Mit seiner eigenen Partei wollte der Hinterbänkler Jeremy Corbyn eigentlich nie so richtig viel zu tun haben. Seit 1983 sitzt der sehr linke Politiker im britischen Unterhaus, und während seine Labour-Party an der Regierung war, stimmte er stolze 428 Mal gegen die eigene Fraktion. Wie das Magazin «New Yorker» ausrechnete, war er damit der rebellischste Abgeordnete innerhalb der Regierungspartei.

Heute ist der linke Querulant nicht nur Parteichef, sondern führt die britischen Sozialdemokraten in einer eigenartigen Konstellation: Nach dem Brexit-Votum entzogen 80 Prozent der Labour-Abgeordneten ihrem Chef das Vertrauen. Doch Corbyn ist immer noch da. Weil die Parteibasis anders denkt als die Spitze. Bei einer Urwahl im Herbst 2016 votierten 62 Prozent der Labour-Mitglieder für Corbyn.

Nur: Wie kommt so einer überhaupt an das Amt des Parteichefs? Chancen hatte man Corbyn keine gegeben, als er sich 2015 bewarb. Doch im Vereinigten Königreich hatte sich etwas verändert. Die Unzufriedenheit wuchs, auch links der Mitte. Viele Junge, aber auch Ältere hatten genug von der wirtschaftsfreundlichen Politik Margaret Thatchers, von der in ihren Augen keine spätere Regierung merklich abrückte – auch die Labour-Regierungen unter Tony Blair und Gordon Brown nicht. Ein radikaler Neuanfang für die britische Sozialdemokratie, die die Verteilung von Arm nach Reich stoppt, die Bahn verstaatlicht und das Klima rettet – für viele braucht es dafür einen Unbeirrbaren wie Jeremy Corbyn.

Doch so viel Hoffnung, wie seine Anhänger in ihn setzen, so gross sind auch die Probleme, die er mitbringt. Das gravierendste: Labour hat unter Corbyn ein echtes Antisemitismus-Problem. Hunderte Klagen innerhalb der Partei wegen entsprechender Vorfälle hat es zuletzt gegeben. Neun Abgeordnete traten in dieser Woche aus Protest aus der Partei aus – auch, weil sich Labour zu einer «institutionell antisemitischen Partei» entwickelt habe, wie es aus den Reihen der Abweichler hiess.

Prominente Sozialisten von Bern bis Washington:

Junge Sozialisten-Generation

Ein betagter weisser Herr gibt dem britischen Sozialismus ein Gesicht – in den USA ist es ähnlich. Wobei der Altlinke Bernie Sanders, der es bei der kommenden Präsidentschaftswahl noch einmal wissen will, nur noch Platzhalter ist für den neuen Liebling der amerikanischen Linken: Alexandria Ocasio-Cortez. Mit 29 Jahren ist AOC, wie sie in den sozialen Medien nur genannt wird, die jüngste Abgeordnete, die je auf den Bänken des US-Kongresses Platz genommen hat. Die Newcomerin aus der Bronx ist binnen kürzester Zeit zum Medien-Star avanciert. Geschichten wie jene, dass die bewusst ohne Geldspenden aus der Wirtschaft auskommende Frau sich in den ersten Monaten in Washington kein eigenes Apartment leisten konnte, lassen sich gut erzählen. Gemeinsam mit jungen Kolleginnen wie Ilhan Omar und Rashida Tlaib setzt sie auf Fundamentalopposition gegen Donald Trump – und begeistert damit ihre Anhänger.

Doch AOC ist nicht nur Medienphänomen. Ihre für amerikanische Verhältnisse radikal linke Agenda findet besonders unter jungen Leuten grossen Anklang. Ocasio-Cortez, die sich selbst als «demokratische Sozialistin» bezeichnet, fordert eine Generalbegrünung für die Wirtschaft («Green New Deal»), Jobgarantien für alle Amerikaner und – spätestens hier läuten bei konservativen Amerikanern die Alarmglocken: eine staatliche Gesundheitsversorgung für alle.

Deutscher Links-Kurs

Die Abkehr vom Mitte-Kurs ihrer Vorgänger vereint die britischen und die amerikanischen Sozialisten. Ähnliches ist auch in Deutschland festzustellen. Zwar hat es die SPD bis heute nicht geschafft, eine charismatische Person vom Schlage Gerhard Schröders an ihre Spitze zu stellen. Umso fleissiger arbeitet man sich gerade an ihm ab: Der «Genosse der Bosse», wie Schröder damals genannt wurde, legte nach Ansicht der aktuellen Parteiführung mit seinen radikalen einschnitten in der Sozialpolitik den Grundstein für den Niedergang der SPD. Die neue Vorsitzende Andrea Nahles ist nun die Erste, die sich klar vom Schröder-Kurs distanziert und die SPD wieder nach links führt.