Für Alexis Tsipras ist dieser Montag, der 13., kein gutes Datum. Das merken auch die Fernsehzuschauer in Griechenland, als der Premier nach dem Marathon-Krisengipfel in Brüssel übernächtigt vor die Kameras tritt. Tsipras ringt sich ein Lächeln ab, es wirkt gequält. «Wir haben in einer harten Schlacht bis zum Ende gekämpft und die bestmögliche Vereinbarung erzielt», erklärt er. Aber nach Harmonie, Kompromiss und Konsens klingt es nicht, was der griechische Premier vorträgt.

Tsipras wäre nicht Tsipras, wenn er nach dem Ende des Gipfeltreffens nicht sogleich wieder aus der Rolle des Regierungschefs in die des Populisten zurückfallen würde. Er malt die alten Feindbilder aus: Es sei der griechischen Delegation gelungen, «die extremistischen Bestrebungen der allerkonservativsten Kreise der Europäischen Union zu durchkreuzen». Man habe «die finanzielle Strangulierung» und die finsteren Pläne zur «Zerstörung des griechischen Bankensystems» abgewendet.

«Waterboarding» in Brüssel

Daheim in Athen schürt derweil Nikos Filis, Fraktionssprecher des regierenden Linksbündnisses Syriza, die Stimmung: Was man mit Griechenland beim Euro-Sondergipfel gemacht habe, sei «Waterboarding», erklärte er in Anspielung auf die Folterpraktiken in Guantánamo. Nur dass es jetzt die Deutschen sind, die am Pranger stehen: Deutschland schicke sich zum dritten Mal in hundert Jahren an, Europa zu spalten, sagte Filis.

Das Getöse soll wohl vor allem dazu dienen, das Syriza zusammenzuhalten. Die Partei – und damit die Regierung – steht vor einer schweren Zerreissprobe. Bereits vergangene Woche, als Tsipras seine Sparliste vorlegte, tat sich ein tiefer Bruch in der Partei auf. Jetzt scheiden sich die Geister. Steuererhöhungen, Rentenkürzungen, Privatisierungen: Was Tsipras in Brüssel zugestehen musste, widerspricht dem, was er den Menschen noch vor der unsinnigen Volksabstimmung vom vorletzten Sonntag vorgegaukelt hatte.

Was er aus Brüssel mitbringt, ist weitaus härter als jene Spar- und Reformliste, die die Wähler in dem Referendum mit grosser Mehrheit zurückwiesen. Das hat Tsipras selbst zu verantworten. Denn mit dem Volksentscheid stürzte er das griechische Bankensystem in eine existenzbedrohende Krise und verursachte der Volkswirtschaft binnen weniger Wochen Milliardenverluste. Umso strikter müssen nun die Spar- und Reformauflagen ausfallen.

Die meisten Griechen atmeten gestern zwar auf. Der befürchtete Grexit ist erst einmal abgewendet. Das Land bleibt – vorerst – in der Eurozone. Aber in die Erleichterung mischt sich die Gewissheit, dass nun neue Entbehrungen bevorstehen. Tsipras verspricht zwar, die Lasten des Sparprogramms würden diesmal anders verteilt. Nun werde man jene zur Kasse bitten, die sich bisher gedrückt hätten, sagt er. Aber die geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer und die Rentenkürzungen treffen wieder einmal vor allem die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen.

Auf die Opposition angewiesen

Damit wird nicht nur Tsipras in den Augen vieler Wähler entzaubert. Auch Syriza steht vor einem Crashtest. Das zeigte sich bereits vergangene Woche bei der Abstimmung über das Verhandlungsmandat, das der Premier vom Parlament erbeten hatte. Über 30 Syriza-Abgeordnete versagten Tsipras die Gefolgschaft oder blieben der Abstimmung fern. Das zeigt: Auf seine Regierungsmehrheit kann sich der griechische Premier bei den nun fälligen Abstimmungen über die einzelnen Gesetze des Reform- und Sparprogramms nicht stützen.

Schon bis morgen Mittwoch soll das Athener Parlament einzelne Reform- und Spargesetze im Eilverfahren verabschieden, damit Soforthilfen fliessen können, um den drohenden Staatsbankrott abzuwenden. Nur auf seine eigene Koalition gestützt, kann Tsipras die Gesetze nicht durchs Parlament bringen. Er braucht Unterstützung aus den Reihen der Oppositionsparteien. Über kurz oder lang bedeutet dies wohl die Spaltung von Syriza und das Ende der gegenwärtigen Regierung.

Noch vor dem Rückflug aus Brüssel beantragte Tsipras gestern Morgen ein Spitzentreffen aller Parteiführer unter Vorsitz von Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos. Dabei könnten bereits die Weichen für eine Regierungsumbildung gestellt werden: An die Stelle des bisherigen Links-Rechts-Bündnisses könnte eine Koalition treten, die sich auf eine breite Mehrheit der pro-europäischen Kräfte im Parlament stützt. Für Griechenland wäre das wohl nicht die schlechteste Lösung.