Der Friedhof von Pozzallo liegt etwas erhöht, einige Kilometer von der Küste entfernt. Von hier sieht man den Hafen des beschaulichen Fischerstädtchens an Siziliens Südküste. Gerade sind wieder Hunderte von Flüchtlingen an Land gebracht worden. Von Carabinieri eskortiert hat man sie mit Bussen in jene Erstaufnahmezentren gebracht, in denen es noch Platz hatte. Andere hatten weniger Glück. Sie ruhen hier oben auf dem Friedhof.

Wie für italienische Friedhöfe üblich, ist auch derjenige von Pozzallo gross. Der Friedhof gleicht einem Labyrinth. Man findet sich kaum zurecht zwischen den reich geschmückten Gruften der wohlhabenderen sizilianischen Familien. Manche sind riesig, haben ein richtiges Dach. Manche sind verziert, tragen ein Kreuz. Tiefkatholischer Süden. 

Also frage ich den «custode», den Friedhofsmeister, wo die Gräber der toten Flüchtlinge sind. «Sei giornalista?», fragt er skeptisch. «Bist du Journalist?» Ja, antworte ich zögerlich. «Dann darfst du hier nicht fotografieren. Dazu brauchst du die Bewilligung des Bürgermeisters. Wenn du ohne Bewilligung fotografierst, dann bekomme ich Ärger, dann sperren sie mich ein», sagt der Mann. Kein scherzhaftes Lachen. Keine Ironie. Ich versichere ihm, die Kamera nicht zu benützen. Er führt mich zu einer Wand, in der sich unzählige Urnengräber befinden.

Zittriges Andenken an Menschen

Eigentlich sind es mehrere Urnenwände. Sie ziehen sich in einer Linie durch den gesamten Friedhof. Hier sind jene Menschen begraben, die über keine Familiengruften verfügen. Jede Grabplatte erinnert an einen Verstorbenen. Ein paar besonders schlichte Grabplatten fallen auf. Sie klagen vom Schicksal, das manch einen Flüchtling bei der gefährlichen Überfahrt nach Sizilien ereilt hat. Jemand hat in zittriger Schrift nicht italienisch klingende Namen eingraviert. Sidi Jaidlet steht auf einer der Steinplatten. Ousman auf einer anderen. Es ist eine Wand der Toten aus dem Meer.

«Da sind sie, die Flüchtlinge», sagt der Custode. Ein italienisches Paar, das an uns vorbeigeht, fragt erstaunt: «Gräber für die toten Flüchtlinge?» Kopfschüttelnd gehen sie weiter. «Wir haben die Namen selber eingraviert», so der Custode. Hier befinden sich nun die sterblichen Überreste von Flüchtlingen, die man identifizieren konnte. «Überlebende erinnerten sich an einen Namen, vielleicht noch an das Alter oder an die Herkunft.»

Dann muss der Friedhofswärter weiter Gräber pflegen. Streng schaut er mich an. «No foto», erinnert er eindringlich.

Im laufenden Jahr sind gemäss UNO-Flüchtlingswerk UNHCR bereits gegen 170 000 Flüchtlinge über den Seeweg nach Italien gekommen. Der grösste Teil von ihnen nach Sizilien. Gegen 3100 Menschen starben dabei oder gelten als vermisst. Das entspricht einem Todesrisiko gegen 2 Prozent. Andere Schätzungen gehen von über 25 000 Todesopfern seit der Jahrtausendwende aus.

Gefährlicher Wechsel auf See

Kaum ein Strand an Siziliens Südküste, an dem nicht schon Leichname an Land gespült worden sind. Kaum ein sizilianischer Fischer, bei dem sich nicht schon Menschenkörper oder deren Überreste in den Fischernetzen verfagnen haben. Die Sizilianer nennen die Küstenstrasse, die Pozzallo westwärts verlässt, Todesstrasse.

Italiens Regierung hatte nach dem Unglück vor Lampedusa vor mehr als einem Jahr auf den öffentlichen Druck reagiert und eine Lebensrettungsmission ins Leben gerufen. Unter der Mission Mare Nostrum kreuzen seither Schiffe der italienischen Marine durchs Mittelmeer. Bis weit vor die Küsten Libyens. Ein Staat, so unstabil, dass Schlepperbanden freie Hand haben. Das wissen die Flüchtlinge, die derzeit vorwiegend aus Syrien und Eritrea kommen. In Libyen steigen sie in überfüllte Boote, in der Hoffnung, über das Meer zu kommen und Sizilien und damit Europa wohlauf zu erreichen.

Italiens Marine hat alle Hände voll zu tun. Doch dem Land fehlt das Geld. Bis Ende Januar 2015 sollen keine Schiffe der italienischen Marine mehr im Mittelmeer nach Menschen in Seenot Ausschau halten. Dann übernimmt voll und ganz die EU. Mit ihrem eigenen Programm: Triton läuft unter der Schirmherrschaft der EU-Aussengrenzüberwachungsagentur Frontex.

Doch das Augenmerk der Triton-Operation gilt nicht der Rettung von Menschenleben, sondern primär der Sicherung der EU-Aussengrenze. Flüchtlinge sollen also in erster Linie daran gehindert werden, überhaupt übers Mittelmeer überzusetzen. Nicht nur die UNHCR und der Papst befürchten mit dem Regimewechsel auf dem Mittelmeer einen Anstieg der Todesopfer. Auch die Sizilianer, die dem täglichen Wahnsinn nur zusehen können, tun das.

Der Imam und seine Andachten

An der Urnenwand auf dem Friedhof von Pozzallo erinnert eine der Grabplatten an einen gewissen Bah Gallie, ein anderer an Kalilu. Weder Geburtstag noch Todestag sind aufgeführt. Wenigstens hatten die Behörden Grund zur Annahme, dass diese Flüchtlinge Christen waren, man sie also christlich bestatten konnte.

Doch was ist mit dem weit grösseren Anteil an muslimischen Flüchtlingen? Mit denjenigen, die aus Nahost oder Afrika nach Libyen gelangt sind, um von dort mit einem seeuntauglichen Boot ins Meer zu stechen, um – wenn überhaupt – als Wasserleiche an einen der sizilianischen Strände gespült zu werden?

Die muslimische Gemeinschaft in Sizilien zählt um die 100 000 Mitglieder. Die meisten Muslime leben im Grossraum Catania. Wie der Imam Kheit Abdelhafid in der Moschee von Catania sagt, wächst die sizilianische islamische Gemeinschaft dank der Immigranten weiter an.

Obwohl die Muslime in Catania über keinen eigenen muslimischen Friedhof verfügen, haben sie den Bau eines Friedhofs oder einer Art Gedenkstätte für die verstorbenen Flüchtlinge angeregt. Bis jetzt ohne Erfolg. Abdelhafid bleibt, Andachten zusammen mit katholischen Priestern zu organisieren. Und die muslimischen Todesopfer auf vorgesehenen Grabfeldern sizilianischer Friedhöfe zu bestatten.

Das grösste Problem: «Es ist sehr schwierig, Menschen, die im Meer ertrunken sind und Tage oder Wochen später an Land gespült werden, zu identifizieren», sagt der Imam, der seine Wurzeln in Algerien hat. Er erinnert sich an einen Mann, der seine ertrunkene Frau nicht wieder erkennen konnte, als man ihn darum bat. Was macht man also? «Man nimmt die DNA und bewahrt sie auf», so der Imam. Für den Fall, dass Angehörige nach einem Verstorbenen suchen.

Werden Tote an Siziliens Stränden gefunden, so erhalten Priester und Imame ein Aufgebot. «Dann halten wir Andachten für Nummern, weil wir die Namen der Verstorbenen nicht kennen», sagt der Imam Abdelhafid. Manchmal rufen ihn Angehörige aus Syrien oder aus den Palästinensergebieten an, die einen Angehörigen vermissen. «Mütter schicken mir deren Fotos», erzählt er. Doch Abdelhafid kann nur wenig ausrichten.

Es gibt Flüchtlinge, die werden von niemandem vermisst. Wie sagte doch der junge Senegalese Bocar, den ich bei Europas grösstem Flüchtlingscamp in Mineo nahe von Catania antraf: «Ich habe niemanden mehr. Von Landsleuten habe ich gehört, dass auch meine Mutter im Senegal in der Zwischenzeit gestorben ist.»

Die toten Flüchtlinge interessieren den Rest Europas kaum. Denn sie drängen nicht nach Norden, stellen nie Asylanträge und werden zu keinen Dublin-Fällen. So müssen die Sizilianer selber sehen, wie sie mit den Toten aus dem Meer umgehen.