Es sei der erste vorsätzliche Angriff der amerikanischen Luftwaffe auf Angehörige der Assad-Streitkräfte im nunmehr 83 Monate andauernden syrischen Bürgerkrieg gewesen, notiert der britische Syrien-Experte Scott Lucas in seinem Blog. Mehr als «100 regierungstreue Soldaten und Milizionäre» seien dabei ums Leben gekommen, behauptete ein Vertreter des US-Militärs. Der Angriff sei eine «rechtmässige Selbstverteidigungsmassnahme auf einen unprovozierten Angriff» auf Stellungen der «Syrischen Demokratischen Kräfte» (SDF) gewesen. Doch dies ist allenfalls die halbe Wahrheit.

Tatsächlich wollten die «regierungstreuen» Soldaten, bei denen es sich überwiegend um Kämpfer des Al-Schaitat-Stammes handelt, das am östlichen Ufer des Euphrat gelegene Conoco-Gasfeld, das auch unter dem Namen Tabiyeh bekannt ist, zurückerobern. Das Feld, dem eine noch intakte Verarbeitungsanlage angeschlossen ist, kann 13 Millionen Kubikmeter Erdgas am Tag liefern. Es wurde mehr als zwei Jahre vom sogenannten «Islamischen Staat» (IS) ausgebeutet, ehe die überwiegend kurdische «SDF» die Terrormiliz aus der Region vertrieb.

Unterstützt wurde die Gruppierung dabei vom US-Militär, das die Region östlich des Euphrats zu ihrem Einflussgebiet erklärt hat. Offiziell will man ein Widererstarken des IS verhindern und die Bewegungen pro-iranischer Milizen am Westufer des Euphrats kontrollieren. Das Öl und Gas im rohstoffreichen Ost-Syrien, an dessen Entdeckung und Vermarktung auch der texanische Energiekonzern Conoco beteiligt gewesen war, dürften ebenfalls amerikanische Begehrlichkeiten geweckt haben.

Vorwürfe an die Adresse der USA

Auch die syrische Regierung lieferte eine leicht verdrehte Darstellung der Kampfhandlungen. Nach Angaben der Staatsagentur SANA hätten Truppen der US-geführten Anti-IS-Koalition die Assad-Streitkräfte bombardiert, als diese die IS-Terrormiliz und die SDF bekämpfen wollten. Das staatliche syrische Fernsehen warf den USA eine «neue Aggression» sowie die «versuchte Unterstützung von Terroristen» vor. Ins gleiche Horn stiess auch der russische Aussenminister Sergej Lavrow. Wirkliches Ziel der Amerikaner, behauptete er, sei nicht die Bekämpfung des IS, sondern die Spaltung Syriens – wo der Euphrat seit etwa vier Monaten die Grenze zwischen pro-russisch-syrischen-iranischen und pro-amerikanischen Kräften bildet.