Wie war das noch, damals, vor knapp 70 Jahren im Fricktal?

Eine Ansammlung von Strassendörfern, Marktflecken, zwei Städtchen; ein dörflich-bäuerlicher Alltag prägte die Gegend, es gab etwas Industrie mit der Kera in Laufenburg, dem Ziegelwerk in Frick, Salmenbräu und Feldschlösschen in Rheinfelden, der Bata in Möhlin und den Rheinsalinen, ein bisschen Elektrizitätswirtschaft, kaum Bildungsmöglichkeiten, wenig Lehrstellen.

Wie war das noch damals, vor knapp 40 Jahren im Fricktal?

Als der mit der Region jahrzehntelang verbundene Basler Volkskundler Paul Hugger ein paar Hundert Fricktaler befragte was sie anschaffen würden, wenn sie unerwarteterweise einige tausend Franken erhielten, waren die Antworten geprägt von Besitzerstolz: Ein Viertel erklärte, sie würden Bauschulden abzahlen, Renovationen durchführen oder ein Badezimmer einrichten. Ein weiteres Viertel der Befragten gab an, das Geld für Inneneinrichtungen zu verwenden – jeder Zweite also wollte weiter ins eigene, oft auch noch selbst gebaute Eigenheim investieren.

Die Fricktaler machten mit ihren Antworten aus dem Jahr 1976 klar: Sie waren nicht mehr ärmliche Bauern oder geduldete Anwohner in Strassendörfern. Sie waren in den späten 70er Jahren, wahrhaftige Hausherren geworden. Und dachten, es sei auf immer und ewig.

Willige Arbeitskräfte

Diese kinderreiche Gegend nämlich, wo sich die Menschen in den Nachkriegsjahren in engen häuslichen Wohnverhältnissen, mit primitiver Hygiene, magerer Kost und dürftiger Kleidung mehr schlecht als recht über die Runde brachte, diese Gegend der Habenichtse geriet anfangs der 50er-Jahre ins Visier der Granden der Basler Chemie. Sie entdeckten den brachliegenden Flecken mitsamt den willigen Arbeitskräften.

Der Fricktaler, so checkten sie bald, war ein genügsamer Geselle: Tief verwurzelt in der bäuerlichen Welt, ausgestattet mit einer abgrundtiefen Verachtung des proletarischen Gedankenguts und einer gleichsam heilsmässigen Verehrung und Ehrerbietung gegenüber leitenden Persönlichkeiten in Kirche, Wirtschaft und Armee war die Arbeitskraft im Fricktal der ideale Partner, um rasch, billig und widerstandslos zum Ziel zu gelangen.

So gaben nicht nur unzählige Bauern ihre mühsame 7-Tage-Arbeit auf der eigenen Scholle auf, um im Schichtbetrieb der Chemie an früher sechs, bald schon nur noch fünf Tagen die Woche zu dienen. Ein Job dort versprach ein regelmässiges Einkommen, die Monotonie der simplen Beschäftigung wurde mit der Überzeugung auf eine dauerhafte sichere Lebensstelle weggewischt – und der Aussicht, vom Habenichts zum Hausherren zu werden.

Und manch einer der angehimmelten leitenden Herren, nicht nur in der Chemie, kam durch die Aufgabe der Bauernhöfe für ein paar günstige Fränkli zu schönem Landbesitz im Fricktal, den man langfristig angelegt geschickt zu arrondieren und später als Bau- oder Industrieland zu vergolden wusste. Das machte auch den Bauer froh, weil er mit dem Landverkauf einen leidlich bezahlten Brotjob erhielt. Eine vermeintliche Win-win-Situation also. Bloss hatte der Bauer nicht bedacht, dass es auf der grossen Welt nichts gratis gibt und schon gar nicht zwei Sieger im Duell Basler Granden gegen Habenichtse.

Doch der Chemie und ihren Chefs war das ziemlich wurscht, die Gemeinden freuten sich ob reichlich fliessenden Steuergeldern und so wurde munter hochgezogen:

1957 begannen bei Ciba-Geigy in Stein die ersten zehn Mitarbeiterinnen in der Ampullenkontrolle. 1999, drei Jahre nach der Fusion mit Sandoz, startet die Produktion im Sterilbau. Um die Jahrtausendwende wird das Agrobusiness abgespalten und mit AstraZeneca zur Syngenta umfirmiert, mit einem Forschungszentrum in Stein und Anlagen in Kaisten und Münchwilen. Heute werden in Stein jährlich rund drei Milliarden Tabletten, Kapseln, Ampullen, Fertigspritzen, Pflaster und weiss der Gugger was noch alles produziert, kontrolliert, verpackt und weltweit in mehr als 150 Länder versandt.

1965 kam Roche – heute mit rund 3500 Beschäftigten im Werk Kaiseraugst grösster Pharma-Arbeitgeber im Fricktal – nach Sisseln, wo fünfzehn Jahre nach dem Verkauf an die niederländische DSM noch immer die weltgrösste Vitaminfabrik steht.

1971 wurde Kaisten von Ciba-Geigy entdeckt; das Unternehmen drängte die Gemeinde, den Wohnungsbau zu forcieren, um Werksangehörigen ein günstiges Heim anbieten zu können. Zuerst dachte man an eine Wohnsiedlung auf dem Heuberg, schliesslich war punktgenau zur Fabrikeinweihung auch die Siedlung in der Weihermatte fertig: Reihen-, Einfamilien- und Mehrfamilienhäuser für rund 300 Menschen.

2018, so dürfen wir also stolz vermelden, ist das Fricktal ein fest verankerter und produktiver Vorposten der Basler Pharmaindustrie – dank willigen Arbeitskräften, die für Rentabilität und Profit sorgen, auch weil sie sich ihre durch Jahrhunderte geprägten Charaktereigenschaften erhalten haben: Im Innersten immer noch etwas Bauern, getrieben von fast unterwürfigem Respekt gegenüber allem, was vermeintlich besser, reicher, intelligenter ist. Genügsam, nie fordernd, selten aufmüpfig und mit reichlich Langmut ausgestattet.

Verantwortung für die Region

So sind wir, heute, im Jahr 2018: die Herren im Haus Fricktal, vermeintlich auf immer und ewig.

Und morgen?

Vor dreizehn Tagen wurde bekannt, dass der Basler Pharmakonzern jede sechste Stelle in der Schweiz streicht. Allein im Werk Stein werden 700 Mitarbeiter entlassen, über 40 Prozent der gesamten Belegschaft.

«Wir setzen unsere Anstrengungen fort, Novartis effizienter und agiler zu machen und ein Unternehmen zu schaffen, das nachhaltig innovativ ist und für Patienten bahnbrechende Medikamente bereitstellt», begründete Vas Narasimhan, der Chef von Novartis, den Stellenabbau. Man werde «alles tun, um den potenziell Betroffenen zu helfen, diesen schwierigen Übergang zu meistern.»

Am Ernst und der Verlässlichkeit dieser Aussage und an der Verpflichtung, das Unternehmen global wettbewerbsfähig zu halten, wollen wir gar nicht zweifeln. Und auch nicht am bekräftigten Willen, die nun von einer Entlassung betroffenen Mitarbeiter möglicherweise in einer in Stein geplanten Fertigungsanlage für zukunftsträchtige Zell- und Gentherapien mit 450 neuen Arbeitsplätzen einzusetzen.

Und doch sei erlaubt, die Basler Pharma-Granden an ihre Verantwortung in der Region zu erinnern.

Stieg denn Novartis-Chef Narasimhan je von seinem unternehmerischen Hochsitz auf dem Basler Campus hinab aufs Land ins Fricktal? Liess er sich hier, bei uns, zusammen mit Matthias Leuenberger, dem Länderpräsidenten Schweiz, je auf einen Dialog mit den Angestellten, den Behörden, den Vertretern der Region ein?

Unternehmer, so ist festzuhalten, sind nicht frei von umfassender Verantwortung, auch wenn sie zuerst und immer dem Shareholder verpflichtet sind. Und diese Verantwortung heisst darum umfassend, weil sie alles einschliesst und letztlich nicht aufgeteilt werden kann: Also nicht etwas Verantwortung für die Büezer und sonst und anderswo ein bitzli nichts. Sondern Verantwortung von A bis Z, von gestern bis heute. Und auch morgen.

Gerade die Globalisierung des Wirtschaftens, so wie sie von Novartis, von Roche, von DSM, Syngenta oder BASF auch im Fricktal betrieben wird, zwingt die Unternehmen, allumfassende Verantwortung als Teil der wirtschaftlichen Unternehmensstrategie zu implementieren. Das heisst nichts anderes, als nicht nur und allein für die Beschäftigten in den Produktionsstätten zu sorgen, sondern mit einer Verankerung und Identität in den Regionen der Betriebsstandorte eine gesamtgesellschaftliche Verpflichtung zu anerkennen, wahrzunehmen und umzusetzen.
Oder etwas spitzer und einfacher formuliert: Man kann nicht jahrzehntelang Grund und Boden besetzen sowie Geist und Arbeitskraft absorbieren, um dann, wie ein grobschlächtiger Minenbetreiber, den Standort heppklepp preiszugeben. Unternehmerisches Denken und Handeln erfordert ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge, das zukunftsfähiges Wirtschaften ermöglicht, zur Evolution der Gesellschaft beiträgt und die Eintracht der Menschen fördert.

Das bedingt allerdings auch, dass wir Menschen uns dem Diktat der 4. Industriellen Revolution nicht durch einen Verweis auf die Vergangenheit entziehen und starrköpfig wieder die Scholle von einst reklamieren. Denn nicht nur die Pharmabranche hat gut verdient an uns, auch uns ging es dabei nicht schlecht. Und wir haben uns obendrein in der Sicherheit gewähnt, Hausherren bis in alle Ewigkeit zu sein – ohne dafür auch noch viel zu tun.

Wir haben es, und das ist die bittere Erkenntnis aus dem bekanntgewordenen Stellenabbau, wir haben es fast alle verpasst und verlernt, uns selbst in unserem eigenen Leben weiter zu bringen, besser zu werden, neue Fertigkeiten und Kenntnisse zu erwerben. Kein Anflug von unbändiger Lust am lebenslangen Lernen, keinerlei Anstalten, neben dem Gelernten noch Neues zu entdecken und schon gar keine Vorahnung, dass der tägliche bequeme Trott, der monatliche Lohn, die jährliche Gratifikation keine Selbstverständlichkeit ist.

Aber wie denn auch? Die Herren der Basler Pharmabranche, im Verbund mit den kantonalen, regionalen und lokalen Behörden, gaben jahrelang bar jeder Selbstzweifel den Takt an: das Fricktal auf immer und ewig ein glänzender Satellit des Life Sciences Clusters Basel.

Kreativität gefragt

Und noch immer palavern Planer und Politiker, Investoren und Illusionisten ungerührt vom Fricktal als «das Life Sciences-Valley zwischen Basel und Zürich» und verweisen mit geschwellter Brust auf das Sisslerfeld als grösstes zusammenhängendes und erschlossenes Industriegebiet in der Nordwestschweiz.

Womit wir in dieser Causa bei der Politik wären. Es war nicht viel mehr als die routinierte Empörungsmaschinerie, welche die Damen und Herren PolitikerInnen nach der Abbau-Ankündigung von Novartis rattern liessen. Der zuständige Regierungsrat in Aarau wie auch der Präsident des Planungsverbandes Fricktal Regio geben aktuell die Kummerbuben und träumen davon, dass Novartis nochmals auf den Entscheid zurückkommt.

Kein Ansatz von Zukunft, keine Idee, wie eine strukturelle Krise zur Chance werden kann, kein erkennbarer Wille auch, die Jobkiller-Branche zur Rede zu stellen und an ihre allumfassende Verantwortung zu erinnern, weil sie es schliesslich war, die in der Region jahrzehntelang den Taktstock schwang: Kein Aufgebot an CEO Narasimhan oder Länderpräsi Leuenberger für ein Rendez-vous im Fricktal, wo sie sich von Angesicht zu Angesicht mit Ihren Angestellten, den Behörden und Gemeinden auseinandersetzen müssten – und bei dieser Gelegenheit auch darlegen könnten, wie sie die Zukunft einer sterbenden Branche gestalten wollen: Die Aktien von Novartis und Roche haben in den letzten vier Jahren fast 20 Prozent an Wert verloren, weil die Pharmaforschung immer teurer, die Unternehmen damit weniger profitabel und die Branche so definitiv zum Klumpenrisiko wird.

Das ist schlecht für die Politik, die sich nicht um die Zukunft kümmert – aber in Zukunft – Stichwort Stimmbeteiligung – sowieso ein Auslaufmodell ist.

Aber es ist eine riesige Chance für neue Kräfte ausserhalb etablierter Strukturen, die mit neuen Allianzen, mit Verve und Kreativität die Welt von Morgen prägen will – und realisiert, dass es im Sisslerfeld noch ganz viel Platz für neue Unternehmen auch ausserhalb des Life Sciences Clusters gibt und geben muss.

Zwei Drittel aller Kinder, die diesen Spätsommer gerade eingeschult wurden, werden dereinst in einem Beruf arbeiten, der heute noch gar nicht existiert.

Sie haben auch im Fricktal eine Chance verdient. Ohne jedwelchen Zusatz von Chemie. Aber mit der Aussicht, Hausherren zu bleiben.

Christoph Grenacher leitete verschiedene Medientitel. Heute ist er Inhaber der Kommunikationsagentur Mediaform. Er lebt im Kaister Ortsteil Ittenthal und in Zürich.