Es ist ein emotionaler Tag gewesen am Mittwoch im Strassburger Europaparlament. Mehrfach kämpft EU-Kommissions-Präsident Jean-Claude Juncker, der in seiner Rede zur Lage der Europäischen Union die Antwort auf die Flüchtlingskrise skizzieren soll, mit den Tränen. Seine Mutter ist am Wochenende gestorben, der Vater liegt schwer krank im Spital. Auch in schweren Zeiten hätten die beiden, so der Sohn, «immer gearbeitet». Nur deshalb sei er da.

Empathie und Empörung

Den Bezug zum Vater stellt der 60-jährige Luxemburger auch im Bemühen her, Osteuropäer und Briten für die Aufnahme von Flüchtlingen zu gewinnen. Als Sechsjähriger habe er ihn gefragt, wer die vielen neuen Nachbarn seien. Sie stammten aus Ungarn und seien politisch verfolgt worden, lautete die Antwort. «Wir haben diese Menschen damals akzeptiert», erzählt Juncker auf der Pressekonferenz, die gleich seinen nächsten Gefühlsausbruch erlebt: «Also bitte», schiebt er, halb brüllend, in Richtung der Nein-Sager hinterher, und haut laut mit der Faust auf den Tisch. In seiner Rede im Plenum ist er gefasster, aber kaum weniger klar gewesen. Zum Auftakt sagt er ohne Umschweife, dass die Europäische Union «in keinem guten Zustand» sei. Er fragt ob manche Länder die eigene Geschichte nicht mehr kennen: «Haben wir vergessen, dass es einen Grund gibt, dass heute mehr McDonald’s oder O’Neills in den USA leben als in Schottland oder Irland?» Er erinnert an den Spanischen Bürgerkrieg, das Nazi-Regime oder den Winter nach dem Prager Frühling. Seine moralischen Appelle unterfüttert der Kommissionschef mit Zusagen: Polen wird versichert, dass es sich im Falle eines Ansturms aus der Ukraine vorübergehend aus dem Verteilungssystem ausklinken könnte. Ungarn, das nun zu den Ländern gehört, aus denen Flüchtlinge umgesiedelt werden sollen, bekommt gar ein wenig Verständnis für seinen Zaun zu hören, da «bei aller Geschwätzigkeit in Brüssel» eine echte Alternative zur effektiven Grenzsicherung noch nicht gefunden sei.

«Es fehlt an Union»

Trotzdem macht sich Juncker «keine Illusionen», dass es sehr schwer wird, alle Mitgliedstaaten hinter seinen Vorschlägen zu versammeln. Speziell mit Ungarn, Polen, der Slowakei und Tschechien gibt es aber noch gewaltigen Gesprächsbedarf: «Ich», sagt Juncker lapidar dazu, «werde mit ihnen reden.» Von den rechten Europagegnern abgesehen, stösst seine Initiative fraktionsübergreifend auf Zustimmung. Das ist von Belang, da das Gesetz für ein dauerhaftes Quotensystem auch von den Abgeordneten beschlossen werden muss. Juncker setzt auf «den Druck, den das Europaparlament auf den Ministerrat ausüben wird». Gemeinsam wolle man dafür sorgen, dass nicht der nationale Egoismus, sondern «die Gemeinschaftsmethode obsiegt», sagt Parlamentspräsident Martin Schulz. Mit dem Gemeinsinn ist es nämlich auch Juncker zufolge in der EU nicht mehr weit her: «Es fehlt an Europa, es fehlt an Union.»