So bunt hat sich das Restaurant Frohsinn in Bözen noch nie präsentiert: Die Wände sind rot und gelb gestrichen, von der Decke hängen orientalische Lampen und auch die Tischtücher sind farbenfroher als in der Vergangenheit. Das Ambiente erinnert an ein Märchen aus 1001 Nacht.

Stolz serviert Yasser Ali auf einem kleinen Tablett ägyptischen Pfefferminztee. Elegant hebt er das Krüglein in die Höhe und giesst das warme Getränk ins Teeglas mit den frischen Minzblättern. Dann setzt sich der Gastgeber für einmal selbst an den Stammtisch. Mit von der Partie sind seine 49-jährige Ehefrau Doris Hostettler und der eineinhalbjährige Sohn Dylan Maroan. Letzterer gab mit seinem Spitznamen dem neu eröffneten Restaurant auch den Namen «Maro’s Frohsinn». Ob der aufgeweckte und charmante Bub hier eines Tages ebenfalls Gäste verwöhnen wird, weiss noch niemand. Klar ist hingegen bereits, dass sich die Gäste – nach mehreren Wechseln – wieder einen Wirt mit viel Ausdauer wünschen.

Seit rund zwei Monaten bietet Ali seine ägyptisch-orientalischen Spezialitäten an. Er sagt, dass dies das erste und einzige Restaurant in der Schweiz sei, in dem Taijne-Spezialitäten in originalen Taijne-Dampfgartöpfen (Ton-Gefässe) aus dem Süden Ägyptens zubereitet werden. Oft würden diese Eintopf-Gerichte mit Fleisch, Gemüse, speziellen Gewürzen und Reis zuerst in der Pfanne zubereitet und erst danach in Ton-Gefässen angerichtet, erzählt der 42-Jährige. Doch er koche direkt in diesen traditionellen Ton-Gefässen.

Der lange Weg zur Telefonkabine

Das war natürlich nicht immer so. Denn Yasser Ali war noch ein Teenager, als er sich vom Elternhaus in einem Vorort Kairos mit 12 Millionen Einwohnern trennte und in der Touristen-Hochburg Sharm El Sheikh sein eigenes Geld verdienen wollte. Was er dort vermisste, war Mamas Küche. Und zwar so sehr, dass der studierte Agronom bei grösster Hitze bis zu 40 Minuten zu einer Telefonkabine lief, seine Mutter anrief und sie nach den Lieblingsrezepten fragte. War sie nicht zu Hause, wartete Ali bei der Kabine und versuchte es später noch einmal.

Im April 2009 begegneten sich Doris Hostettler und Yasser Ali zum ersten Mal in einem grossen Hotel-Komplex am Roten Meer in Sharm El Sheikh. Sie wollte mit einer Freundin eine Woche Ferien geniessen. Er arbeitete tageweise in einem Restaurant eines Kollegen und war ausserdem als Fotograf in der Ferienanlage tätig. Sie wollte auf keinen Fall eine Fernbeziehung mit einem Ägypter und er konnte sich trotz entsprechenden Bekanntschaften nicht vorstellen, je in Europa zu leben. «Ich war sehr glücklich mit meinem Leben. Es war wie Ferien ohne Ende, ohne finanzielle Sorgen», sagt Ali und lacht. Nachdem er in jener Ferienwoche Hostettler und ihre Freundin zu einem traditionellen Frühstück und einer einheimischen Bäckerei begleitet und sie nette Gespräche geführt hatten, tauschten sie zum Abschied die Kontaktdaten aus.

Ein Besuchervisum gab es nicht

«Sag niemals nie, auch mit 40 Jahren nicht», fasst Hostettler den Anfang ihrer Beziehung mit Ali zusammen. Per Skype plauderten sie fast täglich, gefolgt von wochenlangen bewussten Pausen. Vergeblich versuchte Hostettler, beim Migrationsamt ein Besuchervisum für Ali zu bekommen, damit sie ihm auch mal ihre Heimat – das Fricktal – zeigen konnte. Nach eineinhalb Jahren sowie mehreren Reisen nach Ägypten wollten beide Nägel mit Köpfen machen und in der Schweiz zivil heiraten. Doch als die gelernte Drogistin und ausgebildete Masseurin erfuhr, dass der Papierkram dazu nochmals über ein Jahr dauern würde, musste eine andere Lösung her. Mit der Zivilhochzeit in Kairo klappte es deutlich schneller – im November 2010.

Sechs Monate nach der Trauung durfte Yasser Ali in die Schweiz einreisen. Er lebte bei Hostettler in Wittnau. Der Ägypter kann sich noch gut erinnern, wie er dort etwas verloren auf dem Balkon stand, auf die Strasse blickte und sich fragte, wo die Leute sind. Das änderte sich aber, als er in Basel einen Intensivdeutschkurs besuchte und beruflich Fuss fasste. Zuerst über ein Temporär-Büro in Baden, später als Hilfsarbeiter bei der Stahlton und dann als Koch für den Schülermittagstisch in Frick, wo er den Kindern mit Leidenschaft unter anderem frische Salate und ägyptisches Fladenbrot schmackhaft machte.

Mittagstischkinder sind begeistert

Nach Berufserfahrungen in orientalischen Restaurants in Zürich und Basel reifte bei Ali der Wunsch, ein eigenes Restaurant zu führen. Als Hostettler diesen Frühling von einer Massage-Kundin hörte, dass für den «Frohsinn» ein neuer Pächter gesucht wird, wurde aus dem Traum Realität. «Wir mussten uns ziemlich schnell entscheiden, weil es noch andere Interessenten gab», so Hostettler. «Es ist uns bewusst, dass wir ein gewisses Risiko eingehen, wenn wir ausschliesslich auf orientalische Spezialitäten wie Mezze, Hummus und Taboulé-Salat setzen», sagt Ali, der jetzt mit seiner Familie in Frick wohnt. Das Ehepaar findet es toll, dass ihnen die Gemeindeverwaltung in Bözen vor der Eröffnung angeboten hat, im Mitteilungsblatt Gratis-Werbung zu machen. Hostettler führt ihre Massage-Praxis weiter und unterstützt Ali im Administrativen.

Am Eröffnungstag hätten vermutlich einige Mittagstischkinder von Frick ihre Eltern überzeugt, im neuen Lokal in Bözen vorbei zu schauen, erzählt Ali. Sein Lachen wirkt ansteckend. Er freut sich riesig über den eigenen Betrieb. Alis sechs Jahre älterer Onkel ist schon länger Küchenchef im Hard-Rock-Café in München. Mit ihm tauscht er sich oft aus. Kontakt pflegt er aber auch gerne mit seinen Gästen. «Ich bin positiv überrascht, wie freundlich und offen die Schweizer sind», sagt der 42-Jährige. Und weil er weiss, wie wichtig es ist, Vertrauen aufzubauen, offeriert er den Gästen auch gerne mal ein orientalisches Versucherli. An den Wochentagen gibt es günstige Mittagsmenüs – mit und ohne Fleisch. Die Zutaten für seine Gerichte findet Ali grösstenteils in der Schweiz. Was er nicht auftreiben kann, besorgt er in Frankreich. Nur etwas fehlt dem Ägypter im Fricktal. «Das Meer vermisse ich schon sehr», sagt er.

Aargauer Gastrokarte: