Es war eine grosse Enttäuschung für die Aargauer Regierung: Vor rund zweieinhalb Jahren, im August 2016, trat der Grosse Rat nicht einmal auf die Vorlage zur Reform der Berufsschulen ein. Kurz gesagt erlitt die Vorlage des Regierungsrats damals Schiffbruch, weil im Kantonsparlament regionale Interessen stärker gewichtet wurden als pädagogische und finanzpolitische Aspekte. Auf das neue Konzept des Regierungsrats, das am Montag präsentiert wurde, reagieren die Parteien positiver.

Sogar die SVP, die sich im Grossen Rat sehr für die Interessen der Regionen einsetzt und auf eine starke Mitsprache des Parlaments pocht, begrüsst es, dass der Regierungsrat nun die Standortfragen in eigener Kompetenz geregelt hat. Die Partei mit der stärksten Delegation im Grossen Rat hält in einer Mitteilung fest, die Bildung von Kompetenzzentren bei den Berufsschulen mache Sinn.

Die zukünftige Verteilung der Berufsschulen im Aargau ab 2020:

SVP stellt Sparpotenzial infrage

Auch die regionalpolitischen Anliegen sind aus Sicht der SVP, die mit Alex Hürzeler den Bildungsdirektor stellt, angemessen berücksichtigt worden. Ob das Sparpotenzial – 2,9 Millionen Franken für den Kanton und 1,25 Millionen Franken für die Gemeinden – wirklich realisiert werden könne, müsse sich zeigen. Unlogisch erscheint der SVP vor dem Hintergrund der Berufsschulreform, dass die Regierung «im Bereich der Mittelschulen den umgekehrten Weg gehen und neue Standorte eröffnen will».

FDP lobt Rücksicht auf Regionen

Die Freisinnigen, die sich im Grossen Rat oft gegen den Erhalt von Strukturen aus Rücksicht auf regionale Befindlichkeiten stellen, halten fest: «Der Regierungsrat hat regionalpolitischen Aspekten richtigerweise grösseres Gewicht beigemessen als einem maximalen Sparziel.» Das Konzept orientiere sich an der Realpolitik, nur so seien alle Akteure für die Umsetzung zu gewinnen. Mit der Schaffung von Kompetenzzentren werde eine bessere Auslastung der Standorte erreicht, halten die Freisinnigen fest. Ob der Bildungsfranken künftig effizienter eingesetzt wird, lasse sich erst nach Umsetzung des Standortkonzeptes überprüfen. Die FDP geht davon aus, dass einzelne Schulen mit geringerer Auslastung bei unveränderten Grundkosten höhere Aufwendungen ausweisen werden.

CVP ruft zur Kooperation auf

Die CVP ist zufrieden, dass mit dem neuen Konzept keine Berufsfachschule ihre Tore schliessen muss. Dass es dennoch Sieger und Verlierer gibt, ist der Partei bewusst, wie sie mitteilt. Es liege nun an den einzelnen Schulen, in Kooperation mit dem Kanton «die besten Verteilschlüssel zu definieren, damit auch die vermeintlichen Verlierer ihre Schulen erfolgreich weiterführen können». Insgesamt ist die CVP jedoch überzeugt, dass mit dem neuen Standortkonzept der Berufsschulen «die angestrebten Ziele weitgehend erreicht wurden und eine zukunftsfähige und regional ausgewogene Lösung gefunden wurde».

GLP kritisiert Gärtlidenken

Die Grünliberalen haben Verständnis dafür, «dass einzelne Berufsschulen nicht glücklich sind, dass sie Teilbereiche an andere Schulen abgeben müssen». Für das Gesamtprojekt sei eine Konzentration von einzelnen Bildungsgängen aber unerlässlich. Die GLP hält in ihrer Mitteilung fest, das Gärtlidenken einzelner Regionen oder Schulen sei aus ihrer Sicht nicht zielführend. Wichtig sei vielmehr, «dass sich die Berufsbildung im gesamten Kanton zukunftsorientiert weiterentwickelt». Indem zum Beispiel das Berufsbildungszentrum Freiamt zur reinen KV-Schule werde, spezialisiere sie sich dort, wo sie ihre Stärken habe.

Schliessung von Berufsschulen: Die Reaktionen sind gemischt

Schliessung von Berufsschulen: Die Reaktionen sind gemischt

Im Aargau wird die Berufsschule neu organisiert. Auswirkungen hat das für jeden 12. Schüler, denn diese müssen ab Sommer 2020 an einen anderen Ort in die Berufsschule gehen.

EVP sieht diverse Mängel

Kritisch beurteilt die EVP die Vorlage der Regierung – diese sei noch nicht ausgereift. So schaffe man Kompetenzzentren, verteile aber die Gesundheits- und Betreuungsberufe auf mehrere Standorte. Auch die Bedeutung eines breiten Berufsschulangebots für Wirtschaftsregionen werde zu wenig berücksichtigt, teilt die EVP mit Blick nach Zofingen mit, wo die KV-Abteilung geschlossen wird. Zudem sei die Höhe der möglichen Einsparungen mit 4,1 Millionen Franken für eine grosse Reorganisation sehr klein. Grundsätzlich kritisiert die EVP: «Dass man das Parlament aussen vor lässt, ist aufgrund der Brisanz nicht richtig.»

Nicht geäussert haben sich am Montag die zwei linken Parteien im Grossen Rat. Weder von der SP, noch von den Grünen ging bis Redaktionsschluss eine Stellungnahme zur Berufsschulreform ein.