Der bärtige Mann war immer da. Etwa 20 Jahre lang hing Che Guevara an der Zimmertür und nahm mit stoischem Gleichmut an meinem Leben teil. Der erste Kuss, das erste Taschengeld, der erste Rausch. Eine kapitalistische Jugend unter kommunistischer Obhut. Und als ich mich fragte, damals, mit 20 Jahren, wo ich mit meinem bescheidenen Ersparten endlich die grosse weite Welt kennen und dazu noch Spanisch lernen sollte, da schien er spöttisch die Braue zu heben. Für ihn, Che, den Argentinier, Rädelsführer der kubanischen Revolution 1959 und Ikone rebellierender Teenager, war klar, wo das zu sein hatte.

Kuba also. Damals, 2008, reiste ich ein halbes Jahr in den Karibikstaat. Es war ein Leben wie in Zeitlupe, Eintauchen in eine andere Zeitrechnung. Und jetzt, zehn Jahre später, bin ich zum ersten Mal wieder zurück. Ein seltsames Gefühl. Erinnerungen kommen auf. Ja, ich lernte auch Spanisch damals, in etwas lallender, fast kehliger Form, wie sie mir später in Spanien, Kolumbien, Ecuador spöttisch bescheinigten. Aber vor allem lernte ich, dass der Kommunismus aus dem Geschichtsbuch und der Kommunismus aus dem kubanischen Wohnzimmer zwei verschiedene Dinge sind; dass Sonne, (Weiss-) Brot und (Baseball-) Spiele ausreichen, um ein Volk in einfachsten Verhältnissen bei Laune zu halten. Und ich lernte, zu schwärmen, zu verschönern und zu verwischen. Der Sozialismus der Strasse. Nach sechs Monaten folgten der Abschied und ein Versprechen: Ich bin bald zurück!

Doch zehn Jahre waren rasch vorbei, einfach so ins Land gezogen, bestimmt auch in jenes Land, in das ich nie mehr zurückgekehrt bin. Was mag dort wohl geschehen sein? Und vor allem: Was hat sich verändert? Auf einer dreiwöchigen Reise fliegen mir die Antworten nur so um die Ohren. «Viel», scheint der Audi A4 sagen zu wollen, in dem ich in Havanna ins Stadtzentrum gefahren werde. Eine Karosse, die vor zehn Jahren niemals möglich gewesen wäre im embargogeplagten, planwirtschaftlichen Kuba. «Nichts», sagt wiederum José, Kapitän auf dem Katamaran «Neptun», der auf den Kuba vorgelagerten Cayos, den zahllosen Inselchen, Touristen umherschifft.

Ein Schiff war es auch, das Kuba die Erlösung brachte, zumindest nach der Version der Geschichte, wie sie die Gewinner der Revolution um Fidel Castro schrieben. Vertrieben vom mächtigen kubanischen Diktator Fulgencio Batista, kehrten Castro und seine Gefährten 1959 an Bord der «Granma» aus Mexiko auf die Insel zurück – und schlugen die Batista-Truppen nach zweijährigem Guerillakrieg in den Bergen der Sierra Maestra.

Neues Angebot, alte Probleme

Fidel Castro baute sich ein Land nach seinem Gusto auf. Er begründete ein Regime, dessen Autorität sich immer auch am eigenen Pathos stärkte. Ein Pathos, den die Bevölkerung jahrzehntelang lustvoll mittrug und bei dem sich der Betrachter nie ganz sicher war, ob er nun zur allgemeinen Folklore, diesem Hang zum Übertreiben in Kuba, zählte oder feuriger Ernst war. Fidel Castro ist tot, sein politisches Erbe hat in den vergangenen Jahren sein Bruder Raul verwaltet. 87 Jahre alt ist er mittlerweile, sein Amt als Staats- und Ministerratspräsident hat er im April niedergelegt. Die Kommunistische Partei Kubas hat eine neue Regierung gebildet, zum ersten Mal seit 40 Jahren steht kein Castro mehr an der Spitze des Regimes.

Der Rückhalt für die Castros hat mich damals immer erstaunt. Rund um Santiago, wo Castro einst die Revolution ausrief, spricht das Volk auch hinter vorgehaltener Hand nicht wirklich schlecht über seinen «Lider». Und heute? Wie die Bevölkerung zum sozialistischen Erbe der Castro-Dynastie steht, ist schwer zu beurteilen. «Herangewachsen ist eine weitgehend unpolitische Jugend», sagte selbst Heriberto Olmo, einer der Rädelsführer der Revolution, kürzlich in einem Interview.

Die Zeit hat Veränderung gebracht. Dass die «Neptun» mit Touristen an Bord eine Woche nonstop vor der Küste Kubas verbringt, das hätte es früher nicht gegeben. Doch das neue Angebot krankt an den alten Problemen im Karibikstaat: Es fehlt an allem. Dabei ist der Tourismus wichtigster Wirtschaftszweig in Kuba. 2007 war man in der Branche noch mit rudimentären Massnahmen wie der Senkung der Kerosinpreise und Landegebühren am internationalen Flughafen in Havanna beschäftigt. Das ist heute anders: 2017 wurde erneut ein grosser Zuwachs verbucht – 4,25 Millionen Touristen kamen auf die Insel.

Mehr Touristen, gleiche Infrastruktur

Der Tourismus bringt dem Land Individualismus und Selbstverwirklichung; der sozialistische Weg gegen den gemeinsamen Feind, die USA, lässt sich allerdings schlecht damit vereinbaren. Für die Probleme im touristischen Alltag ist je nach Auffassung die Regierung oder das Wirtschaftsembargo verantwortlich, das den Kubanern aus den USA seit den 1960er-Jahren auferlegt ist. «Was damals schwierig war, ist auch heute noch schwierig. Da hat sich wenig verändert», sagt Philippa Stephenson.

Die Britin kommt seit zehn Jahren nach Kuba, seit vier Jahren lebt sie dort und betreut auf der «Neptun» die Segelreisen für ihren Veranstalter. Ihre Erfahrung im kubanischen Tourismus hat sie gelehrt: Willst du mehr als ein Bett mit Frühstück anbieten, musst du erfinderisch werden. Ein neuer Schnorchel, eine zweite Luftmatratze? Ist aufgrund der Güterknappheit innerhalb des Landes kaum auffindbar. Eine zweite Crew, ein zweites Schiff? Die Bewilligungen dafür bleiben in der schleppend langsamen Bürokratie jahrelang stecken. Resigniert erzählt Kapitän José die Geschichte vom neuen Dieselmotor, den er für sein Schiff brauchte. Den er in Südafrika fand, ihn aber während Jahren nicht importieren konnte, bis ihn eine andere Firma in Frankreich kaufte und ihm nach Kuba brachte – offiziell als Geschenk.

Die Touristenströme auf Kuba mögen stärker geworden sein, sie werden so schnell auch nicht versiegen. Aber die Infrastruktur kann mit dem grösseren Aufkommen längst nicht mehr Schritt halten. Die internationalen Flughäfen in Havanna, Varadero und Holguin sind veraltet, zu klein und überlastet. Die «autopista nacional» ist in vielen Landesteilen mehr Handelsplatz als Autobahn und in einem Restaurant ist es nach wie vor so, dass man am besten als Erstes fragt, was genau auf der Speisekarte denn auch wirklich vorrätig ist. Doch eben, es tut sich schon was. Die «Neptun» fährt wochenlang um die Inselchen herum, in Santiago gibt es ein wachsendes Angebot an Abenteuersportarten wie Gleitschirmfliegen und Sporttauchen und in Havanna schiessen die selbstständigen Herbergen in einigen Vierteln wie Pilze aus dem Boden. «Ein lukratives Geschäft war das bestimmt nicht», sagt Ivan aus Rom, der im Szene-Kiez Vedado seit fünf Jahren ein Gästehaus betreibt. Für den Neuanfang in der Karibik hat der Italiener in der Heimat gespart. Von nichts kommt nichts, der Spurwechsel wäre ihm mit der finanziellen Ausgangslage eines Einheimischen kaum geglückt.

Damals, 2008, telefonierten die Gastgeber jeweils in die nächste Stadt, um mir dort ein Bett zu organisieren. Internet war eine Welt aus Wählzeichen und Warteminuten. Noch heute ist es eine äusserst exklusive Angelegenheit auf Kuba – was bei den Touristen immer wieder ungläubiges Staunen hervorruft. Kuba steht. Und Kuba geht.

Die Reise wurde durch den Veranstalter G-Adventures ermöglicht.