Präsident Donald Trump will die US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen. Auf den ersten Blick ist der Vorgang logisch: Der Staatspräsident, der Premierminister, die Ministerien und das Oberste Gericht, auch die Knesset – alle sind hier. Jedes Mal die verstopfte Autobahn vom Mittelmeer hinauf in die Heilige Stadt zu benutzen, wenn der Botschafter einen Termin hat, ist mühsam und zeitaufwendig.

Doch darum geht es nicht. Jerusalem ist nicht irgendeine Hauptstadt irgendeines Landes, sondern sicher weltweit der am meisten mit Symbolen aufgeladene und am meisten von ihnen belastete Ort. Drei Weltreligionen prallen in Jerusalem aufeinander, von denen zwei hier überhaupt entstanden sind. Der Okzident bildet hier eine unscharfe Grenze zum Orient; der europäische Westen trifft auf den arabischen Osten.

Geteilte Stadt Jerusalem

Auf die uralte Geschichte Jerusalems mit unzähligen Eroberungen (von den Babyloniern über die Römer, Araber, Kreuzritter und Osmanen bis zu den Briten) stösst die jüngste Vergangenheit: Im Unabhängigkeitskrieg 1948/49 eroberten israelische Streitkräfte grosse Gebiete des heutigen Israels, verloren jedoch Ostjerusalem mit seinen uralten jüdischen Vierteln an Jordanien.

Die jüdische Bevölkerung wurde vertrieben; das Fundament des von Römern zerstörten zweiten Tempels, die Klagemauer, die als heiligster Ort des Judentums gilt, war für Juden fortan unzugänglich. Das änderte sich im Juni 1967, als Israel das Westjordanland, den Gaza-Streifen und auch ganz Jerusalem eroberte.

Anspruch in Beton gegossen

Doch Jerusalem ist, völkerrechtlich betrachtet, bis heute geteilt. Die Regierung der palästinensischen Territorien fordert den Ostteil als Hauptstadt eines zukünftigen Palästinenserstaates; radikalere Palästinenserorganisationen wollen die Juden noch immer vertreiben und sich das ganze Land aneignen.

Doch die Realität ist eine andere: In und um Jerusalem sind neue israelische Siedlungen gebaut worden, die wie ein kaum mehr durchdringbarer Mauerring die muslimischen und christlichen Quartiere abriegeln. Israel hat seinen territorialen Anspruch in Beton gegossen; die rechtsnationale Regierung von Langzeit-Premier Benjamin Netanjahu zementiert den Status quo.

Was aber hat all das mit der US-Aussenpolitik zu tun? Die Amerikaner sind die wichtigsten Verbündeten Israels. Doch US-Regierungen haben stets auch enge Beziehungen zu arabischen Staaten gepflegt: zu Saudi-Arabien, zu Jordanien, zu Ägypten und zur Türkei sowieso, die ja als Mitglied der Nato deren Südostflanke absichern soll.

Unter dem Einfluss von US-Präsident Jimmy Carter kam 1978 der Friedensschluss Ägyptens mit Israel zustande, beschirmt von Bill Clinton schlossen die Palästinenser und Jordanien Abkommen mit dem jüdischen Staat.

Indem Donald Trump die US-Botschaft nach Jerusalem verlegt, könnte er mit einem Federstrich 50 Jahre amerikanischer Diplomatie zerstören. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan droht, die diplomatischen Beziehungen zu Israel abzubrechen. Und der saudi-arabische König Salman warnte Trump vor einem Aufruhr unter Muslimen. Solche düsteren Prophezeiungen sind zwar nicht wirklich relevant.

Die arabische Welt befindet sich in einem derart desolaten Zustand, mit Bürger- und Stellvertreterkriegen im Jemen, in Syrien, im Irak, dass eine geeinte arabische Reaktion ausgeschlossen werden kann.

Alles bloss Taktik?

Was aber Präsident Trump mit seiner Aktion wirklich im Schilde führt, ist, wie meist bei ihm, nicht nachvollziehbar. Zwar hat sein Schwiegersohn Jared Kushner (ein konservativer Jude) den Auftrag, den Nahostkonflikt zu lösen. Doch müsste sogar Trump verstehen, dass er riskiert, mit der einseitigen Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt eine Lösung auf lange Sicht zu verhindern.

Aber wer weiss: Vielleicht ist genau das Trumps wirkliches, wenn auch nicht offen deklariertes Ziel, das sich überdies mit jenem von Benjamin Netanjahu decken könnte: eine nachhaltige Lösung so lange zu verhindern, bis die Gründung eines Palästinenserstaates gar nicht mehr möglich ist, weil das Territorium dafür fehlt.