Donnerstag, 1. November, Kochergasse 10 in Bern – der Amtssitz von Bundesrätin Doris Leuthard. Pünktlich und gut gelaunt betritt sie um 10 Uhr das Sitzungszimmer «Gotthard» im 1. Stock. Dass sie zwölf Jahre lang 80-Stunden-Wochen geschoben hat, ist ihr nicht anzusehen – sie versprüht Energie, als wäre sie erst gestern in die Landesregierung gewählt worden. Tatsächlich ist sie nur noch ein paar Wochen im Amt – dann ist Schluss. Der Rücktritt der 55-jährigen Aargauerin ist eine gute Gelegenheit gewesen, sie als Gast für den ersten ZT-Talk einzuladen. Sie hat zugesagt unter der Bedingung, dass das Gespräch in Bern stattfinden kann. Nun sind wir da. «Ok, legen wir los», sagt Leuthard – und beantwortet unsere Fragen direkt und ohne viel Federlesens. Hier lesen Sie, was die CVP-Magistratin sagt ...

... über mögliche Anflüge von Reue nach Ihrer Rücktrittsankündigung.

Leuthard lacht. «Nein. Das muss man sich ja vorher gut überlegen. Es war für mich der richtige Zeitpunkt.» Zwölfeinhalb Jahre seien eine lange Zeit. «Ich habe meinen Beitrag für die Schweiz geleistet – ich hoffe wenigstens, dass es so wahrgenommen wird.»

... über die ersten Tage und Wochen im neuen Jahr.

«Erst einmal zügeln, zurück nach Merenschwand. Wieder einmal die Agenda leer haben – darauf freue ich mich. Mehr Zeit mit meinem Mann, meiner Familie – das ist versprochen.»

... über Dinge und Menschen, die sie vermissen wird.

Es werde sich schon viel verändern, meint die Bundesrätin. «Ich habe ein ganz tolles Team, da haben sie einen intensiven Austausch jeden Tag – das wird mir sicher fehlen.» Ebenso fehlen werden ihr die Kollegen im Bundesrat. Und: «Wenn sich etwas ändert, hat man sicher auch ein bisschen Wehmut.»

... über ihre künftige Rolle als alt Bundesrätin.

Wer den Bundesrat verlasse, müsse akzeptieren, dass er oder sie nicht mehr Entscheidungsträger sei. Bei ihren Vorgängern habe sie geschätzt, dass diese sich wirklich ausklinkten. Sie will das ebenfalls so handhaben. Denn: «Ich finde es schwierig für die Nachfolge, wenn jemand immer das Echo vom Freiamt, vom Aargau spielt und immer den Senf dazugibt.» Klar ist, dass sie sich gemeinnützig engagieren will. Und klar ist: 80-Stunden-Wochen wie in den letzten Jahren sind für sie Geschichte.

... über ihren wichtigsten politischen Sieg.

«Wahrscheinlich schon die Energiestrategie», sagt Leuthard. Mit der Kernenergie sei man zwar viele Jahre lang gut gefahren, aber man sehe jetzt, «dass das keine Zukunftstechnologie ist». Dass das Land den Grundsatzentscheid gefällt habe, sich davon zu verabschieden, freue sie.

... über das schlechte Gewissen bei Flugreisen.

«Es ist so: Fliegen ist – wie Mobilität generell – ein grosser Verursacher von CO .» Und fliegen sei so günstig, «dass wir eigentlich zu viel fliegen.». Jeder müsse sich selbst an der Nase nehmen. «Ich werde fliegen nicht vermeiden – man geht ja gern mal ausserhalb der Schweiz in die Ferien. Aber man kann ja beispielsweise Flugmeilen kompensieren.»

... über ihre schmerzhafteste Niederlage.

Doris Leuthard hat in zwölf Jahren zwei Abstimmungen verloren: das Volk wollte nichts von einer Preiserhöhung der Autobahn-Vignette wissen und stimmte dafür der Zweitwohnungsinitiative zu. Gewichtiger seien die Auswirkungen des zweiten Volksentscheids: In den Bergkantonen leide die Bauwirtschaft bis heute. «Wir haben auch zum Teil leerstehende Zweitwohnungen.» Immerhin habe man im Gesetz einiges so regeln können, dass die Einschnitte für die betroffenen Regionen nicht zu gross seien. «Aber dass man auch respektiere: Die Zersiedelung beschäftigt die Leute, und wir wollen ja zu den Landschaften Sorge tragen und nicht alles zubetonieren. Insofern: mit dem Resultat kann man einigermassen leben.»

... über die Mindestzahl der Frauen im Bundesrat.

Die Bundesrätin gibt zu verstehen: Quoten liegen ihr nicht. Aber sie macht klar: In der Arbeitswelt, in der Wissenschaft, in der Politik müsste die Hälfte der Jobs und Ämter an Frauen gehen. Andererseits müsse das Parlament bei der Wahl von Bundesrätinnen und Bundesräten immer auf Persönlichkeiten setzen. «Persönlichkeiten, die das Format haben und auch die Verantwortung übernehmen wollen.»

... über Polemik und Aggressivität im helvetischen Polit-Betrieb.

«Es gab schon immer auch Politiker, die sich sehr prononciert, auch mal unter Gürtellinie, ausgedrückt haben», sagt Leuthard. Sie stelle aber fest: «Im Nationalrat ist es sehr polarisiert geworden.» Wenn Bundesräte Vorlagen präsentierten, wüssten sie oft nicht, wie

es herauskommt. Die Spaltung in Rechts-/Links-Lager sei nicht gut fürs Land: «Wir sind reformfähig, wenn wir von den Parteien erwarten dürfen, dass sie sagen: ‹Okay, Du hast jetzt halt eine andere Meinung, wir finden uns irgendwo.› Wenn jeder nur noch Recht haben will und seinen Standpunkt verteidigen will, dann haben wir eben wenig Reformen. Und das haben wir in dieser Legislatur ein bisschen, leider.» Politiker seien gewählt, «dass sie Probleme lösen und nicht nur einfach debattieren und streiten».

... über ihre Mediennutzung und ihr Handy.

Ihre Mediennutzung habe sich innerhalb der letzten zwölf Jahre «komplett» verändert. Und obwohl man das Handy ja gar noch nicht so lange habe: «Heute ist das Leben fast undenkbar ohne ein Smartphone.» Zu Beginn ihrer Amtszeit kommunizierte die Bundesrätin klassisch auf Papier für Papier. «Heute haben wir eine Vielfalt von Radios, eine Vielfalt von TV-Stationen – und das Internet hat eine ganz andere Bedeutung.» Der Strukturwandel sei unaufhaltsam und werde weitergehen. «Da gibt es immer Verlierer und Gewinner.» Gewinnen reiche aber nicht, so die Bundesrätin: Deren Aufgabe sei es auch, auf jene, die in dieser Situation Probleme hätten, Rücksicht zu nehmen.

... über Facebook, Twitter & Co.

Als Bundesrätin war Doris Leuthard bei der Nutzung von Social-Media-Kanälen sehr zurückhaltend. Es gibt eine offizielle Facebook-Seite des Departements – dort gibt Leuthard aber nichts von sich preis. «Ich habe keine Facebook-Seite, ich habe keinen Twitter-Account», sagt sie. Warum die Zurückhaltung? «Einfach auch, weil ich finde, man gibt so viele Daten preis – da bin ich misstrauisch. Und zweitens: Wenn man so etwas macht, muss man Zeit haben dafür, und fast täglich bearbeiten, und ich habe keine Zeit für das, ich muss arbeiten!» Und obwohl sie nächstes Jahr mehr Zeit in den sozialen Medien verbringen könnte, wird sie zurückhaltend bleiben, wie sie betont: «Ich bin genug in der Öffentlichkeit gewesen, ich suche das eigentlich eher nicht.» Facebook und andere Plattformen werden für sie ein «wichtiges Informationsmittel» sein, diesbezüglich werde sie sicher wachsam sein. Lust, auf Facebook plötzlich mit 20 000 anderen befreundet zu sein, hat sie aber nicht. «Lieber richtige Freunde!»

... über den geplanten massiven Bahnausbau bis 2035 in der Höhe von 12 Milliarden – und was der Kanton Aargau davon hat.

Mehr Menschen und Güter auf Strassen und Schienen: «Die Mobilität wird nochmals zunehmen», sagt Leuthard. «Wir können nicht einfach zuschauen.» Die Schweiz müsse einerseits die Infrastruktur à jour halten, «andererseits halt auch Kapazitäten zur Verfügung stellen, dass wir nicht immer mehr Staustunden haben und die Züge den ganzen Tag prallvoll sind». Im Aargau gebe es strassen- wie schienenseitig ziemlich viel Millionen für den Ausbau. Der Hauptfokus liege auf dem Bahnhof Lenzburg, der erweitert werden soll. Der Aargau bleibe infrastrukturmässig ein wichtiger Kanton, «er leidet ja auch unter den Folgen der Mobilität – gerade auf der A1, da haben wir sehr viele Staustunden».

... über den Wunsch der Aargauer nach einer neuen Bahnverbindung von Olten nach Zürich.

Sie wisse natürlich auch, dass die Aargauer Regierung eine völlig neue Verbindung von Olten bis nach Zürich wünsche. Das aber bleibe schwierig. «Das ist ein Mega-Projekt. Man streitet sich seit Jahren auch über eine Linienführung. Im Moment sehe ich nicht, dass man da irgendeinen vernünftigen Plan realisieren kann. Es wäre mit vielen Enteignungen verbunden, Sie wissen, wie schwierig das ist. Wir verfolgen das mit dem Kanton und den SBB weiter, aber im Moment ist es gescheiter, das auszubauen, was wir haben.» Mit den Investitionen, die bis 2040 in der Pipeline seien, «ist dann diese Schweiz mal gebaut». Dann müsse das Land schauen, das Vorhandene besser zu nutzen – «mit selbstfahrenden Fahrzeugen und mit Verdichtungen im Takt, die die Digitalisierung bringt».

... über das Mobility Pricing in 20 Jahren.

In zwei Jahrzehnten gibt es auf der Strasse «sicher» andere Pricing-Systeme als heute, ist Leuthard überzeugt. Kommt das Mobility Pricing? Das Prinzip sieht vor, dass die Nutzung von bestimmten Strassenabschnitten in den Morgen- und Abendstunden mehr kostet als tagsüber und nachts. Leuthard: «Im Kanton Zug ist ein entsprechender Versuch aufgegleist.» Sie wisse nicht, was da rauskomme – klar sei, dass Mobilität heute recht günstig sei. «Wir müssen schauen, dass wir die Verkehrsströme ein bisschen lenken können.» Ihr ist klar: Viele, die zur Arbeit fahren müssen, können nicht ausweichen. Aber viele hätten die Möglichkeit, eine Stunde später zu fahren. «Auch die Schulen könnten sich ein bisschen anpassen.» Eine Infrastruktur, die auf die Spitzen ausgerichtet sei, werde teuer. «Wenn wir die Milliarden ein bisschen besser investieren könnten, weil man die Mobilität verteilen kann, wäre das sinnvoll.»

... über die Zukunft der Elektromobilität.

Bundesrätin Doris Leuthard ist überzeugt: In 20 Jahren wird die Mehrzahl der Autos elektrisch angetrieben sein. Befeuert werde der Trend auch durch den Dieselskandal in Deutschland, wo viele Städte Fahrverbote verhängt haben. Und: «Die Angebote der Autoindustrie werden immer besser.» 300, 400 Kilometer Reichweite – «das wird schnell real sein». Zudem: «Wir haben jedes Jahr mehr Ladestationen.» E-Mobilität sei sauberer, brauche weniger Energie. «Insofern glaube ich, dass das eindeutig Zukunft hat.» Und wenn elektrisch angetriebene Fahrzeuge noch intelligent miteinander kommunizieren können «und uns so den Verkehrsfluss erleichtern, muss man das vorantreiben».

... über ihr nächstes Auto.

Der Entscheid machte Schlagzeilen: Als Amtsfahrzeug liess Doris Leuthard vor Jahren einen schicken Tesla ordern. Den muss sie mit dem Rücktritt abgeben. Aber auch ihr privates Auto wird wohl ein Tesla sein, wie sie verrät: «Ich warte auf die nächste Generation.» Den Tesla 3 also? «Ja, den würde ich sehr gut finden. Er ist leider in der Schweiz noch nicht auf dem Markt.» Die Bundesrätin ist sicher: Wenn die Preise für E-Autos «noch ein bisschen vernünftiger werden», so, dass sie mit einem normalen Lohn erschwinglich sind, «dann haben die dann langsam einen Durchbruch am Markt».

... über selbstfahrende Taxis in 20 Jahren.

Die Antwort auf die Frage, ob in 20 Jahren selbstfahrende Taxis in der Schweiz herumkurven, kommt wie aus der Pistole geschossen: «Ja, eindeutig.» Leuthard verweist auf Versuche mit kleinen Bus-Shuttles in Sion. «Das funktionierte hervorragend, natürlich noch langsam, aber sie sind sicher, die Leute akzeptieren das.» Das seien Konzepte, die zunehmen werden und Innenstädte entlasten könnten, auch punkto Lärm. «Das ist eine Win-win-Situation.»