Brüssel, Place de la Bourse, Mitte Dezember: Aus den Lautsprechern klingt lauschige Musik, die Leute schlendern über den Weihnachtsmarkt, schlürfen Glühwein, knipsen Selfies. Die traurigen Gestalten, die sich mit ihren Bettel-Bechern durch die Menschenmassen schieben, fallen kaum jemandem mehr auf. Wie in jeder Grossstadt gehören auch in Brüssel Bettler und Obdachlose zum Stadtbild.

Ein paar hundert Meter entfernt, am Rande der Place du Jeu de Balles, wo Flohmarkt-Händler jeden Tag allerlei Krimskrams feilbieten, sitzt Jan Ratynksi. Er hat ein Buch vor sich liegen: Alexandre Dumas «Der Herr vom roten Haus». Der Roman des Autors von «Die drei Musketiere» lese sich flüssig, unterhaltend, sei aber für seinen Geschmack nicht sozialkritisch genug. Und von Sozialkritik will der 62-jährige «Papa Jan», wie er von seinen Freunden wegen seines Alters und der damit verbundenen Weisheit genannt wird, etwas verstehen: «Ich habe die Universität des Trottoirs absolviert, die einzige wahre sozioökonomische Grundausbildung.»

Hohe Dunkelziffer

Seine Habseligkeiten hat «Papa Jan» in einem kleinen grünen Rollkoffer und einem Rucksack mit dabei. Seit mehr als zehn Jahren lebt der Pole auf der Strasse. Er ist einer der über 2000 Obdachlosen in der belgischen Hauptstadt, sogenannten «sans domicile fixe» (SDF). Wobei: Die Zahl der SDFs genau zu beziffern, ist beinahe unmöglich. Neben Obdachlosigkeit im klassischen Sinn gibt es viele Menschen in prekären Wohnumständen, die zwischen Notunterkünften, dem Leben auf der Strasse, leerstehenden Häusern und dem temporären Unterschlupf bei Bekannten hin- und herpendeln. Eine Zählung der Obdachlosenhilfe kommt im März 2017 auf rund 4100, auf die diese Wohnumstände zutreffen – die Dunkelziffer dürfte allerdings um einiges höher liegen.

Die Zahl der sichtbar obdachlosen Menschen, also jenen in den Strassen, Bahnhöfen und an öffentlichen Plätzen, hat im Jahresvergleich seit 2008 um 72 Prozent zugenommen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Rede ist von steigenden Wohnungsmieten kombiniert mit der Sparpolitik der rechts-liberalen Regierung Michel ab 2014 gerade im Bereich Soziales und der seit Jahren stagnierenden Konjunktur in Belgien.

In diesen kalten Wintertagen schläft Jan jeweils in einer Einrichtung von Samusocial, einem Verein auf öffentlicher Mandatsbasis. Von Mitte November bis Ende April verdoppelt Samusocial zusammen mit dem Roten Kreuz die Kapazität seiner Notunterkünfte auf rund 1300 Plätze. Doch jeden Tag müssen auch Personen abgewiesen werden. Priorität haben alleinstehende Frauen und Familien, von denen es in den vergangenen Jahren immer mehr gebe, wie Mediensprecher Christophe Thielens erklärt. Polen wie Jan haben es dagegen schwer. Nicht nur weil sie oft in Gruppen von zehn Personen und mehr unterwegs sind, sondern weil bei ihnen der Alkohol eine besonders prominente Rolle spielt.

«Unter polnischen Obdachlosen ist der Alkoholkonsum mit Abstand am höchsten», sagt Bert de Bock, Strassenarbeiter bei der gemeinnützigen Nichtregierungsorganisation «Diogenes». Begleiterscheinungen wie Mangelernährung, vorzeitige Demenz, Unfälle und Gewaltausbrüche seien dementsprechend häufig. Von den 40 auf der Strasse verstorbenen SDFs im vergangenen Jahr seien 16 polnischer Staatsangehörigkeit gewesen. «Das zeigt, wie sehr diese Gruppe in gesundheitlicher Hinsicht exponiert ist», so der 41-Jährige. Er und sein Kollege kümmern sich ausschliesslich um polnische Obdachlose.

Die Geschichten gleichen sich

Dabei gleichen sich die Schicksale seiner Klienten oft. De Bock: «Praktisch alle kamen als Arbeitsuchende nach Belgien.» Wie Jan. Mit einer geschickten Lüge schaffte er es Mitte der Achtzigerjahre, ein Visum für Westeuropa zu ergattern und unter dem Eisernen Vorhang durchzuschlüpfen. In den Niederlanden angekommen, setzte er sich nach Belgien ab und arbeitete fortan schwarz auf Baustellen, als Gärtner oder Klempner. Das ging bis ins Jahr 2006 gut, und dann passierte das, was so oft passiert: Eine Verkettung widriger Umstände, sei dies eine Krankheit, ein Beziehungs- oder Alkoholproblem, führt in den Teufelskreis von Arbeits- und Obdachlosigkeit. «Am Schluss hiess es nur immer, ich sei zu alt», sagt Jan schulterzuckend. Daneben verweist er auf die grossen Buckel an seinen Handgelenken – am Morgen und bei jedem Wetterwechsel würde ihm die Arthrose starke Schmerzen bereiten.

Der Grund, weshalb polnische Migranten bei Arbeitslosigkeit mitunter auf der Strasse landen, hat einen Namen: Sozialdumping. Obwohl Polen seit 2004 EU-Mitglied ist und nach einer kurzen Übergangsfrist von der Arbeitnehmerfreizügigkeit profitiert, gibt es in Belgien viele Polen, die einen quasi-illegalen Status haben. Das heisst, sie sind weder angemeldet noch hinreichend sozialversichert. Das wird dadurch gefördert, dass in Belgien die Schattenwirtschaft floriert. Schätzungen gehen von einem Schwarzarbeit-Volumen von 17 Prozent des BIP aus. Andererseits werden viele polnische Arbeiter durch ihren Arbeitgeber ausgenutzt: Sie werden als Scheinselbstständige beschäftigt oder schlicht um den gesetzlich garantierten Mindestlohn betrogen. Verlieren sie ihren Job, haben sie wegen ihres ungeregelten Status kaum je Anspruch auf Sozialleistungen. Dazu kommt, dass die meisten Polen auch nach Jahren in Belgien weder Französisch noch Niederländisch sprechen und ihre Rechte gar nicht einfordern können oder von der berüchtigten belgischen Bürokratie überfordert sind.

Aus Scham auf der Strasse

All diese Zusammenhänge kann auch Piotr Mikolaszek bestätigen. Er ist in Brüssel auf Einladung der belgischen Regierung für «Barka» tätig, eine karitative polnische Stiftung. Barka engagiert sich im Bereich sozial vernachlässigter Gruppen mit dem Ziel, polnische Staatsangehörige in extremen Sozialsituationen wieder mit ihren Angehörigen in Verbindung zu bringen und sie nach Möglichkeit zu repatriieren. Mikolaszek: «Viele Polen gehen total unvorbereitet ins Ausland. Von ihren Arbeitgebern, oft ihre eigenen Landsleute, werden sie dann über den Tisch gezogen.»

Ein weiteres Problem sei, dass sich viele in der Hoffnung auf einen grossen Lohn Geld von Angehörigen leihen würden. Klappt es dann nicht und ist das Geld aufgebraucht, schämen sie sich, mit leeren Händen zurückzukehren, und ziehen ein Leben auf der Strasse vor. Barka versucht, den Gestrandeten einen Ausweg aus ihrer Situation aufzuzeigen. Sein «Trick» sei es, den Menschen «mit Liebe und auf Augenhöhe zu begegnen», so der 57-Jährige. Er kann sich nur allzu gut in ihre Lage versetzen: Der trockene Alkoholiker lebte selbst lange Jahre auf der Strasse.

Obwohl Barka erst seit September 2017 in Brüssel aktiv ist, kann die Organisation schon einen stattlichen Erfolg vorweisen: Bereits fünf Personen wurden überzeugt, nach Polen zurückzukehren und in einer der Barka-Einrichtungen einen betreu- ten Neustart zu wagen. Strassenarbeiter Bert de Bock zollt Mikolaszek Respekt dafür. De Bock: «Darunter waren einige recht hoffnungslose Fälle.»

Für «Papa Jan» jedoch, der die Barka- Leute ebenfalls kennt und durchaus schätzt, ist eine Rückkehr nach Polen keine Option. Er sei nun mal nicht gemacht für ein Leben in der Gesellschaft, sagt er. Solange er noch selber seinen Hosenladen öffnen könne, gehe es ihm gut. Falls das einmal nicht mehr möglich sei, wisse er, was zu tun ist. Dann bitte er einen treuen Freund um einen Dienst, sagt er, und fährt mit dem Daumen von rechten zum linken Ohr. Nicht, ohne ein augenzwinkerndes Grinsen nachzusetzen.