Für Geeks und Nerds ist es der unbestrittene Jahreshöhepunkt: Die Cebit in Hannover von vergangener Woche. Aber die Technik-Messe zieht längst nicht mehr nur Computer-Freaks an. Mit 120'000 Teilnehmern ist sie eine der grössten Veranstaltungen ihrer Art in Europa. Auf einer Fläche von 120 Fussballfeldern breiten sich 2800 Tech-Firmen, Start-ups und Erfinder aus. Die digitale Transformation, das wird dem Besucher umgehend klar, schreitet unaufhaltsam voran.

Auf der Reise in die schöne neue Technik-Welt gilt es allerdings ein zentrales Hindernis aus dem Weg zu räumen: Den Ausbau der Infrastruktur. Dieser wird notwendig, um die enormen Datenmengen bewältigen zu können, die mit der digitalen Durchdringung unseres Alltags anfallen. Das Zauberwort lautet: «5G». Der neue Mobilfunkstandard bietet eine exponentielle Steigerung der Übermittlungskapazität, ohne die es kein selbstständiges Autofahren, kein Internet der Dinge und keine Telemedizin geben wird.

USA investieren doppelt so viel

Im Vergleich zu Asien und den USA liegt der alte Kontinent jedoch im Hintertreffen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Da wäre einerseits die Fragmentierung des europäischen Marktes durch eine Vielzahl nationaler Regulierungen, was die milliardenschweren Investitionen der Telekom-Firmen zusätzlich verteuert. Andererseits gibt es konkrete politische Versäumnisse wie eine verspätete und wenig harmonisierte Versteigerung der 5G-Frequenzen. Das führt dazu, dass in den USA pro Kopf doppelt so viel investiert wird. Gegenüber Asien liegt Europa beim 5G-Ausbau mittlerweile rund ein Jahr zurück. Dies, auch wenn es einige positive Ausreisser wie Spanien, Estland oder auch die Schweiz (siehe Box) gibt.

Darüber hinaus wird Europa oft auch eine allgemeine Technologie-Skepsis nachgesagt. Manche machen dies an der Opposition gegenüber den 5G-Sendeantennen fest. Andere sehen die Ende Mai in Kraft getretene Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) als Ausdruck typisch europäischer Störrigkeit. So wie PayPal-Mitgründer Peter Thiel, der von der DSGVO als «dummem Eigentor» und «Chinesische Mauer von Europa» spricht.

Das will Jan Philipp Albrecht, Grüner EU-Parlamentarier und treibende Kraft hinter der DSGVO, nicht gelten lassen. «Personen wie Thiel sind jene, die von der laschen Durchsetzung des Datenschutzes in der Vergangenheit profitiert haben», sagt Albrecht im Gespräch mit der «Nordwestschweiz». Für ihn sind die hohen Standards vielmehr Garant dafür, dass die digitale Transformation «nachhaltig» erfolgt und auch langfristig von den Bürgern getragen wird. «Wenn man in 20 Jahren zurückschaut, werden wir staunen, wie fahrlässig wir einst mit dem Datenschutz umgegangen sind.»

Besorgter Blick nach China

Aus Sicht der Datensicherheit würde sich Albrecht aber auch wünschen, dass es im 5G-Infrastrukturbereich eine grössere europäische Souveränität geben würde. Heute werden europäische Netz-Ausrüster wie Nokia oder Ericsson oft von ihren Konkurrenten aus den USA und China ausgebootet. Die Folge ist, dass ein wesentlicher Teil einer künftig zentralen und damit sensiblen Infrastruktur mit Technologie erstellt wird, die nicht aus Europa stammt. Mit Blick auf China führt dies in der Fachwelt zu Besorgnis. Längst weiss man, dass Staatschef Xi Xinping neben Marx’ «Kommunistischem Manifest» und Mao Zedongs «Gesammelten Werken» auch Pedro Domingos Bestseller «The Master Algorithm» zu seiner Lieblingslektüre zählt. Die Volksrepublik ist gewillt, ihre aufstrebende Rolle in der Digitalwirtschaft auch geostrategisch zu nutzen.

In den USA schlägt chinesischen Tech-Firmen denn auch immer mehr Misstrauen entgegen. Unlängst hat die US-Regierung den chinesischen Telekom-Ausrüster ZTE vom Markt gedrängt. Vordergründig, weil die Firma gegen Iran-Sanktionen verstossen hat. Genauso ausschlaggebend waren aber Sicherheitsbedenken wegen ZTEs Nähe zur Parteizentrale in Peking. Gerüchte über in Geräten eingebaute Hintertüren und Spionagevorwürfe halten sich hartnäckig.

Unter Generalverdacht gerät immer mehr auch der zweite chinesische Tech-Gigant Huawei. Republikanische Senatoren fordern, dass Huawei von öffentlichen Ausschreibungen ausgeschlossen wird. US-Präsident Donald Trump spielt mit dem Gedanken, den Bau des 5G-Netzwerks zu «nationalisieren» und ausländische Dienstleister vom Milliardengeschäft abzuschneiden.

Forderung nach Transparenz

So weit will EU-Parlamentarier Albrecht nicht gehen. Auch ihm ist klar, dass ein Verdrängen chinesischer Anbieter zu noch grösseren Verzögerungen beim 5G-Ausbau führen würde. Jedoch plädiert Albrecht dafür, dass Hardware-Hersteller ihre Konstruktionscodes offenlegen müssen. Albrecht: «Nur was man versteht, kann man auch kontrollieren.»

Auch Steffen Zimmermann vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) fordert, dass hohe Sicherheitsanforderungen beim Ausbau von 5G unbedingt durchgesetzt werden. Zimmermann: «Wir erachten die 5G-Infrastruktur als kritisch, weshalb bei der Wahl der Provider und Komponenten besondere Vorsicht geboten ist.» EU-Digitalkommissarin Mariya Gabriel (siehe Interview) betont, dass die EU einen offenen und investitionsfreundlichen Ansatz verfolgt. Gleichzeitig verweist sie aber auf Möglichkeiten im Rahmen eines geplanten EU-Gesetzes zum Schutz vor ausländischen Investitionen.

Anschuldigungen «haltlos»

Die Angesprochenen selbst können das Misstrauen nicht verstehen. Die Anschuldigungen in den USA seien «haltlos», heisst es von Huawei auf Anfrage. US-Handelsminister Wilbur Ross selbst habe Anfang Juni festgehalten, dass Huawei in den USA niemals Rechtsverletzungen begangen hätte. Um den wachsenden Vorbehalten präventiv entgegenzutreten, wurde die Präsenz auf dem Lobby-Platz Brüssel kürzlich stark ausgebaut. Es wird auf verschiedene Transparenz-Initiativen verwiesen, die Huawei in den letzten Jahren in Europa lanciert hat. «Cyber-Sicherheit ist ein Teil von Huaweis DNA», so ein Sprecher.

Auch wenn in Europa das Bewusstsein für eine stärkere digitale Souveränität allmählich erwacht: Allein Zahl und Grösse chinesischer Stände auf der Cebit haben gezeigt, dass man davon noch weit entfernt ist. Das liegt auch daran, dass die unter sinkenden Margen leidenden Telekom-Firmen die kostengünstigen Angebote aus China nur allzu gerne in Anspruch nehmen. Ob sie damit ein Risiko eingehen, wird dann wohl die Zukunft zeigen.