Es ist einer dieser Momente, die eine ewige Liebe erst zu einer ewigen Liebe machen: Man kennt sich, man weiss um die Stärken und Schwächen des anderen, man gönnt sich Freiheiten. Genau so funktioniert wohl auch die Beziehung zwischen Arosa und seinen Aargauer Besuchern.

Für die Leserwanderer Dieter und Rudolf aus dem Freiamt ist es die Rückkehr an einen vertrauen Ort. Beide waren zum ersten Mal in ihrer Bezirksschulzeit da, beide standen in Arosa zum ersten Mal auf den Ski. 

Später kamen sie wieder, zuerst nur im Winter und dann auch im Sommer zum Wandern. Als sie in Chur in die Rhätische Bahn steigen und der knallrote Zug bald durch die Gebirgslandschaft des Schanfigg kurvt, werfen sie sehnsüchtige Blicke aus dem Fenster. Arosa, witzeln die beiden Freiämter später, müsste ja eigentlich längst zum Aargau gehören.

Tatsächlich würde sich im Bündner Bergdorf kaum jemand über diesen Vorschlag ereifern. Aargauer zählen in Arosa zu den grössten Touristengruppen. Sieben von zehn Gästen aus der Schweiz, die ohnehin die Mehrheit ausmachen, stammen aus dem sogenannten Dreieck «Aargau, Zürich und St. Gallen».

Auf den Parkplätzen stehen auffällig viele Autos mit AG-Nummernschild, Dutzende Aargauer besitzen hier eine Ferienwohnung und mehrere Hotels werden von ihnen geführt.

Echte Freundschaften

Seit sieben Jahren liegen sogar die Schalthebel der Macht fest in Aargauer Händen: Der Wohler Pascal Jenny ist Kurdirektor von Arosa. Der frühere Handballprofi, drahtig, schlank und eine weiche Stimme, trägt den Ort gewissermassen in seinen Genen.

Sein Ururgrossvater war der erste Kurdirektor hier oben, und mit seinen Eltern verbrachte Jenny die Ferien oft in einem Chalet. Dass Arosa aargauischer nicht sein könnte, sei eine Sache der Mentalität: «Die Aargauer reisen nicht gern an Party-Hotspots. Sie haben es gern gemütlich und schätzen Qualität.» Da passe das eine eben zum anderen.

Davon abgesehen, leben die mannigfaltigen Verbindungen für Jenny allerdings von ihren Gegensätzen: hier der pulsierende Scharnier-Kanton im Mittelland, dort die idyllischen Berge. Kaum strahlt die Sonne, fahren die Aargauer auf die Gipfel, bestellen ein «Plättli» und fühlen sich geschmeichelt, wenn ihr Lieblingswirt sie in breitem Bündnerdeutsch begrüsst.

«Du kommst rauf und kommst immer wieder», sagt Kurdirektor Jenny. «Du triffst andere Aargauer und triffst sie immer wieder.» Eine gehörige Portion Nostalgie gehört eben auch dazu. Und ein wenig Marketing: Regelmässig konzentrieren die Aroser Touristiker ihre Werbeaktivitäten auf den Aargau.

Ein weiterer Aargauer in Arosa mahnt derweil, die engen Verbindungen zu den Einheimischen nicht zu vergessen. «Über die Jahre sind viele Freundschaften entstanden», sagt Hotelier Ernst Wyrsch. Der langjährige Direktor des «Belvédère» in Davos ist in Dottikon aufgewachsen und führt nun den Verwaltungsrat des «Kulm», des führenden Fünf-Sterne-Hauses in Arosa.

Die Einheimischen werden von den Aargauern demnach nicht nur als Vermieter, Dienstleister oder gesichtsloses Personal verstanden, sondern als echte Freunde. Es ist also geradezu symbolisch, dass manche Leserwanderer aus dem Aargau nach getanem Marsch nicht in den Zug nach Chur stiegen oder die Nacht im Hotel verbrachten. Sie klingelten an einer Haustüre im Dorf – und übernachteten bei Freunden.