Issa hielt sich an einem Kanister fest, als er am Horizont die Boote kommen sah. Stunden war er bereits im Wasser getrieben an jenem Julitag 2014. 137 waren sie auf dem Gummiboot gewesen, das zwei Stunden nach Verlassen der libyschen Küste sank. Nur 49 überlebten, gab Issa gegenüber Menschenrechtsaktivisten Jahre später zu Protokoll.

Es ist die libysche Küstenwache, die Issa vor dem Ertrinken rettet. Statt Europa zu erreichen, wird er zurück nach Libyen gebracht. Issa hat überlebt, doch ab nun geht er durch die Hölle: Polizisten sperren ihn monatelang ein. Issa wird sich Jahre später gut an die Schläge erinnern. Gegen ein Lösegeld versprechen die Polizisten ihn freizulassen. Issas Familie in Burkina Faso muss umgerechnet über 1000 Franken auftreiben. Nach der Zahlung lassen ihn die korrupten Polizisten frei.

Issas Geschichte, wie er sie den Menschenrechtlern von Amnesty International (AI) erzählte, lässt sich nicht überprüfen. Doch die Aktivisten befragten allein in Niger, einem der Haupttransitländer für west- und ostafrikanische Migranten auf dem Weg nach Libyen, Hunderte Menschen. Ihnen war es ähnlich oder gleich ergangen wie Issa. Viele von ihnen auf dem Weg nordwärts, manche noch immer mit dem Ziel Europa. Andere waren auf dem Rückweg, warteten darauf, wieder in ihre Heimatländer zurückzukehren. In ihren Berichten schreibt AI von systematischer Inhaftierung, Folter, sexuellen Übergriffen, Vergewaltigungen, Mord, Erpressungen.

Gemäss der internationalen Organisation für Migration (IOM), einer der wenigen verbliebenen internationalen Organisationen in Libyen, befinden sich 270'000 Migranten im Land. Gemäss Schätzungen von AI ist diese Zahl allerdings zu tief. «Hunderttausende Ausländer stecken zurzeit in Libyen in einer Falle», schreibt AI in ihrem jüngsten Bericht. Über IOM leistet die Schweiz auch Hilfszahlungen an Libyen. Genauer an die Küstenwache, die von der international anerkannten Teilregierung kontrolliert wird. Für besseres Rettungsmaterial und zu Trainingszwecken in Sachen Einhaltung der Menschenrechte, wie die Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga mehrfach betonte.

Issa, der gescheiterte Migrant aus Burkina Faso, versuchte es letztes Jahr erneut nach Italien. Auch diesmal ohne Erfolg. Wiederum landete er in Haft. Nach zwei Wochen wurden er und andere inhaftierte Flüchtlinge an eine Bande von Menschenschmugglern weiterverkauft. Auch das ist typisch. Der Menschenhandel floriert in Libyen. Die anarchischen Zustände bieten sich geradezu dafür an. Und auch von offizieller Seite beteiligen sich Akteure daran, bis hin zu den Küstenwächtern.

Diesmal aber wartete Issa nicht die Lösegeldforderungen ab. Ihm und einigen anderen gelang die Flucht. Ihre Kidnapper schossen auf einige von ihnen. Issa weiss nicht, ob es Tote gegeben hat.