Am Sonntag ist die Alternative für Deutschland (AfD) triumphal in den sächsischen Landtag eingezogen. Aus dem Stand heraus holte die noch junge konservative Kraft 9,7 Prozent der Stimmen. Das an Tschechien und Polen grenzende Bundesland Sachsen gilt als Hochburg Konservativer. Die AfD-Themen stossen hier auf besonders viele offene Ohren: Kampf gegen die Grenzkriminalität, Wiedereinführung von Personenkontrollen an den Grenzen, für eine «Volksabstimmung über Moscheebauten mit Minaretten», Nein zur Homo-Ehe, Lösung vom Brüsseler Diktat.

Freilich: Die Slogans waren teilweise populistisch. Grenzkontrollen kann ein Bundesland im Zeitalter von Schengen nicht eigenständig wieder einführen. Und für einen Volksentscheid über den Bau von Minaretten braucht es das Instrument der direkten Demokratie. Nichtsdestotrotz: In Sachsen sind die AfD-Forderungen und ihre konservative Spitzenkandidatin Frauke Petry gut angekommen.

Abtrünnige CDU-Wähler

Seit der Gründung der AfD im Frühjahr 2013 sieht sich die Partei des Volkswirtschaftsprofessors Bernd Lucke dem Vorwurf ausgesetzt, am rechten äusseren Rand nach Wählern zu fischen. Tatsächlich haben sich rund 13 000 vormalige Wähler der Nationaldemokratischen Partei (NPD) am Sonntag nun für die AfD entschieden – was den in sämtlichen politischen Lagern bejubelten Nebeneffekt mit sich brachte, dass die Rechtsextremisten den Wiedereinzug in den Landtag verpassten.

Allerdings: Weit mehr Wähler holte die AfD aus dem Lager der CDU. 33 000 Stimmberechtigte, die 2009 noch die CDU gewählt hatten, entschieden sich am Sonntag für die erstmals angetretenen Eurokritiker. Das sorgt bei der CDU und Kanzlerin Angela Merkel für reichlich Nervosität. Vor wenigen Tagen sprach die CDU-Chefin ein Machtwort, nachdem Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich zumindest Sondierungsgespräche zur Bildung einer gemeinsamen Regierung mit der AfD nicht gänzlich ausschliessen wollte.

Merkels Direktive: Mit der AfD wird nicht geredet und schon gar nicht paktiert. Seither lässt CDU-Generalsekretär Peter Tauber keine Gelegenheit aus, gegen die AfD anzureden: Mit ihr gäbe es keine inhaltlichen Gemeinsamkeiten, eine Zusammenarbeit werde es nicht geben: «Die AfD steht für ein rückwärtsgewandtes Gesellschaftsmodell.»

Das gilt auch für Thüringen und Brandenburg, wo in zwei Wochen die nächsten Landtagswahlen anstehen – und die AfD mit Werten zwischen fünf und sieben Prozent vor dem Einzug in die nächsten Länderparlamente steht. Die CDU-Führungsriege verbietet explizit Koalitionsgespräche.

Auch Gemeinsamkeiten

Sicher: Die AfD und die CDU bringen es vor allem in Europafragen auf keinen gemeinsamen Nenner. Die AfD würde am liebsten zurück zur D-Mark und die nationalen Parlamente stärken, die CDU ist eine starke Verfechterin der europäischen Idee und der gemeinsamen Währung. Doch das alleine reicht nicht, um eine Koalition per se auszuschliessen, denn auch mit der SPD gibt es Meinungsverschiedenheiten – und dennoch ist auf Bundesebene die Grosse Koalition installiert.

Bei der AfD ist man über den Kurs der CDU verärgert. Frauke Petry fordert die CDU auf, die AfD «endlich ernst zu nehmen», anstatt mit fadenscheinigen Argumenten zu verteufeln.

Tatsächlich haben die beiden Parteien die grössten Wählerschnittmengen, das zeigen Wahlanalysen nach den Bundestags- und Europawahlen. AfD-Sprecher Christian Lüth sagt gegenüber der «Nordwestschweiz»: «Wir stehen im direkten Konkurrenzkampf zur CDU. Die CDU hat Angst vor uns. Sie versucht uns kleinzureden, indem sie uns marginalisiert und tabuisiert.»

Doch die Taktik des Todschweigens werde nicht aufgehen: «Die CDU befürchtet, sie würde uns aufwerten, wenn sie mit uns Gespräche führt. Doch Fakt ist, dass wir schon von den Wählern aufgewertet worden sind. Die CDU wird sich Gesprächen mit uns auf lange Sicht nicht mehr verwehren können.»

«Nicht gefährlich»

Das sieht der Mainzer Parteienforscher Jürgen Falter ähnlich. Er vergleicht die AfD mit einer traditionellen Schweizer Volkspartei: «Die AfD ist von ihren Positionen her vergleichbar mit der SVP in der Schweiz.» Die Partei sei klar konservativ, teilweise auch reaktionär und stehe teilweise für ein Gesellschaftsmodell früherer Jahre ein, aber: «Gefährlich ist sie nicht. Die AfD ist kein Sammelsurium für Radikale.»

Mit ihrer Politik stosse die AfD in eine Lücke vor, die die CDU nach ihrem Rutsch nach Links hinterlassen habe. Die CDU verfolge die Taktik, die AfD in eine rechte Ecke zu drängen, um sie gerade in Deutschland mit seiner Historie zur nichtwählbaren Partei zu degradieren. «Damit macht sie aber erst recht auf die AfD aufmerksam. Falter geht davon aus, dass sich die AfD langfristig in der politischen Landschaft etablieren werde. «Dafür muss sie sich aber programmatisch einigen.»