Peter Rey betritt die neue Staatstrotte in Frick. Es ist der 1. September 1983. Sein erster offizieller Arbeitstag als Angestellter des Kantons Aargau. In drei Tagen soll eine frühreife Traubensorte geerntet werden. Aber er hat weder Tanks noch Wasser. «Es war eine Baustelle», erzählt er. «Die Regierung hat die Weintanks viel zu spät bestellt.»

Der neue Kellermeister hatte also schon an seinem ersten Arbeitstag ein Problem zu lösen. Die fehlenden Tanks konnte er von einem anderen Betrieb ausleihen. Es waren aber nicht die grossen 2000-Liter-Fässer, sondern viele kleinere. «Das gibt Arbeit», sagt er. «Ich hatte 1800 Liter in sechs 300-Liter-Tanks am Gären.» Und genug Platz für alle Trauben hatte es nicht. «Es war wirklich ein Glück, dass der Herbst 1983 ein sehr sonniger war», sagt Peter Rey. «Da konnte ich sagen, wir können jetzt drei Tage nicht lesen, weil ich keine Behälter habe.»

Er wollte Lehrer werden

Trotz turbulentem Start ist Peter Rey dem Aargauer Wein zuerst als Kellermeister, dann als Rebbaukommissär 34 Jahre lang treu geblieben. Dabei war das gar nicht sein Plan. Er wollte Bezirksschullehrer werden, kombiniert mit Sport. Ein Tennis-Ellbogen durchkreuzte diese Pläne. Deshalb ist er 1977 auf den Weinbau umgestiegen. «Einfach, weil ich Wein gern hatte.»
Als Praktikant arbeitete er zuerst in den Weinkellereien Aarau, in der Westschweiz und bei einem Weinbauern in Schinznach-Dorf, bevor er sich in Wädenswil an der Ingenieurschule zum Önologen ausbilden liess. Als die Staatstrotte in Frick eröffnet wurde, bewarb er sich. Seither steht er im Dienst des Aargauer Weins. Rebbaukommissär sei eine Berufung. «Das ist man einfach und das bleibt man.»

Im Nachhinein bereut er es absolut nicht, dass er nicht Herr Rey, der Bez-Lehrer, geworden ist. «Die Arbeit als Rebbaukommissär ist so vielseitig. Ich mache nie einen ganzen Tag lang das Gleiche.» Technik und Forschung spielen eine Rolle. Gleichzeitig ist er mit Natur und Menschen verbunden. Peter Rey mag die Weinbauern. Sie seien offen, gastfreundlich und innovativ. «Und sie haben sogar noch Humor.» Den Winzern geht es mit ihrem Rebbaukommissär gleich. Sie loben seine Menschlichkeit, seinen trockenen Humor und sein riesiges Fachwissen.

Ein Geheimnis verrät er nicht

Ein Rebbaukommissär sei gleichzeitig Berater und Polizist, wobei Peter Rey lieber Berater war. Er erinnert sich, wie er den Weinbauern in Frick Marketing-Kurse gab. «Wir haben Verkaufsgespräche geübt, die wir auf die grossen VHS-Kassetten aufgenommen haben.» Eines seiner Ziele war es, den Ruf des Aargauer Weins zu verbessern. «Das ist eigentlich das grösste Problem, dass der Ruf, er sei ein ‹suurer Cheib› oder ‹Ranzechlemmer› zum Teil immer noch in den Köpfen ist.»

Dabei hat sich viel getan in den letzten 30 Jahren. 1993 wurde das Rebsortenverzeichnis ausgedehnt. «Bis zu diesem Zeitpunkt gab es im Aargau genau eine erlaubte Rotweintraubensorte, den Blauburgunder», sagt Peter Rey. Mittlerweile sind es 54 Sorten. Das habe schon dazu geführt, dass die Leute auf den Aargauer Wein aufmerksam wurden.
In seinem Weinkeller in Seengen, wo Peter Rey wohnt, hat es auch ausländische Weine. «Ich mag italienische Weine oder auch mal einen Bordeaux», sagt er. Aber seinem Besuch tischt er Aargauer Wein auf. «Die Vielfalt ist inzwischen so gross, dass man die ganze Palette abdecken kann.» Obwohl er seine Präferenzen hat, verrät Peter Rey nicht, welcher Aargauer Wein für ihn der beste ist. «Ich muss da ein bisschen neutral bleiben.» Aber seinen Lieblingsjahrgang verrät er. 2015. «Der ist sensationell gut. Da hat einfach alles gestimmt.»

Im Rebberg statt im Bett

Der aktuelle Jahrgang schliesse durchschnittlich mit 95 Öchsle bei den Blauburgundern ab. Trotz Frostnächten Ende April sei die Erntemenge mit durchschnittlich 78 Prozent einer Durchschnittsernte noch gut ausgefallen. Im Mai rechneten einige Aargauer Winzer noch mit einem Totalausfall.

Solche Wetterkapriolen haben gravierende und teilweise sogar existenzielle Folgen für die Winzer. Und auch Peter Rey leidet mit. «Ich habe meinen Zahltag, aber es geht mir trotzdem nahe.» Wenn eine Frostnacht anstand, lag er denn auch nicht im warmen Bett, sondern ging mit den Weinbauern am Morgen um 3 Uhr in den Rebberg. Viele Weinbauern hätten in einer solchen Situation das Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen. «Und ich kann gut zuhören und weiss relativ viel.»

Tatsächlich weiss im Kanton Aargau wohl kaum einer so viel über Wein wie Peter Rey. Nach 34 Jahren lässt er sich Ende November im Alter von 62 Jahren frühpensionieren. Ganz zurückziehen werde er sich nicht: «Dafür ist mir die Stelle zu wichtig», sagt er. Sein Vorgänger habe das gemacht. Auf kein Telefon mehr reagiert. Das werde er nicht machen. Genauso wenig werde er die ersten fünf, sechs Wochen nach der Pensionierung viermal pro Woche im Büro auftauchen, wie es andere auf der Liebegg gemacht hätten. «Aber auf Anfrage helfe ich natürlich gerne.»

Weinreisen und andere Reisen

Peter Rey freut sich, dass er mit der Pensionierung sehr viel Verantwortung abgeben und alles etwas ruhiger angehen kann. Er will Zeit mit seinen zwei Enkelinnen verbringen und endlich mal im Herbst Ferien machen. Es zieht ihn nach Süddeutschland, ins Südtirol und natürlich ins Piemont. «Es wird ein paar Weinreisen geben», sagt er und schmunzelt. Er wird auch weiterhin einmal pro Jahr nach Finnland reisen. In die Einsamkeit der Wälder und Seen im hohen Norden reist er jeweils mit einem guten Freund. «Wir haben dort ein Haus mit Strom und Sauna», sagt Peter Rey. Tagsüber fahren die beiden mit dem Boot raus, um zu fischen. Mit dem Ruderboot? «Nein, gerudert wird in den Ferien nicht.»

Selbstverständlich wird Peter Rey dem Aargauer Wein auch nach der Pensionierung treu bleiben. Er könnte sich sogar vorstellen, einen eigenen kleinen Rebberg zu haben, wenn es seine Gesundheit erlaubt. «Ich hätte ja sogar noch bis Ende Monat die Kompetenz, Parzellen im Rebkataster aufzunehmen», witzelt er. Sollte aus dem eigenen Rebberg nichts werden, bleiben immer noch seine drei Reben auf dem Balkon. «Wunderschöne Tafeltrauben sind das.» Und natürlich die Aargauer Weinbauern. Als Önologe höre er schnell mal die Frage, ob er kurz Zeit habe. «Und dann degustiert man einen Keller durch.»

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