«Auch SVP-Urgestein Maximilian Reimann kehrt der Partei den Rücken» – das schreibt der «Tages-Anzeiger» zwei Tage nach dem Austritt von Regierungsrätin Franziska Roth aus der SVP Aargau. Die Zeitung bezieht sich auf ein E-Mail von Reimann, das dieser mehreren Parteikollegen geschickt habe. «Ich gehe bis nach den eidgenössischen Wahlen parteimitgliedschaftsmässig im Aargau in den Ausstand», steht darin. Daraus schliesst der «Tages-Anzeiger», Reimann werde «seiner Partei abtrünnig» und konkurrenziere sie im Herbst bei den Wahlen mit einer eigenen Liste.

Darauf angesprochen, widerspricht Reimann vehement: «Es stimmt nicht, dass ich der SVP den Rücken kehre, ich sistiere auch nicht meine Parteimitgliedschaft im Aargau.» Er habe sich lediglich entschieden, bei parteipolitischen Anlässen, die im weitesten Sinn etwas mit dem Wahlkampf zu tun haben, in den Ausstand zu treten. «Ich werde nicht an solchen Veranstaltungen teilnehmen, es soll mich schliesslich niemand der wahlkampfpolitischen Betriebsspionage bezichtigen können», sagt der 76-Jährige. «Ich habe weder faktisch noch sonst wie mit der SVP gebrochen und bezahle weiterhin meine Beiträge von der Ortspartei bis hin zur Bundeshausfraktion.»

«Nicht als Konkurrenz zur SVP»

Reimann wurde von der SVP Aargau aufgrund einer Altersregelung, die für die Wahlen im Herbst zum ersten Mal angewendet wird, nicht mehr nominiert. Aus der Politik zurückziehen will sich der Fricktaler, der seit 32 Jahren im Bundeshaus sitzt, jedoch nicht. Deshalb hat Reimann mit fünf weiteren Kandidaten eine Seniorenliste mit der Bezeichnung Team 65+ gebildet. Er hält aber fest: «Ich sehe mich und das Team 65+ nicht als Konkurrenz zur SVP – vielmehr geht es uns darum, dass die Seniorengeneration angemessen im Nationalrat vertreten ist.» Das sei eine natürliche Gegenbewegung zur Altersbeschränkung, die nun auch die SVP Aargau eingeführt habe, erklärt Reimann. Er verstehe nicht, warum in Deutschland Wolfgang Schäuble, der gleich alt ist wie Reimann, Bundestagspräsident sein könne, in den USA Nancy Pelosi, die noch zwei Jahre älter ist, das Repräsentantenhaus führe, während in der Schweiz Senioren «zunehmend wahlaltersmässig diskriminiert werden.»

Das Team 65+ mache weitgehend bürgerliche Politik mit Schwergewicht auf seniorenrelevanten Themen und sei auch offen für eine breite Listenverbindung – «aber nicht nur mit einer einzigen Partei, sondern zum Beispiel mit SVP und FDP». Über eine solche Verbindung würden die Mitglieder des Teams 65+ einstimmig entscheiden. Bei seiner Antwort zu den Wahlchancen der SVP Aargau im Herbst wird klar, dass sich Reimann noch als Vertreter der Volkspartei sieht. «Wenn man die letzten kantonalen Wahlen betrachtet, dürfte es für uns schwierig werden, die sieben Sitze im Nationalrat zu verteidigen», sagt Reimann und meint mit «uns» die SVP Aargau.

Roth-Austritt «hilft nicht gerade»

Unabhängig von der Klimadiskussion und den Erfolgen von Grünen und Grünliberalen sieht der erfahrene Politiker einen weiteren Unsicherheitsfaktor im Wahlkampf. «Die Querelen um den Parteiaustritt von Frau Roth helfen der SVP sicher nicht gerade.» Wie reagiert Reimann auf den Schritt der Regierungsrätin und die harsche Reaktion der Parteileitung? «Ich kenne die Details im Verhältnis zwischen Frau Roth und der Parteileitung nicht, es wurden aber sicher auf beiden Seiten Fehler gemacht», sagt er. Aus seiner Sicht fehle es der Führung der SVP Aargau «gelegentlich etwas an Fingerspitzengefühl und Kompromissbereitschaft».

Er sei in der kantonalen Politik nicht direkt involviert, «aber die Entschuldigung der Parteileitung für die Nomination von Frau Roth ist aus meiner Sicht ein Eigengoal». Wenn die umstrittene Regierungsrätin überzeugt sei, dass sie ihre Aufgabe gut und richtig mache, «soll sie im Amt bleiben und bis zum Ende ihrer Amtszeit den Beweis dafür erbringen». Franziska Roth sei schliesslich vom Volk gewählt und habe mit dem Parteiaustritt die vermeintliche Bürde der internen Kritiker abgelegt. «Ob es aber ein Schritt vom Regen in die Traufe wird, wird sich weisen.»