Alles schien perfekt, damit die Macrons zwei verdiente Ferienwochen an der Côte d’Azur verbringen konnten. Der Präsident hatte seine bisher schwierigste Reform, die der Eisenbahn SNCF, durchgebracht und profitierte in den Umfragen erst noch vom französischen Triumph bei der Fussball-WM. Doch dann explodierte die Benalla-Affäre, benannt nach dem Elysée-Sicherheitsmann, der im Quartier Latin Demonstranten verprügelte, wie die Zeitung «Le Monde» vor ein paar Tagen in einem Video publik machte.

Seither ist in Paris Schluss mit der Sommerruhe. Täglich werden neue Details bekannt – etwa, dass Benalla an der fraglichen 1.-Mai-Demo eine Polizeibinde und eine Dienstwaffe trug, ohne dazu ermächtigt gewesen zu sein. Auch mischte er sich in Sicherheitsdispositive ein und kommandierte uniformierte Polizisten herum, als hätte er die Befugnis dazu. Nach seinen Boxeinlagen war er zwei Wochen suspendiert worden, allerdings ohne Gehaltsfolgen; im Gegenteil erhielt Macrons Chefleibwächter eine noble Dienstwohnung, in der Ex-Präsident François Mitterrand früher seine Mätresse untergebracht hatte.

Nach der «Le Monde»-Enthüllung leitete das Elysée schleunigst ein Entlassungsverfahren gegen Benalla ein; zugleich versuchte es die Affäre aber auf verschiedene Weise zu vertuschen. Zu spät: Die Pariser Medien und Politiker werfen Macron vor, eine Art Schattenpolizei zu führen und die überwunden geglaubte Elysée-Praxis der «barbouzes» (Geheimagenten) fortzusetzen. Vergleiche werden gezogen zum berüchtigten «Service d’Action Civique» (SAC) des früheren Staatschefs Charles de Gaulle, zu den flächendeckenden Abhörpraktiken unter Mitterrand, zu Sarkozys Dunkelmännern mit Bargeldkoffern aus Libyen oder zum «schwarzen Kabinett» von François Hollande.

Auf eigene Faust

Die Pariser Presse spricht nun von einer «Staatsaffäre», Linkenschef Jean-Luc Mélenchon gar von «Watergate». Das scheint doch etwas viel der Ehre für Benalla, einen 26-jährigen Sanguiniker, der aus einer marokkanischen Einwandererfamilie bis in die innersten Machtzirkel von Paris katapultiert worden war und mit seinen Handlangern buchstäblich auf eigene Faust handelte. Innenminister Gérard Collomb erklärte jedenfalls bei einer Anhörung, er habe Benalla für einen schlichten Polizeioffizier gehalten, wenn er ihn bei Reisen direkt hinter dem Präsidenten erblickt habe. Der von der Rechts- und Linksopposition fast über Nacht eingesetzte Benalla-Ausschuss war ansonsten nicht sehr ergiebig. Die Macron-Partei «République en marche» (LRM) liess ihn so lange ins Leere laufen, bis ihn die Konservativen wie die Linken verliessen. Dafür reichten sie getrennt zwei Misstrauensanträge gegen die Regierung ein.

Straffreiheit sei unzulässig

Heute Dienstag wird darüber abgestimmt. Über den Ausgang machen sich die Antragsteller keine Illusionen: Solange LRM die absolute Mehrheit in der Nationalversammlung hält, haben sie keine Erfolgschancen. Ohnehin können sich solche Motionen nicht gegen den Staatspräsidenten, sondern nur gegen den Premierminister richten. Macron selbst, um den sich alles dreht, reagierte, wie man es mittlerweile von ihm kennt: Fast trotzig meinte er, er sei «stolz», Benalla eingestellt zu haben. Zu seinen Kritikern fügte er an: «Wenn Sie einen Verantwortlichen suchen, dann gibt es nur einen, und das bin ich.»

Dummerweise ist der einzige Verantwortliche auch der einzige, der in Frankreich über dem Gesetz steht. In ihren Misstrauensanträgen monieren die Oppositionsparteien auch, dass der französische Präsident dem Parlament keine Rechenschaft schulde und damit volle Straffreiheit (impunité) geniesse. Dabei sei es in einer Demokratie unzulässig, dass die persönlichen Sicherheitsbeamten des Präsidenten gewalttätig vorgingen und nicht einmal eine offizielle Polizeikompetenz hätten.