denn die Fricktaler mussten eine Abschlussprüfung ablegen – die Baselbieter nicht. «Die Fricktaler waren es sich also gewohnt, zu lernen.»

Die beiden Bildungssysteme, da ist sich Keller sicher, passen «hervorragend zusammen». Auch deshalb ist für ihn klar: «Das Gymnasium muss in Muttenz bleiben.» Das mache, sinniert er weiter, auch verkehrstechnisch Sinn – erst recht für die Fricktaler. Jeder andere Standort «würde die teils schon heute sehr langen Schulwege um mindestens zweimal 15 Minuten pro Tag verlängern», halten die Fricktaler Grossräte dazu in ihrer Interpellation fest.

Auf die Barrikaden gehen

Es brauche nun den Einsatz aller, um diese «sinnlose Idee» zu bodigen. Der Aargauer Bildungsdirektor Alex Hürzeler müsse «ein Wörtchen» mit seiner Baselbieter Kollegin reden, die Grossräte aus dem Fricktal auf Tuchfühlung mit den Baselbieter Landräten gehen, ja, auch eine Reaktion der heutigen Schüler und Eltern «wäre hilfreich». Ob es dazu kommt? Keller zuckt mit den Schultern. Er erlebe das Fricktal «eher als träge». Er hoffe aber schon, dass sich möglichst viele für den Erhalt des Gymnasiums stark machen – «und zwar jetzt». Das Schlimmste wäre, so Keller, wenn jeder denke, eine Schliessung wäre schade – und niemand aufstehe und das sage.

Wieder lacht er, diesmal spitzbübisch. Er erinnert sich noch genau an den Tag, als er und seine Kollegen nach Liestal marschierten und dort der Regierung ihre Petition für den Turnhallenbau übergaben. «Vielleicht wäre es jetzt auch wieder an der Zeit, auf die Strasse zu gehen», meint er. Wert wäre es die Sache, ist überzeugt, denn «es droht, dass der Geist verloren geht».
Noch eine weitere Gefahr droht: «Wenn das Gerücht die Runde macht, die Schule könnte zugehen, wird es schwieriger, gute Lehrkräfte zu finden.» Und das, so Keller, beeinträchtige den Geist dann ganz direkt.