Den Samichlaus-Tag gibt es ausgerechnet in Finnland nicht. Und das im Land, in dem am Polarkreis nahe der Stadt Rovaniemi – der Hauptstadt Finnisch-Lapplands – der Weihnachtsmann wohnt. Die Finnen haben am 6. Dezember nämlich ganz anderes im Sinn: Es ist ihr Unabhängigkeits- und damit Nationalfeiertag, der traditionell mit Studentenmärschen auf die Friedhöfe, mit festlichen Konzerten und mancher Familiensauna begangen wird.

Höhepunkt ist stets am Abend der offizielle Empfang des Präsidentenehepaars in seiner Präsidentenwohnung in Helsinki, bei der live im Fernsehen sämtliche Prominenz in Finnland stundenlangdie Präsidentenhand schüttelt, während die Moderatoren die festlichen Kleider der weiblichen Gäste kommentieren.

Ablösung vom Zarenreich

Dieses Jahr wird alles am finnischen Unabhängigkeitstag, dem Itsenäisyyspäivä, noch etwas festlicher werden. Denn das nordische Land, mit gerade mal 5,5 Millionen Einwohnern flächenmässig fast zehnmal so gross wie die Schweiz, feiert heuer zum 100. 

Mal seinen Geburtstag: Am 6. Dezember 1917 sagte sich das seit 1806 zum Russischen Zarenreich gehörende Grossfürstentum mitten in den Wirren der Oktoberrevolution von Russland los und verkündete erstmals in seiner Geschichte seine Unabhängigkeit als souveräner Staat. Von Januar bis Mai 1918 führten die Finnen ihren einzigen Bürgerkrieg, bei dem die «weissen» Bürgerlichen und die «roten» Kommunisten mit grosser Brutalität gegeneinander kämpften – und die Weissen schliesslich gewannen.

Ohne die Unterstützung Deutschlands durch die Ausbildung finnischer Soldaten wäre wohl auch Finnland 1918 zur Sowjetrepublik geworden. Eine amüsante Anekdote der Geschichte wuchs aus dieser Zusammenarbeit: Prinz Friedrich Karl von Hessen-Kassel wurde Ende 1918 als Anwärter auf den finnischen Königsthron gehandelt: Er war sogar schon am 9. Oktober vom finnischen Senat dazu gewählt worden; als die Niederlage Deutschlands offensichtlich wurde, war ein deutscher Prinz auf finnischem Thron allerdings nicht mehr haltbar. Finnland wurde eine Republik. Friedrich Karls Urenkel, Philipp von Hessen, eröffnete vor wenigen Tagen eine Ausstellung in Helsinki, die Möbel zeigt, die damals schon für seine Majestät angeschafft worden waren.

Noch einmal band die Finnen die Kriegsnot im Zweiten Weltkrieg nach dem russischen Überfall 1939 an die Deutschen: Von den westlichen Alliierten war über das deutsch besetzte Norwegen und das strikt neutrale Schweden keine Hilfe zu erwarten. In diesem Zusammenhang fand am 4. Juni 1942 der einzige Besuch Hitlers in Finnland statt: Im Eisenbahnwaggon wurde das Gespräch mit dem finnischen Nationalhelden Marschall Carl Gustav Emil Mannerheim mitgeschnitten. Es ist wohl die einzige Tonaufnahme, in denen Hitlers normale Plauderstimme zu hören ist. (Teile der Aufnahme finden sich auf Youtube.)

Im plombierten Wagen

Auch aus der Schweiz reiste eine wichtige historische Person nach Finnland, oder besser gesagt: durch Finnland. Denn der Eisenbahnwaggon, der im Frühjahr 1917 den Zürcher Exilanten und späteren russischen Revolutionär Lenin transportierte, war plombiert und durfte während der langen Reise durch Deutschland, Schweden und eben Finnland nach der damaligen russischen Hauptstadt Sankt Petersburg weder betreten noch verlassen werden.

Den als exterritorial erklärten Transport hatte die deutsche Kriegsleitung beschlossen, in der Hoffnung, dass Lenin Russland durch eine Revolution ins Chaos stürzen und das Land als Kriegsgegner ausschalten würde. Der Plan funktionierte – und auch Finnland profitierte davon.

Über die Jahre des Kalten Krieges war Finnland zwar eng an die Sowjetunion gebunden. Doch tatsächlich musste Finnland in jenen Jahrzehnten sein wie die Schweiz: neutral und politisch unauffällig. Das war für die Finnen eine Frage des Überlebens, sollte es ihnen nicht ergehen wie ihrem estnischen Brudervolk und den anderen Ostblock-Satelliten.

Dabei fehlte es nicht an Versuchen der Sowjetunion, Finnland stärker an sich zu binden, zum Beispiel mit der Einladung zu einem Treffen 1955 in Warszawa, bei dem der Warschauer Pakt gegründet wurde. Finnland hielt sich unter einem Vorwand von diesem Treffen fern. Dennoch blieben vor allem die wirtschaftlichen Beziehungen sehr stark: Viele Finnen arbeiteten als Pendler in Russland in der Region Leningrad.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam es in Finnland noch einmal zu einer Wirtschaftskrise mit einer Arbeitslosigkeit bis zu 20 Prozent, die das Land aber bis spätestens 1994 aus eigener Kraft überwand. 1995 trat Finnland der EU bei und ersetzte 2002 die Finnmark durch den Euro. Derzeit wird in der finnischen Politik über einen Nato-Beitritt diskutiert.

Wachsende Unsicherheit

Doch die Welt hat sich zum 100. Geburtstag Finnlands auch in der Abgeschiedenheit des hohen Nordens gewandelt: Während es die meisten Verbrechen in Finnland noch immer im Fernsehen gibt, ist das Unsicherheitsgefühl wie auch sonst in Europa gewachsen. Spätestens am 18. August dieses Jahres ist mit der Messerattacke eines 22-jährigen Marokkaners mit zwei Toten und acht Verletzten in der Stadt Turku auch der Terrorismus in Finnland angekommen.

Die rechtspopulistischen Perussuomalaiset («Wahre Finnen») waren sogar seit 2015 mit 17,7 Prozent Wählerstimmen bis zum Auseinanderbrechen der eigenen Partei am 13. Juni dieses Jahres Koalitionspartner in der Mitte-Rechts-Regierung. Und auch eine «finnische Pegida» gibt es: Hässlich waren die Bilder im September 2015, als in der Grenzstadt Tornio etwa 100 finnische «Wutbürger» 20 bis 30 Flüchtlinge «zurückbrüllten», die über die Grenze von Schweden nach Finnland gelangen wollten.

Selbst in der Hauptstadt Helsinki muss Präsident Sauli Niinistö am heutigen 6. Dezember mit einem Pfeifkonzert der rechtsradikalen «Nordischen Widerstandsbewegung» rechnen, die Demonstrationen angekündigt hat.