Der Hunger des grünen Regenfasses am Bahnsteig der Station Koblenz «Dorf» ist nicht zu stillen: Mit einem Draht am Pfosten der Bahnhofsuhr befestigt, hat der Spendenbehälter bereits über 100 Zettel geschluckt.

Grund für diese aussergewöhnliche Hilfsaktion ist die defekte SBB-Uhr. Diese darbt seit mehr als vier Monate über den Köpfen der Zugreisenden dahin, eingehüllt in einen schwarzen Plastiksack und mit Klebeband versehen.

Als eine «super Idee» bezeichnete Gemeindeammann Heidi Wanner die Sammelaktion. Sie sagte, dass sie als Privatperson einen Beitrag zur Reparatur leisten werde. Denn Koblenz soll wieder zu einer schönen Bahnhofsuhr kommen. Doch wer genau steckt hinter dieser findigen Hilfsaktion?

Es ist Hans Frei, ein pensionierter Elektroingenieur aus Koblenz. Vergangenen Montag hat er das Plastikfass, leere Zettel und die Anleitung, wie die Leute spenden können, am Pfosten der Uhr angebracht – als kein Zug in der Nähe war. «Damit mich keiner sehen konnte», sagt er lachend.

 

Sammelaktion zieht Aufmerksamkeit auf sich

Einige Tage später gibt sich der 82-Jährige ohne weiteres zu erkennen. Er freut sich, dass seine Initiative den Stein ins Rollen gebracht hat. Nicht nur bei der Bevölkerung, die eifrig Zettel mit Namen, Adresse und Spendenbetrag ausgefüllt hat, sondern auch bei der SBB.

Denn Mediensprecherin Franziska Frey hat auf die Frage, warum die Bahnhofsuhr bereits so lange ausser Betrieb ist, wie folgt geantwortet: «Es gibt ein Problem mit der Ersatzteilbeschaffung.» Die Mediensprecherin wies zudem darauf hin, dass man zurzeit prüfe, ob es nicht besser sei, eine neue Uhr hinzustellen.

Wie lange es jedoch dauert, bis eine Lösung gefunden wird, darüber konnte sie keine Auskunft geben. «Die vage Antwort zeigt, dass die Uhrenfrage intern zu diskutieren gibt», sagt Hans Frei. Ansonsten, so der Pensionär, wäre die Uhr bereits viel früher repariert oder ersetzt worden.

Die Hilfsaktion hat er nicht nur ins Leben gerufen, weil er sich an der seit Monaten defekten Bahnhofsuhr stört. Sondern auch, weil er damit auf das symbolträchtige Objekt aufmerksam machen will: Die Uhr mit der roten Abfahrtskelle als Sekundenzeiger, die der Ingenieur Hans Hilfiker im Jahr 1944 für die SBB entworfen hat. «Sie ist Teil der Schweizer Identität», sagt der Koblenzer.

Initiant Frei ist wieder aktiv geworden

Bereits als Kind war Frei von der Bahn fasziniert. Sie sei eine Synthese verschiedener wissenschaftlicher Bereiche wie das Bauwesen, die Mechanik oder die Elektrotechnik. «Zudem bewundere ich auch das Engagement, welches das Schweizer Bahnpersonal an den Tag legt», sagt er.

Am Freitag ist Hans Frei wieder aktiv geworden: Rund 100 weitere leere Spendenzettel hat er in einen Plastiksack gelegt und am Regenfass befestigt. Voraussichtlich lässt er dieses auf dem Bahnsteig stehen, bis alle Zettel erneut aufgebraucht sind. Danach wird er den Sammelbehälter öffnen. «Es ist sicher interessant zu erfahren, wie viele Leute sich beteiligt haben», sagt er.

Nachdem das Koblenzer Uhrenproblem nun auch publik gemacht wurde, glaubt er, dass sich die SBB bei der Gemeinde melden wird. Was geschieht mit dem Inhalt des Regenfasses? Wird er die Beträge einfordern? Hans Frei sagt schmunzelnd: «Die Sammelaktion hat symbolischen Wert.»