Seit das schriftliche Urteil gegen Thomas N. vorliegt, hagelt es Kritik: Der Zürcher Millieuanwalt Valentin Landmann rügt Thomas N.s Verteidigerin Renate Senn. Zwölf Schweizer Strafverteidiger nehmen sie in Schutz und monieren ihrerseits das Verhalten des Bezirksgerichts Lenzburg.

Einer will die Situation nun klären: Kenad Melunovic, Fachanwalt für Strafrecht. Der auch als "Raser-Anwalt" bekannte Aargauer verteidigt Senn und das Gericht. Ihm geht es um den Streitpunkt, ob Senn die Opfer in ihrem Plädoyer verhöhnt hat. Das habe sie nicht getan, sagt Melunovic im "Talk Täglich" auf "Tele M1". Dabei stützt er sich auf die Urteilsbegründung: "Das Gericht hat im Urteil nie geschrieben, dass sie den Hohn erzählt hat." Die umstrittenen Aussagen seien Thomas N. zugeordnet worden. "Sie hat die Tat nie verteidigt", sagt Melunovic.

Wörtlich steht im Urteil:

"Bis zuletzt im Plädoyer seiner Verteidigung versuchte der Beschuldigte konstant den Opfern seiner Tat eine Teilverantwortung für die einzelnen Tatetappen zuzuschieben. (...) Und auch die Tötungen, so der Beschuldigte in vollkommener Ausserachtlassung seiner Erstaussagen, seien nur aufgrund der ausweglosen Situation erfolgt. Den Ausschlag zu den Tötungen habe gegeben, dass sich der ältere Sohn unterwartet von den Fesseln habe befreien können. Auch hier versucht der Beschuldigte die Verantwortung für sein Handeln den Opfern zuzuschieben, welche ihm in keiner Phase der Tat Widerstand entgegengesetzt hatten. Mit diesen Aussagen verhöhnt der Beschuldigte nicht nur die Opfer und deren Angehörigen, sondern zeigt vielmehr, dass weder echte noch aufrichtige Reue vorhanden ist."

Landmann hingegen bemängelt an Senns Verteidigung, dass sie diese Aussagen von N. vor Gericht vorbrachte. Damit habe sie ihrem Klienten geschadet. Landmann sagt: "Man schafft mit seiner Art zu verteidigen ein Gesamtbild vom Fall und vom Klienten. Es ist die Aufgabe des Verteidigers, das – soweit überhaupt möglich –, zugunsten des Klienten zu machen." Senn hätte seiner Meinung nach die Einsicht von N. hervorheben müssen, schliesslich sei er ja geständig gewesen.

Keine übertriebenen Honorar-Forderungen

Auch Senns Honorar-Forderungen gaben zu reden. Sie listete Aufwände im Wert von 155'000 Franken auf. Melunovic stellt sich auch hier auf Senns Seite. Damit das Gericht das angemessene Honorar bestimmen könne, müsse der Verteidiger alle Aufwände auflisten, die er gehabt habe. "Dabei streichen wir nicht approximativ und in vorauseilendem Gehorsam Punkte, von denen wir wissen, dass sie wahrscheinlich nicht genehmigt werden", sagt Melunovic. Von übertriebenen Honorar-Forderungen könne darum nicht die Rede sein.

Landmann sagt hingegen, er selbst schreibe Dinge, die seiner Meinung nach nicht zum Kern der amtlichen Verteidigung gehörten, nicht auf. Als Beispiel nennt er die Zeit, die ein Verteidiger für den Medienkonsum zum Fall braucht:  "Ich habe noch nie x Stunden Presselektüre aufgeschrieben."

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(mwa)