Thomas Schörg aus Boniswil konnte es kaum glauben, als er von der az erfuhr, dass seine Petition bei seiner Gemeinde nicht nur gut ankam, sondern auch sofort umgesetzt wird. Neu hält der Bus zwischen Lenzburg und Teufenthal auch abends in Boniswil. Dank Schörg und seinem Vorstoss auf Petitio.ch. Der 33-jährige Logistiker pendelt regelmässig zwischen Boniswil und dem Wynental und konnte nicht verstehen, warum der Bus ab 20 Uhr in seinem Dorf durchfährt.

Schörg startete Anfang Januar darum eine Petition. Sachlich beschrieb er das Problem: «Die drei letzten Busse der Line 395 fahren 20:35 ,21:35 und 22:35 Uhr nur bis zum Schloss Hallwyl danach fährt der Bus leer weiter nach Boniswil, wo er danach abbiegt Richtung Lenzburg.»

Petitio: Busverbindung verlängern bis Boniswil

Schnörkellos schlug er vor: «Die drei Verbindungen verlängern bis zum Bahnhof Boniswil.» In der nötigen Frist von 30 Tagen gewann er 118 Mitstreiter, die sich auf Petitio.ch anmeldeten, verifizierten und mit ihrem Namen den Wunsch nach den Busstopps in Boniswil unterstützten. 50 Befürworter sind bei einer kleinen Gemeinde wie Boniswil (1400 Einwohner) nötig, damit die az das Anliegen aufnimmt und an die Verantwortlichen weiterleitet. Bei grösseren Gemeinden sind 100 bzw. 200 Mitstreiter nötig.

Gemeinderat erfreut

Der Gemeinderat Boniswil handelte und antwortete schnell: «In erfreulich kurzen Verhandlungen haben sich die kantonale Sektion öffentlicher Verkehr und der Regionalbus Lenzburg bereit erklärt, die drei gewünschten zusätzlichen Bus-Stopps ab sofort einzuführen.» Die Petition aus Boniswil ist damit die erste, die via Petitio.ch eingereicht wurde und deren Forderung bereits erfüllt ist.

Nicht alle Gemeinden waren von Anfang so kooperativ wie Boniswil. In Einzelfällen antworteten Kommunen nicht oder erst auf Nachfrage. Zum Start von Petitio zeigte sich auch die Aargauer Gemeindeammänner-Vereinigung skeptisch und empfahl den Behörden einen «zurückhaltenden Einsatz im Umgang mit dieser Plattform». Bedenken hatte die Vereinigung in erster Linie, weil die az eine «Filter-Funktion» übernehme und damit entscheide, welche Petition den Gemeinden übergeben werde. Man werde das Projekt mit Interesse verfolgen, hiess es in einem Brief von Anfang Dezember.

Gautschy findet positive Worte

Sechs Monate später sieht das Renate Gautschy, Präsidentin der Gemeindeammänner-Vereinigung, schon viel gelassener und zieht eine wohlwollende Zwischenbilanz: «Nach der ersten Aufgeregtheit begegnet man Petitio inzwischen unaufgeregt. Man kann als Bürger auf diesem Weg etwas bewegen.» Sie verfolge_ persönlich mit Interesse, was an Anliegen aus der Bevölkerung auf Petitio lanciert werde, sagt Gautschy gegenüber der az.

Auch die Präsidentin der Gemeindeammänner stellt fest: Die anfängliche Sorge, die Plattform könnte für extreme Forderungen oder als Wutbürger-Kanal missbraucht werden, hat sich als unbegründet erwiesen. Keine einzige eingereichte Petition musste bisher wegen derlei Gründen zurückgewiesen werden.

Petitio wird rege genutzt. Zusammen mit den Kantonen Solothurn und den beiden Basel, wo die az-Partnerzeitungen die Plattform betreiben, sind in den ersten sechs Monaten über 110 Petitionen eingegangen, davon alleine 68 aus Aargauer Gemeinden. 29 Petitionen im Aargau erreichten die nötige Anzahl Unterstützer, damit die az das Anliegen an die betreffende Gemeinde weiterleitet.

Hier ein Einblick in die Vielfalt der lokalen Anliegen:

Die beliebteste Petition

Die Fangemeinde des Aarauer Nachtklubs «Schlaflos» hat über 1274 Unterstützer mobilisiert. Der Klub kämpft gegen die Schliessung. Die notwendigen 200 Stimmen waren schon nach einer Nacht zusammen – vor allem dank Verbreitung via Facebook. Noch vor dem offiziellen Ablauf der Sammelfrist (morgen Freitag) ist politisch einiges in Bewegung gekommen und «Schlaflos» kann einen Teilerfolg verbuchen.

Petitio: Schlaflos Aarau

Die meist Diskutierte

Da hatte die Petionärin aus Aarau buchstäblich eine gute Nase: Unter dem Titel «Gute Luft am Bahnhof Aarau, auch am Mittwoch!» lancierte sie ein Anliegen, das den Nerv vieler Pendler traf: Die Emissionen der Berliner-Friteuse in der Unterführung beherrschten mittwochs stets das Bahnhofgelände. Die einen nerven sich ab dem Gestank, den anderen gefällt der Berlinerduft. Die Petition mit 277 Unterstützer und der Forderung nach einem funktionierenden Abluftfilter war tagelang Bahnhofsgespräch. Eine Antwort steht noch aus.

Petitio: Berliner Luft Aarau

Die Kinderfreundlichste

Normalerweise freuen sich Badibesucher, wenn ihr Schwimmbad renoviert wird. Nicht so in Schinznach: Beim Umbau wurde das Nichtschwimmerbecken so vertieft, dass kleinere Kinder nicht mehr sicher stehen können. Anwohner machen sich darum für eine familienfreundliche Korrektur stark. Die Frist endete am Dienstag mit 124 Stimmen, jetzt sind die Partnergemeinden am Zug.

Petitio: Familien-Badi

Das häufigste Thema

Ob ein zusätzlicher Bus nach 22 Uhr in Brugg, eine Verbindung ins Ruedertal oder ein besserer Anschluss in Büttikon – der öffentliche Verkehr im allgemeinen und Busverbindungen im speziellen werden auf petitio.ch besonders häufig thematisiert.

Die Einsamste

Nicht alle Petitionen stossen auf Interesse. Mehlsuppe etwa scheint nicht mehrheitsfähig. Ein Petitionär aus Sarmenstorf wollte allen Kindern am Fasnachtsdienstag freigeben, wenn sie an der Mehlsuppentour mitmachen wollen. Doch das Anliegen kam nicht über zwei Stimmen hinaus. Das Fasnachtsmotto «Jetzt spennids» liess sich offenbar nicht auf die Schulpflege übertragen.

petitio: Ein Mehlsuppentag für die Sarmenstorfer Schülerinnen und Schüler

Die Knappste

200 Stimmen sind in einer Stadt von der Grösse wie Lenzburg nötig, damit die Redaktion eine Petition weiterreicht. Das Anliegen für eine Lichtanlage auf dem Sportplatz Lenzhard hat jede Stimme gebraucht. Genau 200 Unterstützer waren es am Schluss der Sammelfrist.

Petitio Lenzhard Lenzburg