Gipfeltreffen der Europäischen Union sind bis ins Detail durchgetaktete Veranstaltungen. Im Normalfall haben die persönlichen Mitarbeiter der EU-Staats- und Regierungschefs, die sogenannten Sherpas, die gemeinsame Abschlusserklärung schon Tage im Voraus zusammengestiefelt. Die Staatenlenker müssen sie bloss noch absegnen und der Öffentlichkeit präsentieren. Die Medien ihrerseits sind durch konstante Leaks meist ebenfalls bis ins Detail der anstehenden Beschlüsse vorinformiert.

Spannende Nebenschauplätze

So gibt es sich, dass die interessantesten Geschichten an einem Gipfel-Tag unter Umständen abseits der Hauptbühne zu finden sind. Gestern war es Österreichs Aussenminister und Wahlsieger Sebastian Kurz, der die grösste Aufmerksamkeits-Rendite einfahren konnte. Freilich war er nicht Gipfel-Teilnehmer – das war sein Noch-Chef, SPÖ-Bundeskanzler Christian Kern. Offizieller Anlass des Kurz-Besuchs war vielmehr das Treffen der Parteienfamilie der europäischen Konservativen (EVP), wo Kurz als ÖVP-Chef teilnahm. Einmal auf dem Platz, liess er es sich allerdings nicht nehmen, gleich noch die gesamte EU-Prominenz zu treffen. Immerhin wird Kurz heute vom österreichischen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen mit der Regierungsbildung beauftragt.

Gefühlt bereits Regierungschef

In der EU-Hauptstadt Brüssel wurde der 31-Jährige empfangen, als sei bereits er der amtierende Bundeskanzler. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker (samt Küsschen), EU-Ratspräsident Donald Tusk und auch Brexit-Chefverhandler Michel Barnier gewährten dem politischen Senkrechtstarter eine Audienz. Daneben empfingen etliche Präsidenten und Premierminister «Wunderwuzzi», wie Kurz in Österreich auch genannt wird. Darunter war selbstverständlich auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die übrigens die Allererste war, die ihm am Sonntagabend nach der Wahl gratuliert hatte, wie Kurz stolz verlauten liess.

Offenbar ging es dem stets mit viel Schneid Daherkommenden vor allem darum, eine ganz bestimmte Botschaft abzusetzen. Die hiess: «Jede Regierung, die ich anführe, wird proeuropäisch sein», so Kurz nach seinem Treffen mit Juncker. Zuletzt wurde dies wegen seiner Annäherung an die rechtspopulistische FPÖ und einer möglichen Koalition mit derselben mehr oder weniger offen infrage gestellt.

Ratspräsident in heisser Phase

Juncker selbst wünschte Kurz in seinen Gratulationen vergangene Woche «viel Erfolg bei der Bildung einer stabilen, proeuropäischen Regierung». Dies auch vor dem Hintergrund, dass Österreich in der zweiten Jahreshälfte 2018, zur heissen Phase der Brexit-Verhandlungen, die EU-Ratspräsidentschaft innehaben wird.

Konkret wird unter EU-Diplomaten befürchtet, Österreich könnte sich mit den Brüssel-skeptischen Visegrad-Vier-Staaten rund um Ungarn und Polen zusammentun. FPÖ-Chef und Kurz’ möglicher Junior-Partner Heinz-Christian Strache hatte dies während des Wahlkampfs wiederholt gefordert. Kurz beendete entsprechende Spekulationen nun gestern. Solchen Behauptungen würde vor allem durch Österreichs Sozialdemokraten Vorschub geleistet. Vielmehr sehe er Wien als «Brückenkopf» in der Europäischen Union. Kurz: «Ich möchte eine enge Zusammenarbeit mit Deutschland und Frankreich und anderen Staaten. Und ich möchte gleichzeitig einen guten Kontakt zum Osten Europas.»

Die Beruhigungspille zeigte Wirkung. «Ein wahrhaft proeuropäischer Sieger der österreichischen Wahlen», twitterte EU-Ratspräsident Tusk nach seinem Rencontre. Die ungarische Regierung, die bis gestern noch von einer «sehr engen Kooperation» mit Kurz träumte, weil dieser ähnliche Ansichten wie Viktor Orban habe, dürfte nun eher enttäuscht sein.

Die konfrontative Linie bleibt

Nichtsdestotrotz machte Europas jüngster Regierungschef in spe klar, dass er auch künftig seiner konfrontativen Linie treubleiben wird. Zum Verhältnis zur Türkei und der Diskussion um eine Reduktion der milliardenschweren Vorbeitrittshilfen sagte Kurz: «Ich bin dafür, die Beitrittsverhandlungen abzubrechen. Dann fallen auch die Beitrittshilfen automatisch weg.»