Der Dreitagebart verleiht Michael Kretschmer etwas Verwegenes. Noch bei seiner Vereidigung zum jüngsten Ministerpräsidenten Deutschlands im Dezember 2017 hielt er seine Ansprache mit glatt rasiertem Gesicht. Nun wirkt er rein optisch lockerer, und das passt ganz gut zu ihm. Keiner, der den Freistaat Sachsen seit der Wiedervereinigung regiert hat, war so unkompliziert im Umgang mit Bürgern und Reportern wie er, attestieren Journalisten.

Seit Dezember 2017 steht der 43-Jährige dem Freistaat in einer Regierung aus CDU und SPD vor. Zuvor sass er im Bundestag, doch so richtig Notiz von ihm nahm die Nation eigentlich erst in den letzten Tagen. Zuerst war da dieser skurrile Fall eines Mannes am Rande einer Pegida-Demonstration, der – mit Deutschland-Hütchen – ein TV-Team des ZDF vor laufender Kamera zusammengestaucht hatte. Das Video ging viral. Darauf zu sehen war, wie die Polizei die Journalisten festhielt, anstatt den Demonstranten zur Räson zu bringen. In den Medien machten sie aus dem Pegida-Mann den «Hut-Bürger», und Michael Kretschmer spielte sich mit einem Tweet in die Hauptausgabe der «Tagesschau»: «Die einzigen Personen, die in diesem Video seriös auftreten, sind die Polizisten.»

«Der rechte Verteidiger»

Das war voreilig, die Polizei entschuldigte sich später beim ZDF. Kretschmer konnte da noch nicht ahnen, dass es nur ein paar Tage später noch schlimmer kommen würde. Der tragische Todesfall eines 35-jährigen Deutschen – mutmasslich in einem Streit mit einem Syrer und einem Iraker erstochen – in Chemnitz war der Auftakt zu wüsten Protesten. Am Montag gingen Tausende Menschen auf die Strasse, darunter Hunderte Rechtsextremisten.

Michael Kretschmer sagte, über das Ausmass der Ereignisse in Chemnitz glaubhaft schockiert: «Wir lassen nicht zu, dass das Bild unseres Landes durch Chaoten beschädigt wird.» Dieser Satz wurde Kretschmer von Experten um die Ohren gehauen. Das Image seines Bundeslandes sei ihm wichtiger als das Problem mit den Rechtsextremisten, hiess es.

Hitlergruss und Ausländerhetze: Mindestens sechs Verletzte in Chemnitz

Hitlergruss und Ausländerhetze: Mindestens sechs Verletzte in Chemnitz (29. August 2018)

Anlass des Protestes rechter und linker Demonstranten waren gewalttätige Ausschreitungen am Wochenende. Dabei war ein Deutscher getötet worden. Im Anschluss wurde Haftbefehl wegen Totschlag gegen einen Syrer und einen Iraker erlassen.

Seit Wochen tourt der Wirtschaftsingenieur durch sein Bundesland, um mit Bürgern in den Dialog zu treten. Er verteufelt weder Pegida noch die Wähler der AfD, ruft dazu auf, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen, warnt vor der «Bevormundung der Wähler» durch die Politik. «Nicht der Staat hält sich die Bürger, sondern die Bürger haben sich den Staat geschaffen. Die sagen, was er zu tun und zu lassen hat.» Er findet auch: «Nicht jeder, der einen kritischen Punkt hat, ist radikal und fällt für ein Gespräch aus.»

Oder: «Politiker dürfen keine Volkserzieher sein.» Das kommt bei vielen in Sachsen gut an. In der Flüchtlingspolitik revoltierte er zwar nicht offen gegen Angela Merkel, aber er verteidigte den Grenzzaun, den Ungarn errichten liess. Das machte ihn bei Kritikern von Merkels Flüchtlingskurs beliebt. Bei der Ehe für alle schlug er sich auf die Seite der Konservativen. Und 2016 entwarf er als Antwort auf das Erstarken der AfD eine «Leit- und Rahmenkultur», in der er mehr «Stolz auf unsere Nation» eingefordert hatte. «Ein junger Alter mit Verständnis für Wutbürger», titelte die «Süddeutsche Zeitung» über ein Kretschmer-Porträt, und der «Spiegel» meinte: «Der rechte Verteidiger.»

Kretschmers Dilemma

Der 43-Jährige steht unter Druck. Bei den Bundestagswahlen im letzten Jahr wurde die AfD in Sachsen stärkste Kraft vor der CDU, die seit der Wiedervereinigung in dem Freistaat bislang unangefochten an der Spitze stand. Im nächsten September wählen die Sachsen ihr neues Landesparlament. Noch führt die CDU in Umfragen, doch die AfD rückt den Christdemokraten bedrohlich nahe. Kretschmer kann als Held seiner Partei in die Geschichte eingehen, wenn er die AfD zurückbindet. Oder er wird zum Deppen, wenn unter seiner Ägide zum ersten Mal überhaupt die AfD bei einer Landtagswahl an der Spitze steht. Kretschmers Dilemma. «Trifft Kretschmer die Sprache der Wütenden nicht, kommt er in Sachsen nicht an. Redet er ihnen zu sehr nach dem Mund, bekommt er Ärger aus ganz Deutschland», räsoniert die «Zeit».

Kretschmer hat eine Mission. Er will den Geist der AfD aus seinem Bundesland vertreiben. Ob er mit seiner Bürger-Nähe Erfolg haben wird, wird sich zeigen.