Das Elend auf dem Mittelmeer kennt kaum Grenzen. Seit Anfang des Jahres sind bereits 1405 Menschen auf der Flucht ums Leben gekommen, die allermeisten von ihnen durch Ertrinken. Alleine im Juni starben 629 Menschen auf der Überfahrt in Richtung Europa. Diese Zahl hat die Internationale Organisation für Migration (IOM) am Dienstag veröffentlicht – und damit ihre am Montag publizierte Todesstatistik noch einmal um fast 40 Prozent nach oben korrigiert. Anfang der Woche war das IOM noch von rund 1000 Toten seit Jahresbeginn ausgegangen.

Grund für die traurige Korrektur seien nicht neue Tragödien, sondern das erst jetzt bekannt gewordene Ausmass zweier Unglücke, die sich Mitte Juni zugetragen hätten und bei denen 215 Menschen ums Leben gekommen seien, teilte die IOM mit.

Die Situation für die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer spitzt sich weiter dramatisch zu. Seit Italien im Herbst 2014 das europäische Seerettungsprogramm «Mare Nostrum» wegen ausbleibender Unterstützung der anderen europäischen Staaten gestoppt hatte, waren es primär Nichtregierungsorganisationen und freiwillige Helfer, die mit ihren Schiffen Menschen in Not retteten. Zu Spitzenzeiten war rund ein Dutzend Organisationen mit bis zu 15 Schiffen unterwegs.

Drama könnte verhindert werden

Viele dieser Organisationen sahen sich in jüngster Vergangenheit u.a. von einem sizilianischen Staatsanwalt mit dem Vorwurf konfrontiert, das Geschäft der Schlepper durch ihre Präsenz auf hoher See indirekt anzukurbeln. Mehrere Schiffe werden deshalb zurzeit in Häfen in Malta und in Italien an der Ausfahrt gehindert.

Seit Dienstag darf auch die «Sea Watch 3» der gleichnamigen deutschen Hilfsorganisation den Hafen in Malta nicht mehr verlassen. Sie war eines der letzten Schiffe, das regelmässige Rettungsfahrten durchführte. «Niemand würde auf die Idee kommen, die freiwillige Feuerwehr vom Löschen eines Brandes abzuhalten, nur weil sie freiwillig ist», sagte Ruben Neugebauer von Sea-Watch auf Anfrage. Genau das sei aber die Argumentation, mit der derzeit zivile Seenotrettung auf dem Mittelmeer verhindert werde. «Wer Rettungskräfte mit Absicht behindert, gehört vor Gericht. Die Toten der vergangenen Tage sind die persönliche Verantwortung derer, die Rettungsschiffe blockieren lassen und so Seenotrettung auf dem Mittelmeer verhindern», sagte Pia Klemp, Kapitänin der «Sea-Watch 3». Die Organisation fordert die sofortige Auflösung der Hafenblockaden für Rettungsschiffe. Wenn das nicht passiere, werde das auch in den kommenden Tagen tödliche Konsequenzen haben.