Wenn der Präsident aus dem fernen Paris nach Korsika kommt, erscheint er den 330 000 Inselbewohnern fast wie ein ausländischer Staatschef. Ja fast wie ein Besuch vom Mars. Früher explodierten im Vorfeld solch hoher Visiten gerne ein paar Bomben – der korsische Willkommensgruss für Politiker vom Festland. Vor ein paar Jahren haben die FLNC-Terroristen die Waffen niedergelegt. Dafür belegen die «Nationalisten», wie sich die Autonomisten nennen, seit Dezember erstmals die Mehrheit der 63 Sitze im Inselparlament.

Ihr energiesprühender Anführer Gilles Simeoni und sein radikalerer Partner Jean-Guy Talamoni, Vorsteher des Inselparlamentes, leiten daraus neue und eher radikale Ansprüche ab. Sie wollen das Korsische auf der Insel zur zweiten Amtssprache neben Französisch machen.

Die Einheimischen sollen durch ein «Wohnsitzstatut» gegenüber den Ferienhausbesitzern geschützt werden. Und die «politischen Gefangenen» wie der Schafhirte Yvan Colonna sollen nicht mehr in französischen Gefängnissen schmoren müssen, sondern in korsischen Anstalten Heimatluft atmen und Familienangehörige treffen können.

Keine zweite Amtssprache

Macron hat diesen drei Forderungen am Mittwoch in einer langen Rede in Bastia eine klare Absage erteilt. Er meinte, das Korsische gehöre zwar gefördert, doch die französische Sprache, der Kitt der Nation, erlaube keine zweite Amtssprache neben sich.

Der Staatspräsident erklärte ferner, ein Wohnsitzstatut würde die in Frankreich sakrosankte Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz verletzen. Und eine Hafterleichterung für Colonna kommt für ihn ebenfalls nicht infrage. Schliesslich war Macron hauptsächlich aus einem Grund nach Korsika gereist: Er gedachte am Dienstag des Mordes am Präfekten Claude Erignac vor genau zwanzig Jahren. Der Todesschütze an jenem 6. Februar 1998 war Yvan Colonna gewesen. Der Präsident hatte seinen Besuchstermin in Korsika bewusst auf diesen Gedenktag gelegt: Damit brachte er Colonnas offene oder verdeckte Sympathisanten zum Schweigen.

Um die Autonomisten nicht völlig zu brüskieren, kündigte Macron an, er wolle die «korsische Eigenheit» in der französischen Verfassung festschreiben und damit anerkennen. Die symbolische Massnahme soll schon im Frühling bei einer ohnehin geplanten Verfassungsrevision umgesetzt werden. Ihre konkrete Tragweite dürfte sehr begrenzt bleiben. In den diversen, bereits bestehenden Autonomiestatuten ist die insulare Sonderstellung Korsikas inmitten der Republik bereits genügend beurkundet.

Die Faust im Sack

Die Separatisten hatten nach ihrem jüngsten Wahltriumph von Paris mehr Entgegenkommen erwartet. Gestern machten sie die Faust im Sack. Simeoni, der Colonnas Anwalt gewesen war, und Talamoni boykottierten ein «republikanisches Essen» mit Macron ostentativ. Natürlich sei Erignacs Ermordung durch nichts zu rechtfertigen, hört man in Ajaccio wie in Bastia.

Die «Franzosen», wie sie dort abschätzig genannt werden, seien aber auch nicht ganz so sauber wie die blitzende Uniform des Inselpräfekten: Erignacs Nachfolger Bernard Bonnet kam 1999 selbst hinter Gitter, weil er seine Flics angehalten hatte, illegale Strandhütten nächtens in Brand zu stecken.

Die Situation sei «potenziell explosiv», erklärt Simeoni. Er und Talamoni hatten Macron angeboten, zehn Jahre lang auf jede Unabhängigkeitsforderung zu verzichten. Im Gegenzug wollen sie aber mehr politische Eigenständigkeit. Der Zentralstaat in Paris ist zwar sehr generös, subventioniert er die unterentwickelte Inselwirtschaft doch mit 1,3 Milliarden Euro im Jahr – das macht über 4000 Euro pro Einwohner. Deshalb ist der Ruf nach wirklicher Unabhängigkeit in Korsika auch bedeutend schwächer als in Katalonien.

Korsisches Szenario

Das Gefühl des «Andersseins» ist auf Korsika umso stärker. Die so egalitäre Französische Republik hatte dafür noch nie Gehör, und auch Macron übergeht schlicht den Umstand, dass die korsischen Autonomisten auf ihrer «Ile de beauté» (Insel der Schönheit) erstmals überhaupt das Sagen haben.

Wenn er die Forderungen abgesehen von kosmetischen Zugeständnissen ablehnt, dann nicht zuletzt, um ein «katalonisches Szenario» zu verhindern. Dafür könnte bald wieder ein korsisches Szenario drohen – nämlich dann, wenn sich das hitzige Temperament der Insulaner wieder in Gewaltakten Luft macht.