Kartonkisten. Sie stehen für den geplatzten Traum jener jungen Männer, die auf den Strassen Catanias gelandet sind. Jener Männer, welche die gefährliche Flucht übers Mittelmeer überstanden haben und nun in der sizilianischen Stadt am Fusse des Ätna in Karton hausen. Unter den Lauben des Corso Siciliano, Catanias Geschäftsstrasse. Nachdem die fliegenden Händler ihren Ramsch eingepackt haben, installieren sich dort die Obdachlosen. Neben den bärtigen «Barboni», den heimischen Clochards, ist es eine wachsende Gruppe von Afrikanern. Einer gönnt sich den Luxus und hat es sich in einem ergatterten Igluzelt gemütlich gemacht. Andere haben nur Decken, die sie in ihre Kisten legen.

Spätabends dann fahren Freiwilligentrupps mit Essen, Tee und Kleidern durch die Stadt, die mit ihren 316 000 Einwohnern Italiens zehntgrösste ist. Sie sind Catanias Helden der Strasse. Eine Gruppe von Gläubigen nimmt mich mit. Auf der Strasse duzt man sich. Schwester Angela, Valeria, ihr Mann Sebastiano und der angehende Priester Matteo haben den Kombi zuvor gefüllt mit Lunchpaketen, Thermoskannen, aber auch Schuhen, Kleidern und Decken. Für jeden Obdachlosen haben sie warme Worte übrig.

Das Boot ist nicht voll

Sechzig Portionen warmer Pasta, Sandwiches und Tee verteilen die vier Freunde an diesem Abend an die Menschen. «Die Zahl der Bedürftigen nimmt laufend zu», sagt Sebastiano. Immer grösser wird die Zahl der Flüchtlinge, die in Sizilien landen.

Die Mehrheit will weiter nordwärts, sagt Valentina. Die Sozialarbeiterin leitet das Helpcenter, das die Caritas, die Hilfsorganisation der katholischen Kirche, beim Hauptbahnhof von Catania eingerichtet hat. «Doch längst nicht alle haben das Geld oder finden einen Weg nach Nordeuropa», sagt sie. Nur ein Drittel der Menschen, die übers Meer nach Italien kommen, bittet auch im Belpaese um Asyl.

Die Zahlen sind eindrücklich. Sizilien ist das neue Lampedusa, sagt man. Allein die Statistik des vergangenen Oktobers spricht Bände: Während im laufenden Jahr im nahen Hafen von Siracusa 40 000 Menschen ankamen, gingen auf Lampedusa gerade einmal 4000 Menschen von Bord. Noch letztes Jahr waren die Verhältnisse umgekehrt. Gesamthaft gingen dieses Jahr bis Ende Oktober über 100 000 Menschen in Sizilien an Land. Im übrigen Süditalien waren es knapp 50 000. Und 2013 mit insgesamt 43 000 Menschen noch deutlich weniger.

Die Zahlen sprengen alle Rekorde. Und täglich kommen mehr Menschen nach Sizilien. Und das, obwohl es auf dem Mittelmeer mit dem nahenden Winter noch gefährlicher wird, als es ohnehin schon ist. «Es sind zu viele», sagen denn auch die Sizilianer. Das Boot ist trotzdem nicht voll. Denn in Sizilien hat das schiere Flüchtlingsausmass kaum politische und damit gefährliche Auswirkungen: Ressentiments gegen die Immigranten finden sich nur punktuell. Der Ärger der Sizilianer richtet sich vor allem gegen die EU und Nordeuropa, das sich bequem hinter den Verträgen von Dublin versteckt und Italien alleine mit seinen Problemen lässt.

Denn der Exodus aus Afrika und der Ansturm auf Süditalien trifft eine Region in der Krise. An Industrie und Arbeit fehlt es im strukturschwachen Süden ohnehin. Norditalien mit seinen Fabriken, seiner ausgebauten Infrastruktur und den reichen Städten ist weit entfernt. Und doch: Sizilianische Gastfreundschaft umfasst nicht nur das Beherbergen von Touristen. Sie macht auch vor den Flüchtlingen nicht Halt.

Gassenküche auf sizilianisch

Das Helpcenter der Caritas ist ein Hort solcher Nächstenliebe. Laut, chaotisch, hektisch, aber äusserst herzlich geht es zu. Hier haben Alfio und seine Leute mehr als 30 Kilo Pasta an Peperonisauce gekocht. Die engagierten Frauen und Männer verköstigen hier jene Notbedürftigen, die sich nach einem langen Tag auf der Gasse stärken wollen. Der Speisesaal bietet Sitzplätze für weniger als dreissig Personen auf einmal. Alfio und sein Team füllen die Teller im Akkord. Wer gegessen und getrunken hat, der muss seinen Platz für den Nächsten räumen. Alfio rechnet vor. «Zwischen 250 und 300 Personen bewirten wir jeden Abend hier.» Für Angelo, einen der Freiwilligen, ist das keine Arbeit, sondern religiöse Pflicht. Ein Dienst an der Gesellschaft. «Es bereitet mir Freude, anderen zu helfen», erklärt er.

Bei der Caritas landen vor allem die Mittellosen. Sizilianer wie Afrikaner. Syrer hingegen kaum. Sie, die ihr Land wegen des Kriegs verlassen mussten, haben im Gegensatz zu den meisten Schwarzafrikanern Geld und ein Netzwerk. Sie fahren weiter gegen Norden zu Verwandten und Bekannten: in die Schweiz, nach Deutschland, nach Schweden.

Wer es nicht nordwärts schafft, ist an einem Ort gestrandet, der nicht einmal die Einheimischen zu ernähren schafft. Der Clochard verpflegt sich genauso bei der Caritas wie der Landarbeiter. «Zu wenig Arbeit, um Essen zu kaufen», klagt dieser.

Vormittags können die Menschen im Helpcenter duschen. Nachmittags geben Freiwillige Italienisch-Unterricht. Ibrahim, ein 21-jähriger Senegalese und der 23-jährige Malier Amin nutzen die Gelegenheit. Seit fünf Monaten leben sie in Catania. In einer Unterkunft der Caritas.

Valentina, die Sozialarbeiterin und Leiterin des Zentrums, hat bereits alle Hände voll zu tun, als plötzlich Hektik aufkommt. Eine Nigerianerin samt Kleinkind bittet um Hilfe. Sie heisst Annabelle und spricht gebrochen Deutsch. Bis zum Vorabend war sie in Düsseldorf. Dann spürte sie die deutsche Polizei auf. Annabelle war über Italien nach Deutschland gekommen. Ein Dublin-Fall also: Das Land ist für den Asylprozess zuständig, dessen Boden ein Flüchtling zuerst betreten hat. Also setzten die Polizisten sie in den ersten Flieger zurück. Warum ausgerechnet Catania? Bei der Caritas ist man ratlos. Die italienischen Polizisten waren es offenbar auch. Sie schickten die Frau an den Bahnhof zur Caritas. «Dort hilft man dir», sollen sie der Frau gesagt haben.

Annabelle gibt an, keine Papiere zu haben. Hat sie sie weggeworfen? Valentina schafft es, im letzten Moment eine Unterkunft zu organisieren. Fürs Wochenende tut es ein Zimmer in einem Schwesternhaus in der Innenstadt. Ohne Hilfe der Caritas wären die Frau und ihr Kind wohl auf der Strasse gelandet. Mutter und Kind lächeln zum ersten Mal, seit sie bei der Caritas angeklopft haben.

Zuflucht im Orangenhain

Eine Autostunde entfernt, im Landesinnern, steht Europas grösstes Flüchtlingscamp. Inmitten der Orangenhaine wohnen 4000 Menschen. Seit 2011 leben Flüchtlinge in diesem Erstaufnahmecenter. Die «Residence degli Aranci» war ursprünglich Wohnort für US-Militärs, die auf dem nahen Nato-Stützpunkt Sigonella Dienst taten. Die Regierung von Ex-Premier Silvio Berlusconi hat es 2011 von den Amerikanern gemietet. Nun schlagen vor allem afrikanische Männer hier die Zeit zu Tode. Gelangweilt spazieren sie auf der Strasse, die ins nahe Mineo führt. Sie diskutieren, debattieren, rauchen. Ein paar haben Fahrräder. Einige sind in die Dörfer gefahren, um die Abfallcontainer nach brauchbaren Gegenständen zu durchsuchen, um sie im Camp weiterzuverkaufen.

Auch der junge Senegalese Bocar ist in Mineo interniert. Mit einem Kinderfahrrad, das er im Lager erstanden hat, ist er zur nahen Tankstelle gefahren. Dort bettelt er bei Kunden um Geld. Was soll er sonst tun? «Arbeiten darf ich ja nicht», klagt er, der nicht weiss, wie alt er ist und weder Freunde noch Bekannte in Europa hat. Der Junge will nicht glauben, dass weder Süditalien noch Europa auf ihn gewartet hat.

Die Fischernetze bleiben leer

Bocar kam auf einem der Militärschiffe in Sizilien an, die auf dem Mittelmeer nach den kümmerlichen Booten suchen, um die Flüchtlinge auf ihrer gefährlichen Überfahrt zu retten. Mit der Situation auf den Strassen der Städte ist das Land überfordert, auf dem Mittelmeer beweist Italien dagegen Tatkraft. Noch läuft die Rettungsaktion Mare Nostrum. Bis Ende Jahr soll sie vollends von einem kleineren EU-Programm abgelöst sein. Der Staat ist mit all seinen Diensten vor Ort, als ein Schiff der Marine beim Hafen von Pozzallo vor Anker liegt. Mit kleineren Schiffen werden gegen 900 Flüchtlinge an Land gebracht. Krankenwagen, Carabinieri, Polizisten, Soldaten, die Guardia Finanza, das Rote Kreuz und der Zivilschutz sind vor Ort, als Flüchtling um Flüchtling Bus um Bus besteigt. Diese bringen sie in die Erstaufnahmezentren, die übers ganze Land verteilt sind. Insgesamt kommen an diesem Wochenende 2600 Menschen in Italien an. Fast alle davon in Sizilien. Die meisten von ihnen haben ihre Überfahrt vom libyschen Zuwara aus arrangiert.

Im Hafen von Pozzallo tragen die Helfer Schutzmasken. Als Vorsichtsmassnahme vor Ebola. Sie verteilen Wasser und geben den Menschen Anweisungen. Ein Syrer beginnt auf Deck mit Breakdance. Zur Ablenkung und zur Unterhaltung der anderen Flüchtlinge. Die Stimmung scheint gut. Applaus hallt über das Hafengelände, auf dem auch einige Schiffswracks stehen. Nur wenige hundert Meter entfernt, ist das, was sich hier täglich abspielt, weit entfernt. In den Strandbars von Pozzallo geniessen die wenigen Gäste den Sonntagnachmittag in der noch warmen Herbstsonne.

Heute, heisst es, würden die meisten der Flüchtlingsschiffe nach der Rettung der Menschen an Ort und Stelle versenkt. «Das ist eine Lüge», sagen die Fischer in ihrer Lieblingsbar. Scordapene heisst sie: «Vergiss den Kummer.» Diesen ersäufen die Fischer. Denn nicht versenkte Kutter treiben als Geisterschiffe übers Mittelmeer. Ohne Beleuchtung eine grosse Gefahr für Fischkutter und Fischer.

Die Fischer gehen pragmatisch mit dem täglichen Wahnsinn um. Giuseppe sagt: «Immer wieder sichten wir Flüchtlingsboote. Wenn ich dann Alarm schlage, dann muss ich das Boot so lange eskortieren, bis die Küstenwache oder die Marine vor Ort ist. Manchmal geben wir den Flüchtlingen Wasser.» Doch die Hilfe auf hoher See ist für die Fischer mit einem hohen Einsatz verbunden. Die Arbeit ruht dann und es drohen mühsame Verfahren mit den Behörden bis hin zu Gängen vor Gericht, wie Giuseppe aus eigener Erfahrung zu erzählen weiss. Also begnügt er sich mit anonymen Hinweisen. «Ich rufe einen Kollegen an Land an. Dieser wiederum alarmiert die Küstenwache. So fällt mein Name nicht und ich kann meiner Arbeit nachgehen.»

Um die Insel ist das Meer tot

Die Sizilianer leiden weder an einem Helfersyndrom noch macht es sie glücklich, dass so viele den Weg über das Meer auf die nahe Insel wagen. «Der Sizilianer hilft dem Nächsten. Auch wenn es ihm selber am schlechtesten geht», sagt die Schweizer Frau des Fischers mit dem wohlklingenden Namen Corallo. «So ist er halt, der Sizilianer», sagt Luise Corallo. Sie muss es wissen. Seit 1975 leben Corallos in Pozzallo.

«Il mare è morte», sagen die Fischer. Das Meer ist in zweierlei Hinsicht tot: Die Hochseefischer mit ihren Schleppnetzen haben es ausgefischt und manchmal hängen ertrunkene Flüchtlinge in ihren Netzen. Die obdachlosen Migranten von Catania kamen mit ihrem Leben davon. Ihr Traum von einem besseren Leben riecht nun nach einem feuchten Stück Karton. Und zwischendurch nach einem Teller Pasta an Peperonisauce, den ihnen die warmherzigen Sizilianer am Abend reichen.