1. Die Raserei:

Ein damals 40-jähriger Mann war 2014 im Tessin mit Tempo 200 über die Autobahn A2 gebrettert. Die Raserfahrt begann bereits im Kanton Solothurn und setzte sich dann in den Kantonen Freiburg, Bern, Luzern und Nidwalden fort. Der Raser konnte erst durch eine Polizeisperre vor dem Ceneri-Tunnel gestoppt werden. Aufgrund seines Tempos legte er die Strecke von Göschenen bis dorthin in 40 Minuten zurück - normalerweise werden für die rund 90 Kilometer eine Stunde benötigt.

Um die hohe Geschwindigkeit zu erreichen, überholte der deutsche Staatsbürger unter anderem zehn Mal im Gotthard-Strassentunnel während der Hauptferienzeit. Ausserdem überholte er im Piumogna-Tunnel bei Faido TI, in der zu dem Zeitpunkt aufgrund von Bauarbeiten der gesamte Verkehr nur über eine Fahrspur geführt wurde.

Nachdem der Raser von der Kantonspolizei angehalten wurde und sein getunter Sportwagen, ein BMW Z4, konfisziert wurde, setzte der Raser seine Fahrt nach Como per Taxi fort. Doch auch diesen Verkehrsteilnehmer prellte der Mann: Die Fahrtkosten blieb er dem Fahrer schuldig und suchte anschliessend das Weite. 

2. Die Verurteilung:

Tessiner Richter verurteilen den Mann aus Ditzingen bei Stuttgart 2017 in Abwesenheit zu 30 Monaten Gefängnis - davon 18 auf Bewährung. Da der Fahrer seinem Prozess fernblieb, kam die Frage auf, ob und in welcher Form er überhaupt zur Rechenschaft gezogen werden könnte. Eine Auslieferung erschien von Anfang an unwahrscheinlich.

Wie andere Staaten behält sich Deutschland das Recht vor, die Auslieferung eigener Staatsangehöriger abzulehnen.Das Justizdepartement übermittelt deswegen ein "Ersuchen um Vollstreckung der Freiheitsstrafe" nach Baden-Württemberg. Damit geht der Fall ans Oberlandesgericht Stuttgart.

3. Deutsche lehnen Verurteilung ab

Das Landgericht Stuttgart lehnt eine Haft für den Mann in Deutschland nach eigenen Angaben ab, weil ein Tempoverstoss in Deutschland keine Straftat, sondern eine Ordnungswidrigkeit ist, für die man nicht ins Gefängnis muss. Die Anklagebehörde will nach Angaben des Landgerichts aber die Rechtslage geklärt wissen. Damit ist wieder offen, ob die in der Schweiz ausgesprochene Freiheitsstrafe doch in Deutschland vollstreckt wird.

4. Berufung

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart legt gegen das Urteil des Landesgerichts Berufung ein und trägt den Fall ans Oberlandesgericht. Mit Erfolg. Die höhere Instanz gibt grünes Licht für eine Verurteilung. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart verschickt die Vorladung zum Haftantritt.

5. Gefängnis

Nun sollte der Gotthard-Raser im Gefängnis sitzen. Das bestätigt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft gegenüber dem "Blick". Doch nur wenig später folgt die Kehrtwende: Der Raser trat seine Haftstrafe nicht an, weil er wegen Krankheit haftunfähig sei. Das müssen die Behörden jetzt abklären.

12 Monate muss er ins Gefängnis. Genug Zeit, um über seine Raserei und sein Versteckspiel mit der Schweizer Justiz nachzudenken. (jaw)