Will sich die «Insel der Schönheit», wie sie sich selber besingt, von Frankreich losdocken? Die Frage ist weniger abwegig denn je: Bei den erstmals abgehaltenen Territorialwahlen vom Sonntag könnten die Separatisten die Mehrheit der Stimmen erzielen und ihren Vormarsch der letzten Jahre krönen.

Schon vor einem Jahr war die Allianz von «Femu a Corsica» (Schaffen wir Korsika) und der radikaleren «Corsica Libera» bei den Regionalwahlen überraschend auf mehr als ein Viertel der Stimmen gekommen; dank dem Mehrheitswahlrecht leiten ihre Anführer Gilles Simeoni und Jean-Guy Talamoni heute die Inselregierung beziehungsweise den Inselrat. Bei den französischen Parlamentswahlen dieses Jahres eroberten sie drei der vier korsischen Mandate in der Nationalversammlung.

Am Sonntag wird erstmals der neue Territorialrat gewählt, der ab dem 1. Januar 2018 die Instanzen der beiden früheren Departemente der Insel ersetzen wird. Den Separatisten wird ein klarer Sieg prophezeit. Die bürgerliche Rechte tritt dagegen gespalten an, die Sozialistische Partei nach einer Finanzaffäre gar nicht.

Der rechtsextreme Front National hat als stramm «französische» Partei schlechte Karten, obwohl er von einer latenten Ausländerfeindlichkeit – 50 000 der 320 000 Inseleinwohner sind Maghrebiner, vor allem Marokkaner – auf Korsika profitiert. Der Verbund aus Linkspartei und Kommunisten war auf Korsika noch nie sehr stark.

Korsisch als Amtssprache

Die Separatisten, in Frankreich «nationalistes» (der korsischen Sache) genannt, feiern damit ein spektakuläres Comeback, nachdem sie jahre-, wenn nicht jahrzehntelang als Politamateure belächelt worden waren. Natürlich erhalten die Korsen Auftrieb durch die Vorgänge im nahen Katalonien. Vor allem aber hat sich die korsische Autonomie- und Unabhängigkeitsbewegung selber von Grund auf erneuert.

Das ungleiche Gespann aus dem sportlichen Lebemann Simeoni und dem dünnlippigen Anwalt Talamoni hat viel Erfahrung im Umgang mit «Paris»; geschickt taktiert es zwischen politischer Mässigung und Maximalforderungen. Früher undenkbar, verlangen die beiden heute mit Nachdruck die Einführung des Korsischen als zweite Amtssprache. Oder wie im Baskenland die Verlegung «politischer» Häftlinge vom Mutterland in ihre Region.

Simeoni und Talamoni wirkten aber auch in die Tiefe. Sie kappten die Bande zur verbrecherisch-terroristischen «Befreiungsfront» FLNC, aber auch – und vielleicht wichtiger – zu mächtigen Familienclans wie den Orsonis oder Rocca Serras. Die Autonomisten prangern ferner die Immobilienspekulation mit den Villen der Festlandfranzosen an, aber auch die Umtriebe salafistischer Moscheen.

Munter provozieren sie den verhassten Zentralstaat in Paris, indem sie im Inselparlament bisweilen Korsisch sprechen. Frankreich, zu dem sie eigentlich gehören, nennt Talamoni kalten Auges einen «befreundeten Staat». Das heisst mitnichten, dass er und Simeoni als Fernziel die staatliche Unabhängigkeit anstreben. Beide wissen, dass die arme, wirtschaftlich rückständige Insel ohne den Geldfluss vom Festland schlicht den Bankrott anmelden müsste. Die einzige Partei (namens «Rinnovu»), die ein Referendum zur Selbstbestimmung im Programm führt, bleibt im Wahlkampf marginal.

Imaginäre Kühe

Die korsischen Separatisten, Autonomisten und Nationalisten sind sehr proeuropäisch eingestellt. Dahinter stecken zum Teil auch pekuniäre Interessen, betrachtet die EU doch Korsika in vielen Belangen als periphere Region, die damit stärker unterstützt wird. Berühmt sind die Kuhmilchprämien, die viele korsische Landwirte vor Jahren eingestrichen hatten, ohne dass sie eine Kuh im Stall hatten.

Wenn Simeoni auf seinem Bürotisch den korsischen Maurenkopf und die Europasterne nebeneinanderstehen hat, dann aber in erster Linie, weil dies die Absenz der französischen Trikolore noch herausstreicht. Ob Unabhängigkeit oder nicht: Das Gefühl einer Entfremdung mit Frankreich war auf Korsika wohl noch nie so gross wie heute. Womit die Mittelmeerinsel durchaus in einem europäischen Trend liegt.