Lange verhöhnt und verlacht, haben die europakritischen Parteien das europäische Polit-Establishment inzwischen durchgeschüttelt. Bis zu 30 Prozent der Stimmen könnten die europakritischen Parteien bei den Wahlen vom 25. Mai erzielen, heisst es in Umfragen.

Dabei arbeiten alle nicht nur mit ähnlichen Methoden wie scharfer Polemik, sondern auch mit ähnlichen Parolen: Brüssel behindere das heimische Wirtschaftswachstum, statt es zu fördern. Der Euro sei eine Fehlkonstruktion, die Nordeuropa teuer zu stehen komme und Südeuropa zu Kolonien degradiere. Die politischen Eliten stünden nicht im Dienst der Bürger, sondern politisierten nur für ihre eigenen Interessen und jene der Reichen in die eigenen Taschen. Und: Es gebe zu viele Einwanderer in Europa.

EU-Kritiker mit eigener Gruppe

Mit dieser Kritik treffen die Enfants terribles der europäischen Politik offenbar die Meinung einer ziemlich breiten Wählerschaft. Inzwischen zweifelt kaum mehr jemand daran, dass die Rechtspopulisten es fertigbringen werden, eine eigene parlamentarische Gruppe zusammenzustellen.

Dafür müssen sich mindestens 25 Parlamentarier aus sieben verschiedenen EU-Ländern vereinigen. Vorteile einer eigenen Gruppe sind die Vertretung in Arbeitsgruppen und mehr Subventionen. Laut englischen Zeitungen wären es knapp 3 Millionen Franken Steuergelder jährlich, welche die Gruppe der EU-Gegner vom europäischen Parlament erhielte.

Mit von der Partie sind der französische Front National, die niederländische Freiheitspartei, die italienische Lega Nord, die österreichische Freiheitspartei, die slowakische Nationalpartei, die Schwedendemokraten und der belgische Vlaams Belang.

Andere Europaskeptiker finden sich in anderen Parteien, die ausserhalb dieser Gruppe bleiben wollen, etwa die britische Unabhängigkeitspartei Ukip, die Partei «Die Finnen» oder die ungarische Jobbik.

Hier zeigen sich aber rasch die Gräben, welche die Rechtspopulisten trennen. Ukip will nicht mit dem Front National zusammenarbeiten, weil dieser antisemitisch sei. Auf der anderen Seite wird der Front National aber auch verschmäht, weil er zu sehr auf dem Islam herumhacke - dabei seien doch Liberalismus und jüdischer Zionismus das wahre Problem, findet die ungarische Jobbik.

Diese Beispiele zeigen, dass die EU-Gegner keinesfalls eine geschlossene Front bilden und mit ein paar Dutzend Sitzen im 751 Sitze grossen EU-Parlament eine vernachlässigbare Minderheit stellen werden.

Allerdings üben sie indirekt durchaus Einfluss aus: Der britische Premierminister David Cameron etwa kündigte im vergangenen Jahr an, die Briten könnten 2017 über den Verbleib Grossbritanniens in der EU abstimmen, was ohne die unablässigen Angriffe der Ukip nie der Fall wäre.

Ob solche Zugeständnisse helfen, eine überbordende EU-Bürokratie im Zaum zu halten, oder ob sie ein stärkeres Zusammenwachsen der EU und damit mehr Wohlstand verhindern - darüber gehen die Meinungen weit über das rechtspopulistische Lager hinaus auseinander.