Jederzeit muss Anu Basler mit einem Anruf rechnen und sich dann schnell entscheiden: «Kannst du heute eine Nachtwache übernehmen?», lautet die Frage aus der Ein- satzzentrale meistens. Eine Nachtwache bei einem unheilbar kranken Menschen, der nur noch wenige Tage oder gar Stunden zu leben hat.

Anu Basler ist eine kleine, zierliche Frau – und sie strahlt grosse Stärke aus. Seit sechseinhalb Jahren arbeitet sie als Freiwillige beim Aargauer Hospiz-Verein mit. Vorab im ambulanten, bisweilen auch im stationären Bereich ist sie als Sterbebegleiterin tätig. «Es ist nicht einfach nur traurig, wenn ein Mensch sich auf den letzten Weg macht», sagt Anu Basler. «Es gibt viele schöne Situationen, manchmal sogar lustige Momente.» Und – «es ist nicht nur ein Geben unsererseits, es ist auch ein Nehmen. Wir bekommen viel zurück, von den Patienten, aber auch von deren Angehörigen.»

Kontakt aufnehmen und abklären

Bevor sich Anu Basler zu einem Einsatz aufmacht, nimmt sie mit der betreffenden Familie Kontakt auf und klärt ab, wann sie beim Patienten eintreffen soll. «In der Regel beginne ich mit der Nachtwache um 21 Uhr und bleibe bis um 7 Uhr morgens. Mit dem Wachsein habe ich keine Probleme, auch wenn ich nicht extra ‹vorschlafen› kann», sagt die 63-Jährige. «Ich nehme mir jedoch immer etwas Zeit, um mich auf die kommende Situation vorzubereiten. Ich gehe in mich, mache mir bewusst, dass ich zu einem schwer kranken Menschen gehen werde, der bald sterben wird. Und dass ich Angehörige antreffen werde, die müde und traurig sind und die vielleicht zum ersten Mal so nahe mit Sterben und Tod konfrontiert sind. Die Angehörigen werden oft vergessen, weil sich alles um den Patienten dreht; unser Ziel ist es, auch die Angehörigen mit ihrer Trauer, ihren Sorgen, Unsicherheiten und Fragen wahrzunehmen und zu unterstützen.»

Zur Grundausrüstung von Anu Basler gehören etwa «sanfte Musik, ein Büchlein mit Gedichten sowie eines mit Gebeten – um entsprechende Wünsche erfüllen zu können». Für sich selbst packt sie lediglich ein Getränk, eine Wolldecke und ein Gymnastikmätteli ein. Dann kann sie aufbrechen. Sie fährt von ihrem Wohnort Scherz mit dem Auto zum Einsatzort. «Ich bin immer gespannt darauf, wen ich dort antreffen werde. Umgekehrt gilt das natürlich auch.»

Schnell muss sich Anu Basler auf die jeweilige Situation einstellen. «Ich versuche, die Welt, in die ich als Fremde eintrete, aufzunehmen, zu verstehen und mich ihr anzupassen», erklärt sie. Falls die Patientin oder der Patient nicht mehr reden kann oder mag, spricht Anu Basler zuerst mit den Angehörigen. Sie erfährt, was der Kranke braucht und gerne hat und sie erkundigt sich auch, wie sie die Angehörigen unterstützen könnte. Wenn alles Organisatorische geregelt ist – wo ist die Ersatzwäsche, welche Medikamente müssen wann abgegeben werden usw. – können sich die Angehörigen beruhigt zurückziehen und Anu Basler widmet sich die nächsten 10 Stunden voll und ganz dem schwer kranken Menschen.

«Ich versuche, die Bedürfnisse zu erkennen»

«Wenn der Patient noch aufnahmefähig ist und sprechen mag, reden wir miteinander, nähern uns einander an und ich versuche, seine Bedürfnisse zu erkennen und kleine Wünsche zu erfüllen. Es kann vorkommen, dass ein Patient noch einmal einen Whisky trinken will oder mitten in der Nacht Lust auf ein Stück Bratwurst hat», erinnert sich Anu Basler. «Manche haben es gerne, wenn ich ihre Hand halte, andere wiederum möchten nicht berührt werden. «Das spürt man auch bei Menschen, die abwesend oder verwirrt sind.»

«Wir sind keine ausgebildeten Pflegefachfrauen», hält Anu Basler fest. «Wir absolvieren ein Praktikum in einem Alters- oder Pflegeheim sowie Kurse, Supervision sowie Weiterbildungen und sind so in der Lage, pflegerische Aufgaben wie Umlagern, Einlagen wechseln, Mundpflege usw. zu übernehmen», erklärt Anu Basler. «Man muss manchmal sehr erfinderisch sein, wenn man mitten in der Nacht ein Problem – beispielsweise ein Bett frisch beziehen – allein lösen muss. Aber bisher habe ich es noch immer geschafft.» Die ausgebildete Sozialarbeiterin kann manchmal auch etwas dösen während der Nachtwache. Wenn die Patientin oder der Patient ruhig schläft, legt sie sich auf ihr Gymnastikmätteli. «Ich bin dann wie die Mutter eines Säuglings: Beim geringsten Geräusch – das kann schon das Rascheln der Bettdecke sein – bin ich sofort hellwach und präsent.»

Es gibt Patientinnen und Patienten, die mit ihrer «Nachtwache» reden möchten. «Über die Angst vor dem Ungewissen, das sie erwartet, über das Hadern mit dem Schicksal, über die Trauer darüber, ihre Liebsten verlassen zu müssen – aber auch über das Leben. Es kommen, gerade wenn eine Betreuung etwas länger dauert, auch alte, unerledigte Geschichten zur Sprache. Konflikte, die die Kranken stark beschäftigen.» Mehr als einmal ist es Anu Basler schon gelungen, solche «Geschichten» in Reine zu bringen. «Es geht dabei oft um eine Versöhnung innerhalb der Verwandtschaft», erklärt Anu Basler. «Kommt die Versöhnung zustande, werden die schwer kranken Patienten ruhig und können in Frieden Abschied nehmen.»

Für viele ist der Tod eine erlösung

Für viele Patientinnen und Patienten ist der Tod eine Erlösung. «Ich habe die letzten Momente ganz selten als schwierig empfunden», sagt Anu Basler. «In der Regel wollen die Angehörigen dabei sein, wenn sich abzeichnet, dass es bald zu Ende geht. Auch wenn die Zeit vorher sehr schwierig und traurig war, diese letzten Minuten des sanften Abschieds sind sehr, sehr berührend. Es ist etwas unfassbar Grosses, was da passiert. Wenn der Patient seinen letzten Atemzug getan hat, kehrt eine unvergleichliche Stille ein. Und die Anwesenden fühlen sich durch dieses gemeinsame Erlebnis tief verbunden.»

Anu Baslers Engagement geht nach dem Tod des Betreuten noch etwas weiter: Wenn es die Angehörigen wünschen, wäscht sie mit ihnen zusammen den Leichnam, kleidet ihn an, unterstützt mit Kerzen und Blumen die feierliche Stimmung im Zimmer. «Wir erweisen den Verstorbenen den letzten Dienst mit höchster Sorgfalt, als wären sie noch am Leben. Jedem Menschen gebühren Respekt, Würde und Achtsamkeit bis über den Tod hinaus.»