Die zahlreichen Toten im Gazastreifen taten der feierlichen Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem keinen Abbruch. Während US-Botschafter David Friedman vor 800 geladenen Gästen in Jerusalem die «moralische Klarheit» von US-Präsident Donald Trump lobte, der über den Umzug des diplomatischen Corps aus Tel Aviv entschied, geriet im Gazastreifen alle paar Minuten ein palästinensischer Demonstrant ins Visier israelischer Scharfschützen.

Präsidententochter und -beraterin Ivanka Trump bei der Eröffnung der US-Botschaft.

Präsidententochter und -beraterin Ivanka Trump bei der Eröffnung der US-Botschaft.

Die blutigsten Unruhen des «Grossen Marsches der Rückkehr», mit dem die Palästinenser im Gazastreifen dem 70. Jubiläum der Nakba, dem Beginn ihrer Flüchtlingskatastrophe erinnern, forderten mehrere Dutzend Menschenleben und weit über eintausend Verletzte. Trumps unilaterale Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels gab dem Unmut der Demonstranten zusätzlichen Zündstoff und liess sie einen Tag früher als ursprünglich geplant erst heute Dienstag an die Grenze ziehen.

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu frohlockte: «Heute eröffnet die grösste Nation der Welt, unser grösster Verbündeter, ihre Botschaft in Jerusalem.» In einer Video-Botschaft, die bei der Botschaftseröffnung ausgestrahlt wurde, betonte Trump Israels Recht «als souveräne Nation, seine Hauptstadt selbst zu bestimmen».

Mit Steinschleudern und brennenden Autoreifen machten die überwiegend jungen Männer auf palästinensischer Seite der Grenzanlagen ihrem Zorn über die Belagerung des Gazastreifens und die zunehmend dramatischen Lebensbedingungen in der belagerten Enklave Luft. Israels Luftwaffe liess schon am Morgen Flugblätter über dem Gazastreifen abwerfen mit dem Aufruf, den Grenzanlagen fernzubleiben. «Die Hamas missbraucht euch, um von ihrem Versagen abzulenken. Sie bringt euch und eure Familien in Gefahr.»

Kampf um die Wahrheit

Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman mahnte die Menschen in Gaza, sich nicht «verblenden zu lassen» von der radikal-islamischen Führung. Nach Angaben der Armee bezahle die Hamas Demonstranten dafür, wenn sie Überwachungskameras demontieren. Das staatliche israelische Presseamt veröffentlichte Auszüge aus Verhören mit verhafteten palästinensischen Demonstranten. «Iran schickt Geld an die Hamas zur Finanzierung gewaltvoller Aktionen in der Grenzregion», soll ein 19-jähriger Palästinenser ausgesagt haben. Ein anderer Häftling berichtete angeblich über Hamas-Mitglieder, die sich in Zivil unter die Demonstranten mischen und Benzin ausgeben für die mit Brandsätzen präparierten Drachen. Immer wieder meldet die Feuerwehr Flächenbrände auf den Kornfeldern der benachbarten Kibbuzim.

Zum ersten Mal seit seiner Ernennung zum Chef des Hamas-Politbüros lud Ende letzter Woche Jihia al-Sinwar die Journalisten zu sich. «Ich gehe nicht gern vor die Kamera», meinte er gleich zu Beginn der streng bewachten Pressekonferenz, vor einem riesigen Foto des Jerusalemer Tempelberges sitzend. Er appellierte an die Korrespondenten, «objektiv der Welt zu berichten». Sinwar liess sich detailliert aus über das «Unrecht, das an den (1948) vertriebenen Palästinensern» getan wurde, die sich «keines Verbrechens schuldig gemacht haben». Die Lebensumstände in Gaza seien «schwerer als im Gefängnis». Er muss es wissen. Mehr als sein halbes Leben sass der Mittfünfziger in israelischer Haft.

Die Menschen im Gazastreifen seien wie ein «hungriger Tiger, der elf Jahre gefangen gehalten wurde». So lange dauert die Herrschaft der Hamas in dem Küstenstreifen und Israels Blockade. «Dieser Tiger ist jetzt los», warnte er, und «er wird die Zäune seines Gefängnisses niederreissen». Sinwar zog den Bogen zur Botschaftseröffnung der USA, betonte die «emotionale Verbindung» der Palästinenser zu der Heiligen Stadt. «Jerusalem ist das Herz der Palästinenser.»

Tausende zusätzliche Soldaten

Seit Tagen befindet sich Israels Sicherheitsapparat in höchster Alarmstufe. «Die Truppen sind instruiert worden, auf mehrere radikale Entwicklungen vorbereitet zu sein», heisst es in einer Mitteilung der Armee, darunter Schussangriffe und «Sprengsätze, die beim Versuch, den Zaun zu durchbrechen, angebracht werden könnten». Die Armee schickte mehrere tausend Soldaten zur Unterstützung des normalen Truppenaufgebots.

Mindestens bis Freitag, dem Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan, bleibt erhöhte Alarmstufe bestehen, wobei ein Sprecher der Hamas signalisierte, die Proteste bis zum 5. Juni fortzusetzen. Israels grösste Sorge ist, dass es Hamas-Kämpfern unter dem Schutz ziviler Demonstranten gelingen könnte, die Grenzanlagen zu durchbrechen, einen israelischen Soldaten in ihre Hände zu bekommen und in den Gazastreifen zu entführen. Entsprechend deutlich sind die Anweisungen an die Scharfschützen.