Der Schock über den massiven Stellenabbau beim Novartis-Werk in Stein steckt den Mitarbeitern noch sicht- und hörbar in den Knochen, als eine Gruppe von ihnen nach der Konzerninformation kurz vor halb neun Uhr zu den wartenden Journalisten und Gewerkschaftsvertretern tritt. Man habe geahnt, dass es zu einem Abbau kommen werde, ist der Tenor. Aber man habe nicht damit gerechnet, dass es derart viele treffen werde.

«Es ist schon bedrückend», meint ein junger Mitarbeiter vor der Pforte zur AZ. «Man weiss nicht, wann und ob man gehen muss.» Eine Hoffnung haben derweil viele: Das Unternehmen habe angekündigt, dass Mitarbeiter nach Möglichkeit umgeschult werden oder ihnen intern eine andere Stelle angeboten werde, sagt der Mitarbeiter, der namentlich nicht erwähnt werden will.

Derweil suchen Vertreter der Gewerkschaft Unia mit den Mitarbeitern das Gespräch und machen sich Notizen. «Wir weisen die Angestellten auf ihre Rechte hin und nehmen ihre Bedürfnisse auf, um ihre Interessen gegenüber Novartis formulieren zu können», sagt Daniela Neves vom Vorstand der Unia.

Eine Frau, um die 40, zieht an ihrer Zigarette. Ihr Job im Büro sei relativ sicher. Sie sei aufgrund des Stellenabbaus nicht nervös. «Vielen anderen geht die Ungewissheit jedoch an die Nieren. Das tut mir leid», sagt sie. Ein Mann Anfang 30, der neben ihr steht und seit einigen Monaten einen temporären Arbeitsvertrag bei Novartis hat, zuckt mit den Schultern. «Da kann ich mich wohl gleich auf die Suche nach einem neuen Job machen», sagt er. Dann muss er zurück. Es sind Gruppengespräche zu den Abbaumassnahmen angesagt.

Novartis-CEO: „Wir werden agiler und effizienter“

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Wechselbad der Gefühle

Beat Käser, Gemeindeammann von Stein, wurde vom Umfang des Abbaus ebenfalls überrascht. «Mit so vielen Stellen habe ich nicht gerechnet», gibt er offen zu. Insgesamt werden in Stein 700 Stellen bis 2022 abgebaut. Im Gegenzug werden allerdings bis zu 450 neue Stellen geschaffen, was einen Nettoabbau von rund 300 Stellen ergibt. Dies hat Novartis vor rund drei Wochen angekündigt. Dieses Auf und Ab ist es auch, das Käser enttäuscht hat. Ein Novartis-Mitarbeiter wird da direkter: Es spricht von einem «Wechselbad der Gefühle, in das man die Mitarbeiter werfe. Das Ganze erinnere ihn an die Redewendung vom «Zuckerbrot und der Peitsche».

Diese Milchbüchleinrechnung, also das gegenseitige Aufrechnen der ab- und aufgebauten Stellen, hat zudem einen grossen Haken: Die Mitarbeitenden müssen für die neuen Stellen, die ab 2020 geschaffen werden, eine andere Qualifikation mitbringen als für die Stellen, die verschwinden werden. Bei der neuen Produktionsstrasse, die Novartis in Stein installieren will, handelt es sich um eine Anlage für eine hochkomplexe, neuartige Zelltherapie. Wie viele Mitarbeitende umgeschult werden, ist derzeit noch offen.

Soziale Verantwortung wahrnehmen

Genau das erwartet Käser aber. Das Unternehmen müsse jetzt seine soziale Verantwortung wahrnehmen. Und das heisst für ihn: «Möglichst viele der betroffenen Mitarbeitenden müssen auf die neue Produktionsanlage umgeschult werden.» Gleichzeitig erwartet er, dass den Betroffenen auch Stellen in anderen Unternehmensbereichen angeboten werden und dass für diejenigen, welche die Stelle verlieren, ein guter Sozialplan vorgelegt wird.

Käser, der am Montagabend von Novartis über den Abbau informiert wurde, zweifelt nicht daran, dass sich Novartis dieser Verantwortung bewusst ist. Er habe das Unternehmen bisher als verlässlichen Partner kennen gelernt. Aber auch er verhehlt nicht, dass der Abbau ein harter Schlag für die Region und vor allem für die betroffenen Mitarbeitenden sei. «Ihnen kann ich nur wünschen, dass sie die Hoffnung nicht verlieren.» Sollte jemand in Not geraten, werde die Gemeinde ihm im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten natürlich helfen. Nach wie vor hofft Käser derweil, dass der Stellenabbau kleiner ausfallen wird als angekündigt, dass Novartis also nochmals über die Bücher geht. «Je weniger Stellen verloren gehen, desto besser.»

Wie viele Fricktaler vom Stellenabbau betroffen sein werden, lässt sich heute noch nicht sagen. «Im Dorf wohnen nicht nur Mitarbeiter, die im Werk Stein arbeiten, sondern auch viele, die bei Novartis in Basel tätig sind.» Auch hier fordert die Umstrukturierung um die 1000 Stellen. Noch nicht beurteilen kann und will Käser heute auch, welche finanziellen Auswirkungen der Stellenabbau auf die Gemeindekasse haben wird. «Das werden wir bis in vier Jahren wissen, wenn der Abbau umgesetzt ist.»

Life-Sciences nicht infrage gestellt

Trotz des massiven Stellenabbaus – der Life-Sciences-Bereich ist für Käser in der Region nicht infrage gestellt. Das zeige die Investition von 90 Millionen Franken, die Novartis in die neue Produktionsanlage getätigt habe. «Der Standort Stein wurde in der Vergangenheit gestärkt und wird es auch durch diese Investition.»
Die Bedeutung von Life-Sciences zeigt für Käser auch das Sisslerfeld, die mit rund 100 Hektaren wichtigste freie Industriefläche im Kanton. Gemeinden, Kanton, Eigentümer und der Planungsverband Fricktal Regio sind sich einig, dass auf dieser «Perle» weitere Unternehmen der Life-Sciences-Branche angesiedelt werden sollen. «Die Stossrichtung stimmt», ist Käser überzeugt. «Der Life-Sciences-Bereich wird im Fricktal auch in Zukunft stark bleiben.»
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