Petra Köpping, die Öffentlichkeit fragt sich, woher diese grosse Wut vieler Menschen in Sachsen kommt, die sich gegen Migranten entlädt.

Petra Köpping: Es gibt nicht die eine Antwort auf diese Frage. Gerade in Ostdeutschland waren viele Menschen überfordert vom Zuzug der vielen Flüchtlinge in den Jahren 2015 und 2016. Jeder weiss heute, dass die Integration so vieler Menschen ein langwieriger Prozess ist. Wer guten Willens ist, sich in die Gesellschaft einzufügen, wird von den meisten Chemnitzern akzeptiert. Wir wissen aber auch, dass es unter den Flüchtlingen Menschen gibt, die sich nicht integrieren wollen oder nicht können. Dort müssen wir ansetzen. Und nicht zuletzt sorgen sich viele Menschen um ihre eigene Zukunft. Es herrscht eine Angst vor sozialem Abstieg, eine Angst um die Zukunft des Landes, um den eigenen Arbeitsplatz. In Ostdeutschland ist diese Angst vor Veränderung besonders stark spürbar.

Weshalb?

Die Menschen im Osten haben bei der friedlichen Revolution von 1989 bereits eine gewaltige Veränderung durchlebt. Ich stamme aus der Region Leipzig – dort haben nach der Wende innerhalb von kürzester Zeit 100 000 Menschen ihre Arbeit verloren. Für die Menschen war mit einem Schlag alles anders. Menschen, die sich in den letzten fast 30 Jahren etwas Neues aufgebaut haben, haben heute ausgeprägte Verlustängste und daher die Furcht, dass sich die Gesellschaft wieder, wie schon 1990, verändern wird. Noch negativer sind die Erfahrungen natürlich bei jenen Menschen, die nach der Wende alles verloren haben. Auch bei diesen Menschen ist die Zukunftsangst sehr ausgeprägt. Viele Menschen sind frustriert, wählen AfD.

Das darf aber nicht als Entschuldigung herhalten, dass die Mitte der Gesellschaft zusammen mit Menschen, die Hitler-Grüsse zeigen, an einer Kundgebung teilnimmt.

Ich war auch am Montag in Chemnitz. Auf der einen Seite der Demonstration waren in den ersten Reihen wirklich Nazis. Auf der gegenüberliegenden Seite standen viele junge Menschen, aber auch Linksextremisten, also Vertreter des so genannten Schwarzen Blocks. Die Zivilgesellschaft, also jene Menschen, die gemässigt ihre durchaus berechtigten Sorgen zum Ausdruck bringen wollten, war quasi nicht vertreten.

Warum ist die Zivilgesellschaft in Sachsen so schwach?

In Sachsen fehlt uns heute eine ganze Generation. Seit 1989 haben 750 000 Menschen Sachsen verlassen, und zwar vorwiegend gut ausgebildete, gut situierte Menschen. Dieser Verlust einer Mittelschicht hat eine Lücke in der Zivilgesellschaft hinterlassen, die wir nicht einfach schliessen können. Das spüren wir heute, wenn es um demokratische Prozesse geht.

Nichtsdestotrotz: Die Fremdenfeindlichkeit im Osten Deutschlands, gerade auch in Sachsen, ist überdurchschnittlich hoch. Die Hemmschwelle für die Rechtsextremen, ihren Hass zu propagieren, scheint gesunken zu sein.

Ja, wir haben ein Problem mit Rechtsextremismus. Leider haben wir neben dem Verlust einer Generation auch noch zu beklagen, dass sich nach der Wende Tausende politisch völlig zurückgezogen haben. Ein Beispiel: Lehrer im DDR-Schulsystem waren verschrieen als Menschen, die Kinder mit sozialistischer Lehre indoktrinieren. Viele Lehrer konnten nach der Wende ihre Stelle behalten, aber sie haben sich davor gehütet, sich abermals irgendwie politisch zu äussern. Es fehlt also insgesamt eine politische Bereitschaft, sich in die Gesellschaft einzubringen. Insofern fehlt es an politischen Kräften, die sich den Rechtsextremisten in den Weg stellen.

Und wie wollen sie das Problem anpacken?

Wir sind auf einem guten Weg, sprechen intensiv bei Bürger-Sprechstunden mit den Menschen. Ich höre oft zu Beginn von Gesprächen, ich würde mich ja nur um Flüchtlinge kümmern. «Integrieren Sie doch erst einmal uns», sagte mir eine Frau. Sie meinte die Ostdeutschen in unser Land zu integrieren. Wenn man mit den Menschen redet und ihnen zuhört, dann spürt man, dass es ihnen nicht um die Flüchtlinge geht, sondern dass sie unter fehlender Anerkennung leiden. Sie gucken heute auf ihren Rentenbescheid und wissen, dass sie die Wohnung, in der sie seit Jahren leben, nicht mehr bezahlen werden können. Da muss die Bundesregierung dringend entgegensteuern.

Droht der Gesellschaft in Deutschland eine Spaltung?

Chemnitz kann überall sein. Niemand sollte sich zurücklehnen und sagen: Das kann nur im Osten passieren. Fakt ist, dass wir neue Konzepte für die Integration brauchen. Wir müssen auch handeln bei Menschen, die sich nicht integrieren wollen und sich nicht an die Regeln halten. Ich wünsche mir auch, dass die Bundesregierung das Thema Ostdeutschland endlich prominenter behandelt. Wir haben hier eine Reihe von Defiziten abzuarbeiten. Ich spreche hier nicht über neues Gelder für Autobahnen und Renovierung von Dorfplätzen.

Bei den Landtagswahlen im nächsten Sommer droht ihre SPD aus der Regierung zu fallen – und die AfD könnte erstmals in einem Bundesland stärkste Kraft werden.

Das macht mir Sorgen. Ich hoffe, dass das Gesamtpaket unserer Regierung bei den Menschen ankommt. Wir stehen im Dialog mit den Bürgern, wir haben Mittel freigemacht für Kommunen, für die Polizei und neue Lehrer. Oft bekomme ich bei Bürgergesprächen zu hören, dass meine Partei und ich nächstes Jahre die Quittung bekommen würden für unsere Politik. Dann entgegne ich, dass sich die Menschen doch bitte mit den Wahlprogrammen der Parteien auseinandersetzen sollen, bevor sie zur Wahlurne schreiten. Demokratie ist kein Pizza-Lieferservice. Ich muss mich schon auch selbst bemühen.