Der Spätsommer meint es gut mit Västervik an diesem Mittwoch. Sonne, blauer Himmel, angenehm mild ist es. Auf zwölf Uhr mittags ist der Jäger der etablierten Parteien in Schweden angekündigt: der Anführer der Schwedendemokraten (SD) Jimmie Åkesson. Seit Wochen tingelt er durchs Königreich. Nun ist Halt in der Ostseestadt Västervik, einer Gemeinde so gross wie der Kanton Zürich mit knapp 35'000 Einwohnern. Nach der Veranstaltung erklärt Åkesson der «Schweiz am Wochenende», warum seine Partei einen derart grossen Zulauf hat.

Sein grösstes politisches Kapital sieht Åkesson im strengen Umgang mit Flüchtlingen. Seine Partei ist rechtspopulistisch. «Es gibt viele politische Bewegungen da draussen in Europa», sagt er. «Sie erinnern Teilweise an uns, schaffen aber die Grenzziehung nach rechts nicht. Wir wollen nicht mit Rassisten in einen Topf geworfen werden», so der 39-Jährige.

Die Abgrenzung nach rechtsaussen sei ihm besonders wichtig, versichert er. «In unserer Partei gibt es keinen Platz für Rassisten. Schwedisch sein hat nichts mit der Hautfarbe zu tun.» Seiner Partei gehe es um das Verhalten der Einzelnen und um das Teilen der schwedischen Wertvorstellungen. «Das ist eine ganz wichtige Trennlinie für uns gegen rechts.»

Für seinen Auftritt hat sich der Parteichef die hässlichste Ecke der Altstadt ausgesucht. Neoklassizistisches Grau aus den 1960ern rahmt den Platz ein. Hasse, der Wurstverkäufer, macht heute das Geschäft seines Lebens. Trotzdem wird er Åkessons Partei mit der Leberblume im Logo nicht wählen. Rund 300 Menschen sind auf dem Platz. Viele in der Mittagspause und, wie in Schweden üblich, die Kleider mit dem Arbeitgeber beschriftet.

«Jetzt kommt Jimmie!»

Von einem Lieferwagen aus wird eine riesengrosse LED-Anzeige hochgefahren. Sie verkündet, dass Jimmie bald auftreten werde. Ein Elvis-Verschnitt singt den offiziellen SD-Wahlsong. Er zeigt wenig Wirkung. Als Schweizer beginnt man, die «Polterabende» der SVP zu vermissen. Dann ist es so weit. Die aufmarschierten Polizisten werden unruhig. Die Veranstaltung ist gut gesichert, mindestens ein Polizist pro 25 Zuschauer. «Die Kriminalität ausländischer Banden ist hoch und es gibt Vorkommnisse hier in Schweden, die die Bevölkerung aufwühlen könnten», sagt der Parteichef später. Eine aufgeheizte Stimmung wie in Deutschland wolle hier indes niemand, «Ich hoffe sehr, dass diese Wahl auch als eine Art Ventil für viele wirkt».

Auftritt Åkesson. «Jetzt kommt Jimmie!», krächzt ein Einheizer. Zögerlicher Applaus. Und Jimmie ruft «Wer will Stefan Löfven auch absetzen?» Hurrarufe, Klatschen. Doch der Start misslingt. Die Prügelattacke gegen die regierenden Sozialdemokraten wird von einer sich verselbstständigenden LED-Anzeige und dem einzigen Baum am Platz arg gebremst. Die Tafel wendet sich unverhofft um 60 Grad und wird nun vom Baum verdeckt. Die rötlichen Blätter der Baumkrone nehmen die Sicht auf die Details. Der Schwung ist weg und der Anführer der möglicherweise zweitstärksten Partei in Schweden wirkt blass und müde. Åkesson besitzt so gar nichts von einem Populisten. Diese können doch eigentlich begeistern, mitreissen und anführen. Christoph Blocher hält solche Performances im Halbschlaf. Der Schwede von Rechtsaussen, welcher der aktuellen Regierung an den Kragen will, wirkt zahnlos und ohne Charisma. Spärlicher Szenenapplaus hie und da. Die Vorstellung grenzt ans Vorlesen aus dem Telefonbuch. Trocken, kein Esprit.

Im vergangenen Jahr haben ausgeschlossene SD-Mitglieder nach deutschem Vorbild die «Alternative für Schweden» gegründet. Den SD-Chef lässt das kalt: «Ich denke, das ist gut für uns», kommentiert er trocken. «Sie ziehen genau diese Menschen an, die wir nicht wollen und auch zu 100 Prozent ausgeschlossen haben.» Die Gründer dieser Gruppe hätten keinen Platz mehr in der SD. «So können wir uns auf unsere breite Politik konzentrieren und die grossen Massen mit unseren Themen ansprechen», sagt Åkesson.

Heisse Wurst statt fade Reden

Eine Dreiviertelstunde lang betet der von vielen Schweden gefürchtete Parteichef lustlos jenes breite Parteiprogramm für die Massen herunter. Könnten die Zuschauer umschalten, sie würden es tun. Sie wenden sich ab und kaufen Wurst bei Hasse.

Die Forderungen nach besserer Gesundheitsversorgung, mehr Polizei und mehr Sicherheit gehen in der mittäglichen Vesperstimmung fast unter. Jimmie Åkesson vermeidet es, seine eigentlichen Kernthemen breitzutreten. Zu viele Flüchtlinge, zu viele kriminelle Ausländer. Jetzt heisst es, sich moderat zu zeigen und jene abzufischen, die sich noch nicht entschieden haben. Eine Umfrage von Mittwoch dieser Woche sieht die SD bei 17 Prozent Wähleranteil.