Andere an seiner Stelle hätten ihren Auftritt abgesagt, doch Boris Johnson hielt sich an die Abmachung: Am Tag, als die britische Premierministerin Theresa May unter Tränen ihren Rücktritt ankündigte, trat ihr aussichtsreichster Nachfolger wie angekündigt und in bester Laune am Swiss Economic Forum (SEF) auf.

Der ehemalige britische Aussenminister und Ex-Bürgermeister der Stadt London hatte am Freitag eine klare Botschaft an die Zuhörer in Interlaken und das Publikum zu Hause: Falls nötig müssen die Briten bereit sein, am 31. Oktober ohne Austrittsvereinbarung aus der EU auszutreten. «Wer einen Deal will, muss sich auf eine Lösung ohne Deal vorbereiten. Das ist bei jeder Verhandlung so. Man muss nötigenfalls bereit sein, vom Verhandlungstisch wegzulaufen.»

«Gebt nicht nach!»

Johnson lobte im Gespräch die abtretende Premierministerin: Sie habe unglaublich hart gearbeitet. Zur Frage, ob er an der Nachfolge von May interessiert sei, äusserte er sich vage: Er wiederholte scherzhaft, was er vor einer Woche bei einem nicht für die Öffentlichkeit bestimmten, dann aber publik gewordenen Auftritt gesagt hatte: «Natürlich trete ich an.» In ernsthafterem Tonfall fügte er an: «Ich werde jetzt nicht sagen, was wir tun werden. Aber sie werden in den nächsten Tagen wahrscheinlich mehr darüber hören, als Ihnen lieb ist.»

Wiederholt äusserte Johnson seine Bewunderung für die eidgenössische EU-Politik und den bilateralen Weg. Vieles von dem, was die Briten wollten, habe die Schweiz bereits erreicht. Das Land habe seine Souveränität und die eigenständige Rechtsordnung bewahrt. Genauso wie die Möglichkeit, bilaterale Freihandelsabkommen einzugehen.

Zu den Gesprächen zwischen Brüssel und Bern über ein Rahmenabkommen sagte er: «Ich sehe, dass die EU-Kommission Druck auf euch ausübt. Gebt nicht nach!» Wenn Bern stark bleibe, bleibe es London auch.

Mehr Freihandel

Johnson machte klar, Grossbritannien dürfe nicht Teil der «immer stärker integrierten und nicht sonderlich demokratischen EU» bleiben. Das britische Parlament müsse nun formell einen Rückzug vom Austrittsprozess ausschliessen. «Warum sollten wir unsere Position ändern, wenn so viele Wähler den Austritt wollen?» Auf diese Weise könne London gegenüber Brüssel glaubwürdig darlegen, dass keine Einigung einen harten Brexit zur Folge hätte. Bisher habe es der britischen Regierung an dieser Entschlossenheit gefehlt. Statt eine Lösung zu finden, hätten die Verantwortlichen an der Downing Street 10 Mal für Mal die Deadline verlängert.

Als unabhängiges Land solle Grossbritannien künftig eine Strategie der wirtschaftlichen Öffnung fahren, sagte Johnson: Der grösste Teil des weltweiten Wirtschaftswachstums finde heute ausserhalb der Europäischen Union statt, betonte er. Er sei sehr optimistisch für die britische Wirtschaft: Entgegen aller Warnungen sei Grossbritannien bis heute eine der Hauptdestinationen für internationale Investoren geblieben. Auch die Arbeitslosigkeit sei so tief wie schon lange nicht mehr. Dazu sei London die kulturell vielfältigste Hauptstadt der Welt. «Wir haben mehr Restaurants mit einem Micheline-Stern als Paris!»