Russland ist das Land mit der grössten Ungleichheit. Zu diesem Befund kommt die Crédit Suisse in ihrem Vermögensbericht aus dem Jahr 2016. Die obersten zehn Prozent der Russen besitzen 89 Prozent der gesamten Vermögenswerte. Rund 100 Oligarchen gehört rund ein Drittel des Landes.

Die USA sind auf dem besten Weg, mit den Russen gleichzuziehen. Bereits kontrollieren die obersten zehn Prozent Amerikas 76 Prozent aller Vermögenswerte, Tendenz steigend. Auch in den Vereinigten Staaten entsteht eine Klasse von Superreichen, deren Vermögen alles bisher Bekannte in den Schatten stellt. Jeff Bezos' Reichtum hat bereits die 100-Milliarden-Dollar-Grenze überschritten.

Timothy Snyder bei der Präsentation seines Bestsellers «Black Earth».

Timothy Snyder bei der Präsentation seines Bestsellers «Black Earth».

Extreme Konzentration des Reichtums an der Spitze einer Gesellschaft führt dazu, dass das System als Ganzes instabil wird. Das haben Ökonomen und Historiker bis zum Überdruss nachgewiesen. Mit verschiedenen Tricks versuchen die Oligarchen daher, das System zu stabilisieren und die absurde Ungleichheit zu vertuschen.

Timothy Snyder, Geschichtsprofessor an der Yale University, zeigt in seinem neuen Buch «The Road to Unfreedom» auf, dass die russischen und die amerikanischen Superreichen sich dabei immer ähnlicher werden.

1. Mystifizierung der Vergangenheit

Die UdSSR hat sich einst als Zukunftsprojekt verstanden, der ideale Sowjetmensch war die Verkörperung des Idealtypus eines neuen Menschen, der über die kleinbürgerlichen Eitelkeiten erhaben ist. Putins Russland hingegen blickt in die Vergangenheit. Denker wie Iwan Iljin oder Alexander Dugin haben eine Mythologie zusammengeschustert, die Gott und Stalin miteinander versöhnt.

Putin und sein Lieblings-Philosoph

Putin und sein Lieblings-Philosoph

Putin ist ein grosser Fan von Iljin. Dieser lebte lange in der Schweiz und verstarb 1954 in Zollikon bei Zürich. 2004 liess Putin Iljins sterbliche Überreste in ein Kloster nach Moskau überführen, auf Kosten des hierzulande bestens bekannten Oligarchen Viktor Vekselberg.

In Iljins Betrachtungsweise ist Russland ein reines Land, das permanent von äusseren Feinden bedroht wird. Es braucht daher einen Retter, der diese Angriffe abweisen und die russische Unschuld verteidigen muss. «Der christliche totalitäre Faschismus ist eine Einladung an Gott, auf die Erde zurückzukehren, um Russland zu helfen, die Geschichte zu Ende zu bringen», stellt Snyder fest. Putin sieht sich in der Rolle dieses Retters.

Donald Trump macht derweil mit seinem legendären Wahlslogan «Make Amerika Great Again» klar, wohin die Reise führt: zurück in eine glorreiche Vergangenheit. Tatsächlich hat der amerikanische Mittelstand in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg in geradezu paradiesischen Verhältnissen gelebt. Selbst Arbeitnehmer ohne College-Abschluss verdienten genug, um ein sorgenloses Leben zu geniessen.

Eine Baseball-Mütze als Symbol: Make America Great Again.

Eine Baseball-Mütze als Symbol: Make America Great Again.

Heute brauchen sie mehrere Jobs, um knapp über die Runden zu kommen. Der frustrierte amerikanische Mittelstand, vor allem die weissen Männer, sehen in Donald Trump ebenfalls einen Retter, der sie zurück in diese heile Welt führen wird. Deshalb verzeihen sie ihm alles: seine Lügen, seine Affären und seinen nackten Egoismus.

2. Der Feind im Inneren

Der Feind im Inneren «Iljin betrachtete Russland als Gottes Heimatland, das erhalten werden muss, koste es, was es wolle», stellt Snyder fest. Das gilt auch für vermeintliche Feinde im Inneren. In Russland müssen die Homosexuellen die undankbare Rolle des Sündenbocks spielen. Seit Jahren hetzt Putin gnadenlos gegen die gleichgeschlechtliche Liebe.

Russische Polizisten verhaften einen homosexuellen Demonstranten.

Russische Polizisten verhaften einen homosexuellen Demonstranten.

Rein faktisch stellen Schwule keine Gefahr dar. «Aber die Fakten spielen keine Rolle», so Snyder. «Der Zweck der Anti-Schwulen-Kampagnen bestand darin, das Begehren nach einer Demokratie umzudeuten in eine nebulöse Gefahr gegen die russische Unschuld.»

In den USA gibt es (noch) keine Schwulen-Hatz. In der rechtsextremen Szene gibt es jedoch ebenfalls Versuche, die Politik zu sexualisieren. Im Wahlkampf 2016 wurde das Gerücht gestreut, Hillary Clinton betreibe im Keller einer Pizzeria in Washington einen Pädophilen-Ring.

Das absurde Gerücht feiert ein Comeback. Eine Gruppe, die sich QANON nennt, beruft sich auf einen ranghohen amerikanischen Beamten, der wissen will, dass die Clintons tatsächlich einen Pädophilen-Ring unterhalten, zusammen mit Hollywood-Grössen wie Tom Hanks und Steven Spielberg. Diese Verschwörung der Elite werde jedoch glücklicherweise bald von Trump aufgedeckt.

3. Die äusseren Feinde

Der Sieg über Hitler ist Teil der russischen Identität geworden. Wer gegen Russland ist, ist deshalb automatisch ein Faschist. Das gilt auch für die Ukrainer, die sich von Moskau losgesagt haben. Diese Trennung haben die russischen Mystiker wie Dugin nie akzeptiert, Politiker wie Putin auch nicht. Schliesslich war Kiew vor mehr als 1000 Jahren die Wiege der russischen Zivilisation.

Dass die Ukraine und Russland danach rund 800 Jahre kaum etwas miteinander zu tun hatten, wird dabei geflissentlich unterschlagen. Die Ukraine darf niemals ein Teil des Westens und der EU werden.

Zur Freude von Putin unternimmt Trump alles, um westliche Bündnisse zu schwächen. Seine Bündnispartner in der Nato setzt er unter Druck, in der G7 spielt er den wilden Mann. Aus seiner Abneigung gegen Deutschland macht er kein Hehl.

Glaubt an Trump: Russlands faschistoider Philosoph Alexander Dugin.

Glaubt an Trump: Russlands faschistoider Philosoph Alexander Dugin.

Trumps Haltung in der Ukraine-Frage ist unklar. Einerseits hat er sich mehr oder weniger geweigert, die vom Kongress einstimmig beschlossenen Sanktionen umzusetzen. Andererseits hat er Waffenlieferungen nach Kiew bewilligt. Putins Ideologen hingegen wissen, auf wen sie setzen müssen. So postete Alexander Dugin ein Video mit dem Titel: «In Trump We Trust».

4. Der Tod der Fakten

Wladislaw Surkow gilt als einer der genialsten Propagandisten des 21. Jahrhunderts. Im Westen wurde er bekannt, weil er die pompöse Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Sotschi inszenierte. Sein Einfluss reicht viel weiter. Surkow ist es gelungen, «die russische Gesellschaft wie eine einzige grosse Realityshow zu inszenieren», wie Peter Pomerantsev in seinem Buch «Nichts ist wahr und alles ist möglich» festhält.

Der Meister-Demagoge und sein Herr: Wladislaw Surkow und Putin.

Der Meister-Demagoge und sein Herr: Wladislaw Surkow und Putin.

Fakten spielen in den russischen Medien keine Rolle, alles ist relativ. Der Effekt ist gemäss Pomerantsev durchschlagend: «Der Kreml hat die Kunst erlernt, Reality-TV und Autoritarismus miteinander zu verschmelzen, um die gewaltige Bevölkerung von 140 Millionen unablässig zu bespassen, sie abzulenken, ihr ständig geopolitische Albträume zu präsentieren, die oft nur genug wiederholt werden müssen, bis sie ansteckend wirken.»

Timothy Snyder vergleicht Steve Bannon mit Wladislaw Surkow. «Bannons Filme sind simpel und im Vergleich zu Surkow und Iljin uninteressant», stellt er fest. «Aber die Idee dahinter ist die gleiche: Es geht um eine Politik der Ewigkeit, in der eine unschuldige Nation permanent angegriffen wird.»

Der Meister und sein Jünger: Steve Bannon und Roger Köppel.

Der Meister und sein Jünger: Steve Bannon und Roger Köppel.

Nicht nur Bannon hat sich von Surkow inspirieren lassen. Unter Trump ist Fox News nicht nur der TV-Sender mit den meisten Zuschauern, er ist auch eine Art inoffizieller Staatssender geworden. Demagogen wie Sean Hannity und Laura Ingraham sorgen dafür, dass Abend für Abend wird die immer gleiche Botschaft verkündet wird: Es ist eine Verschwörung im Gange. Die Mainstream-Medien, die Demokraten und der «deep state» wollen den Präsidenten stürzen.

Fakten werden durch Lügen ersetzt. Kellyanne Conway, eine Beraterin im Weissen Haus, hat dafür den legendären Ausdruck «alternative Fakten» geprägt. Trumps Anwalt Rudy Giuliani geht noch einen Schritt weiter. «Die Wahrheit ist nicht immer die Wahrheit», hat er kürzlich ernsthaft verkündet. Der Präsident selbst belügt die Öffentlichkeit durchschnittlich sieben Mal pro Tag. Das haben Fakten-Checker bei der «Washington Post» ermittelt.

5. Die neuen Superreichen

Nach dem Zerfall der Sowjetunion haben eine Handvoll Oligarchen und Mafiosi sich das Volksvermögen unter den Nagel gerissen. Unter Putin hat sich diese Klepokratie gefestigt. Es ist ihr jedoch nicht gelungen, die Wirtschaft so voranzutreiben, dass sich ein breiter Mittelstand entwickeln konnte. Russlands Wohlstand ist nicht nur sehr ungleich verteilt, er ist auch weitgehend abhängig von den Bodenschätzen.

In den USA droht der Mittelstand zu verarmen. Die Politik wird zunehmend von Superreichen bestimmt.«Obwohl es noch keinem Oligarchen-Clan gelungen ist, den Staat zu erobern, ist es offensichtlich, dass solche Gruppen am Entstehen sind (Kochs, Mercers, Trumps, Murdochs)», stellt Snyder fest.

Dass Putin und Trump sich so gut verstehen, ist daher kein Zufall. Denn, wie Snyder schreibt: «Amerikanische und russische Oligarchen haben untereinander viel mehr gemeinsam als mit ihrer jeweiligen Bevölkerung.»

Sieht keinen Raum für Kompromisse: Newt Gingrich.

Sieht keinen Raum für Kompromisse: Newt Gingrich.

Demokratie und Rechtsstaat sind in Russland Fremdwörter. Putin selbst spricht bekanntlich zynisch von einer «gelenkten Demokratie». Die ideale Gesellschaft seiner philosophischen Vordenker wie Iwan Iljin ist ein «christlicher, faschistischer Totalitarismus», wie Snyder schreibt.

Die Gründungsväter der Vereinigten Staaten haben vor rund 250 Jahren die Grundprinzipien einer modernen Demokratie formuliert. Heute ist dieses Erbe in Gefahr. Die beiden Harvard-Politologen Steven Levitsky und Daniel Ziblatt haben in ihrem Buch «How Democracies Die» aufgezeigt, wie eine Demokratie in kleinen Schritten vor die Hunde gehen kann – und sie haben damit die eigene Nation gemeint.

Ein neuer Bürgerkrieg
Die Gefahr, dass sich die USA allmählich in einen autoritären Staat verwandeln, ist nicht mehr zu übersehen. Es sind nicht nur linksliberale Snowflakes, die vor dieser Entwicklung warnen. Auch im Trump-Lager spricht man offen von einem neuen Bürgerkrieg, beispielsweise Newt Gingrich in seinem Buch «Trump’s America».

Die USA sind zweigeteilt. Linksliberale und Konservative bekämpfen sich bis aufs Blut. Gemäss Gingrich ist es unmöglich geworden, dass die beiden verfeindeten Lager sich je versöhnen werden. «Die einen werden die anderen besiegen» so Gingrich. «Es gibt keinen Raum für Kompromisse. Das hat Trump vom ersten Tag an verstanden.»