Grenzübergang Laufenburg, Donnerstag, 13.25 Uhr. Fünf Autos vor mir. Dreimal AG, einmal LU, einmal ZH. Der Grenzposten ist verwaist, wir fahren zu. Im Kreisel kollektives Blinkersetzen. Alle biegen Richtung Laufenpark ab, dem Einkaufszentrum auf badischer Seite.

Gut die Hälfte der Parkplätze sind an diesem frühen Nachmittag besetzt. Deutsche Kennzeichen – Mangelware. Dafür scheint sich die halbe Schweiz hier versammelt zu haben. TI, FR, ZH, BE, BS, BL, NW, AI, LU, SO. Und jede Menge AG.

Ein Paar kommt mir entgegen. Er – um die 60, schütteres Haar, grosse Brille, Sommerhosen, Kurzarmhemd, teures Schuhwerk – schiebt den Einkaufswagen vor sich her. Er ächzt etwas, denn der Wagen ist prall gefüllt und entsprechend schwer zu manövrieren. Sie – Sonnenbrille, Jupe, Bluse, Stöckelschuhe – stolziert vorneweg, zum Auto, einem BMW mit Basler Kontrollschildern. Sie: «Das hat sich gelohnt.» Er, immer noch ächzend: «Und wie.»

Das Einladeprozedere dauert fast fünf Minuten. Es ist faszinierend, den beiden zuzusehen. Er räumt ein, sie räumt um. Man muss kein Rechenprofi sein, um dabei festzustellen, dass die Freimengen bei mehreren Lebensmitteln überschritten sind. Dass sie die Mehrmengen verzollen – wir glauben es nun einfach einmal.

«Ein bisschen mehr»

Wobei: Sie wären in guter Gesellschaft, wenn sie es nicht täten. Viele Einkaufstouristen nehmen es mit den Freimengen nicht so genau. Werden sie gestoppt, heisst es dann oft: «Das habe ich nicht gewusst.» Oder: «Ich habe ein bisschen mehr als ein Kilo Fleisch dabei.» Ein Kilo pro Person ist erlaubt, jedes weitere kostet 17 Franken Zollgebühren. Diesen Satz bekamen jüngst auch zwei Schweizer Grenzwächter zu hören, wie die «Badische Zeitung» und die AZ in einer Reportage schrieben. Die Beamten fragten nach, was denn «ein bisschen mehr» bedeutet. Es waren 1,5 Kilogramm mehr.

Insgesamt 28'876 Schmuggelfälle deckte die Eidgenössische Zollverwaltung letztes Jahr im Reiseverkehr auf. Die Dunkelziffer ist immens. Detaillierte Zahlen, was geschmuggelt wird, veröffentlicht die Zollverwaltung nicht. Ganz oben stehen bei Privaten aber Fleisch und Fleischwaren.

Edeka, Fleischtheke. «Eis Kilo Rumpsteak», sagt die Frau, Mitte 30, Sonnenbrille im Haar, Handy am Ohr, starkes Parfüm um sich herum. Sie redet mit der Bedienung hinter der Fleischtheke, ganz selbstverständlich, in breitem Schweizer Dialekt. Sie schaut das Preisschild an. 2,99 Euro pro 100 Gramm. «Nei, gäbed sie mer grad zwoi Kilo. Und no es Kilo Rindshuft.» Verzollen? Ich bleibe Optimist. Zumal sie ihre Ansage nochmals ändert.

Bis 2013 hat die Zollverwaltung in ihren «Fakten & Zahlen» jeweils auch die Menge an geschmuggelten Lebensmitteln publiziert. Die Zahlen sind eindrücklich: 213 Tonnen Früchte und Gemüse waren es 2013, 91 Tonnen Fleisch und Fleischwaren, 21 Tonnen Speiseöl, 15 Tonnen Milchprodukte und Käse, 10 Tonnen Getreide, 5 Tonnen Teigwaren. Erfasst wurden dabei nur die grösseren, oft gewerblichen Schmuggelfälle. Im Privatbereich muss die Schmuggel-Hitparade noch ergänzt werden: mit Zigaretten, Wein und Spirituosen.

Edeka, Käsetheke. Ein Herr – mittleres Alter, kurze Hosen, Flip-Flops, Berner Dialekt – kann sich nicht entscheiden. «Die Auswahl ist zu gross», scherzt er. Die Dame neben ihm schaut auf die Uhr, verdreht die Augen. Er schaut zu ihr, lächelt. Sie ringt sich ein steifes Lächeln ab, sagt nur: «Genau.» Und denkt wohl: «Mach mal vorwärts.»

Das dauert!

Mach mal vorwärts, denke auch ich, wie ich mit meinen drei Brötchen und dem Brotaufstrich, den man in der Schweiz nicht erhält, an der Kasse stehe. Vor mir ein Pärchen, gut genährt, das Lebensmittel um Lebensmittel auf das Fliessband hievt. Viele, viele Kalorien, denke ich bei mir, wie ich die eingekauften Waren mit den Augen scanne. Endlich. Zahlvorgang. Nein, auch das noch, die Kreditkarte funktioniert nicht. Er klaubt Bargeld aus dem Portemonnaie. Es reicht. Glück gehabt.

Glück haben die Schmuggler längst nicht immer. Regelmässig erwischt die Grenzwache Leute, die sich um das Verzollen foutieren. Privatpersonen, Gewerbetreibende, Gastronomen, Profis. So wie jenen Portugiesen, den die Grenzwache in Röschenz stoppte. Er hatte dann doch etwas arg viel Waren in seinem Kofferraum: 165 Kilo Fleisch, 15 Liter Öl und 34 Liter Alkohol.

Edeka, Parkplatz. Das Pärchen, das vor mir an der Kasse war, ist beim Auto angelangt. VW, älteres Modell, Kennzeichen: NW. Er fugt die Einkäufe in den Kofferraum. Sie: «Ou!» Er: «Was?» Sie: «Hast Du einen Ausfuhrschein bekommen?» Er: «Sicher, Schatz, ich will ja die Mehrwertsteuer zurück.» Und verzollen? Ich bleibe Optimist.

Grenzübergang Laufenburg, 14 Uhr. Es stockt. Nicht, weil Grenzwächter die Einreisenden kontrollieren würden. Der Zoll ist nach wie vor verwaist. Es stockt, weil alle halten wollen, um mit ihren Ausfuhrscheinen ins Büro der deutschen Zöllner zu eilen. Stempel fassen. Und verzollen. Vielleicht.