Die Pflichtverteidigerin des Vierfachmörders Thomas N. muss in der Urteilsbegründung, die der «Nordwestschweiz» vorliegt, vom Gericht viel Kritik einstecken. Pflichtverteidigung ist eine undankbare Sache für Anwälte. Klienten wie Thomas N. begegnet die Öffentlichkeit im besten Falle reserviert, wohl eher aber feindlich. Das muss nicht unbedingt auf die Pflichtverteidigung abfärben, wie Millieuanwalt Valentin Landmann beweist. Doch Renate Senn, die in einer kleinen Anwaltskanzlei in Baden arbeitet, hat drei grosse Fehler begangen, die ihrem Image schaden könnten.

Fehler 1: «Blanker Hohn» oder die Mitschuld der Opfer

In ihrer allerersten Medienmitteilung im Frühling 2016 hatte Renate Senn erklärt: «Ich werde meine Arbeit mit allem Respekt und mit Würde gegenüber den Opfern und den Hinterbliebenen wahrnehmen, denen unfassbares Leid angetan wurde.» Gemäss dem Gericht wurde Senn ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht. 

Senn begann nämlich nicht nur pflichtgemäss den Täter zu verteidigen, sondern auch dessen Tat. Und: In ihrem Plädoyer schiebt Senn den Opfern sogar eine Teilverantwortung für die einzelnen Tatetappen zu. Diese hätten es ihm zu einfach gemacht, die Tat auszuführen. 

Die Richter werten dies als «blanken Hohn».  Die Opfer und deren Angehörige würden «verhöhnt».

Die Richter schliessen daraus, dass N. keine echte Reue verspüre. Die Verteidigungslinie von Senn schlägt fehl.

Fall Rupperswil: Heftige Kritik an Honorarforderung der Verteidigerin

Fall Rupperswil: Heftige Kritik an Honorarforderung der Verteidigerin

Star-Anwalt Valentin Landmann und das Gericht kritisieren die hohe Honorarforderung von 155`000 Franken von Pflichtverteidigerin Renate Senn.

Fehler 2: Die falsche Medienkritik

Eine weitere Verteidigungslinie glaubt Renate Senn in der Medienkritik gefunden zu haben. Sie versucht, eine Strafminderung herauszuholen, indem sie eine unseriöse Medienberichterstattung sowie eine Verletzung der Unschuldsvermutung anprangert. Thomas N. sei vom Boulevard als «Bestie» betitelt worden und Senn bezeichnet einige Journalisten in ihrem Plädoyer als «Bluthunde».

Das Gericht stellt nun im Urteil fest, dass sich die Verteidigung und gewisse Medien mit diesen Begriffen aus dem Tierreich auf dem gleichen sprachlichen Niveau bewegen würden. Mit anderen Worten: Wer den Stil angreift, sollte eine bessere Sprache wählen.

Auch mit dem Verweis auf die verletzte Unschuldsvermutung kann Senn nicht punkten. Thomas N. habe diese mit seinem Geständnis teilweise selber aufgehoben. Zudem: Wer eine Gewalt- und Sexualstraftat begehe, die «in puncto Abscheulichkeit in der schweizerischen Kriminalgeschichte ihresgleichen sucht», der müsse mit einer starken Medienresonanz rechnen.

Auch diese Verteidigungslinie bricht in sich zusammen.

Pflichtverteidigerin Renate Senn stellt sich nach dem Urteil für Thomas N. den Medien

Pflichtverteidigerin Renate Senn stellt sich nach dem Urteil für Thomas N. den Medien

16. März 2018

Fehler 3: Zu hohe Honorarrechnungen

Renate Senn schickte dem Gericht für die Pflichtverteidigung von Thomas N. eine Rechnung über 155'000 Franken. Hinzu käme noch der bisher unbezifferte Aufwand für die Teilnahme an der Hauptverhandlung plus Wegkosten. Der Aargauer Anwaltstarif beträgt 200 Franken pro Stunde. Doch Senn verlangt 220 Franken. 

Diese Rechnung akzeptiert das Gericht nicht. Der Stundenansatz ist zu hoch. Senn begründet den Ansatz damit, dass das Verfahren besonders zeitintensiv gewesen sei. Kein Argument, sagen die Richter: Sie belehren Senn mit einer Lektion in Algebra: Mehr Arbeit solle sich in der Anzahl Stunden niederschlagen und nicht in der Höhe des Stundenansatzes.

Es gibt weitere Positionen, die das Gericht nicht akzeptiert:

  • 10 Stunden an Telefongesprächen mit der Mutter des Mörders. Das gehöre jedoch nicht zum notwendigen Aufwand einer amtlichen Verteidigung, meint das Gericht.
  • Die Zeitungslektüre zum Fall. Für das Gericht besteht kein Zusammenhang zu den Medienanfragen.
  • Mehrstündige Austausch-Gespräche mit anderen Anwälten. Das Gericht findet, dass Senn als Fachanwältin Strafrecht genügend qualifiziert sein müsste, um die Arbeit selber zu erledigen.

Das Urteil der Richter ist hart: Sie beurteilen die Rechnung als völlig überrissen. Statt einer Korrektur greift das Gericht zur ungewöhnlichen Massnahme. Sie streichen Senns Honorar für die Hauptverhandlung.

Fazit: Das Urteil ist alles andere als schmeichelhaft für Renate Senn. (jk)