Sein Spitzname lautet «a carogna», was so viel bedeutet wie «das Aas» oder «das Ekel». Gennaro Di Tommaso hat ihn von seinem Vater Ciro geerbt, einem zu 24 Jahren Gefängnis verurteilten Mafioso aus Neapels berüchtigtem Camorra-Quartier Forcella. Onkel Giuseppe wiederum wird in Forcella «o assassino», der Mörder, genannt.

Das ist das familiäre Umfeld, in dem Gennaro Di Tommaso aufwuchs. Der Camorra-Spross stieg bald zum Anführer der «Mastiffs» auf, einer neapolitanischen Hooligan-Gruppe, die dafür bekannt ist, dass ihren Mitgliedern die Fäuste und Stellmesser besonders locker sitzen.

Als Anführer der Napoli-Ultras füllt «das Aas» schnell sein eigenes Strafregister: Drogendelikte, Gewalt und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Von Camorra-Aussteigern wird Di Tommaso als Verbindungsmann zwischen den Clans und den Fankurven bezeichnet.

Trotz Stadionverbot im Stadion

In den Jahren 2001 und 2008 kassiert der Ultra-Häuptling zwei langjährige Stadionverbote. Beim letzten Cupsieg des SSC Napoli im Jahr 2011 ist Di Tommaso trotzdem einer der ersten Tifosi, die nach dem Sieg der Mannschaft das Spielfeld stürmen, und den Pokal in den Himmel stemmen.

Seit dem vergangenen Wochenende ist «das Aas» nun nicht mehr nur eine neapolitanische, sondern eine - traurige - nationale Berühmtheit: als Verhandlungspartner der Polizei in dem wegen einer Schiesserei unter Tifosi brodelnden Römer Olympiastadion.

Das italienische Fernsehen zeigte die Bilder wieder und wieder: Der bullige, tätowierte neapolitanische Ober-Hooligan sitzt am Spielfeldrand auf einer Abschrankung und diskutiert mit wichtigtuerischer Miene mit der Polizei und dem Napoli-Stürmer Marek Hamsik darüber, ob und unter welchen Bedingungen der Cupfinal zwischen Florenz und Neapel im Römer Olympiastadion beginnen könne.

Die Szene war eine eindrückliche Machtdemonstration des mafiösen Ultra-Chefs - und eine tiefe Demütigung des Staates, der auf der Ehrentribüne unter anderem durch Regierungschef Matteo Renzi vertreten wurde. Als Reaktion auf die beschämenden Ereignisse kündigte Innenminister Angelino Alfano noch in der Nacht auf Sonntag reflexartig eine drastische Verschärfung der Strafen für gewalttätige Fussballfans an.

Dabei ist besonders der Fussball ein Bereich, in dem es an scharfen Gesetzen nicht mangelt: Nachdem im Jahr 2007 in Catania bei Fan-Krawallen ein Polizeibeamter getötet worden war, setzte der damalige Innenminister Roberto Maroni von der Lega Nord ein dickes Paket von Massnahmen durch, die garantieren sollten, dass die Gewalt ein für alle Mal aus den Fussballstadien verbannt würde.

Ohne «tessera» kein Ticket

In der Folge wurden 70 000 Stadionverbote verhängt, das Mitführen von Feuerwerk verboten und die «tessera del tifoso» eingeführt. Die «tessera» ist ein Ausweis, den nur diejenigen Fans erhalten, die im Stadion nie auffällig geworden sind.

Ohne den Ausweis können keine Tickets erworben werden. Dennoch vergeht kaum ein Spiel, an dem nicht Petarden auf das Spielfeld fliegen und Hundertschaften von Anti-Krawall-Polizisten Ausschreitungen verhindern müssen.

Und weiterhin werden die meisten Fangruppen von dubiosen Figuren wie Di Tommaso angeführt: Von notorischen Schlägern, Rechtsextremisten oder Vorbestraften, die in Ferraris und anderen teuren Luxuskarossen zum Stadion fahren.

Oft sind es die Klubpräsidenten selber, die ein schärferes Vorgehen gegen die Ultra-Gruppen sabotieren. So wurde die effiziente, aber bei den Fans höchst unbeliebte «tessera del tifoso» von vielen Vereinsbossen hinter den Kulissen boykottiert.

Die meisten Präsidenten pflegen eine gefährliche Nähe zu den Ultras. Sei es aus Angst, die treuesten Fans zu verlieren; sei es aus finanziellen Überlegungen, weil die Chefs der Fangruppen in dem für die Vereine immer wichtiger werdenden Merchandising-Geschäft mitmischen.

Das Geld zieht - nicht nur beim SSC Napoli, sondern auch in Turin und Mailand - unweigerlich auch die Mafia an. Ohne die Unterstützung der Klubs ist die Bekämpfung der Krawallbrüder in den Fankurven aber zum Vornherein ein aussichtsloses Unterfangen.

Der Staat wirft das Handtuch

Der Staat trägt ein Übriges dazu bei, dass die Probleme nie gelöst werden: Statt den bestehenden Gesetzen Nachachtung zu verschaffen, kündigt er in der allgemeinen Empörung neue an - die dann erst recht unbeachtet bleiben.

Der verstorbene Genueser Musiker und Poet Fabrizio De Andrè hat diese notorische Schwäche seines Staates im Lied «Don Raffaè» beschrieben: «Lo Stato si costerna, s'indigna, s'impegna - poi getta la spugna con gran dignità.» (Der Staat ist bestürzt, er ist indigniert, er reagiert - dann wirft er mit grosser Würde das Handtuch.»)

Vor einem solchen Staat hat Genny a' carogna wenig zu befürchten - auch wenn sich der Innenminister wieder einmal heftig aufregt.