In Frankreich herrscht wieder «Dringlichkeit Attentat»: Auf diese höchste Alarmstufe wurde das Antiterrordispositiv Vigipirate am Mittwoch erhöht. 600 Polizisten fahndeten fieberhaft nach Chérif C., einem radikalisierten Schwerkriminellen, der am Vorabend in Strassburg nach ersten Erkenntnissen zwei Passanten erschossen und über ein Dutzend Menschen verletzt hatte. Der polizeilich Gesuchte hatte laut Augenzeugen an drei Orten in der Altstadt von Strassburg mit einer Pistole das Feuer gezielt auf Fussgänger eröffnet.

Ein Kellner erzählte, seine Kunden hätten sich im Innern des Restaurants verschanzt und auf den Boden gelegt, während der Täter in der Gasse auf Passanten angelegt habe. Am dritten Schauplatz wurde der Angreifer von einer Militärpatrouille gestellt und offenbar verletzt. Das berichtete jedenfalls ein Taxifahrer, den der Schütze als Fluchthelfer benützte. Später verlor sich die Spur des Schützen.

Terror in Strassburg: drei Tote – Polizei jagt Attentäter

Terror in Strassburg: 3 Tote - Polizei jagt Attentäter

Auf einem Weihnachtsmarkt in Strassburg (F) wurden am Dienstagabend drei Menschen erschossen. Der mutmassliche Täter ist flüchtig.

Laurent Nuñez, Staatssekretär im Innenministerium, erklärte zunächst am Mittwochmorgen, es sei «noch nicht gesichert», dass es sich um einen Terroranschlag handle. Immerhin wurde die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Am Mittag dann bestätigte diese Terrorverdacht.

Im Gefängnis soll der Täter laut Pariser Medien eine «radikale religiöse Praxis» an den Tag gelegt haben. Auch figuriert er seit 2016 wegen islamistischer Kontakte in der so genannten S-Kartei, deren erster Buchstabe für «sûreté» (Staatssicherheit) steht.

Haftstrafen in Frankreich, der Schweiz und Deutschland

Der 29-jährige, im Elsass aufgewachsene Franzose hat schon mehrere Haftstrafen in Frankreich und auch in Deutschland abgesessen. Laut Information des «Blick» soll er auch in Basel im Gefängnis gesessen haben.

Am Dienstagmorgen wollte ihn die Polizei an seiner Strassburger Wohnadresse festnehmen, weil er im vergangenen Sommer bei einem Überfall eine Person getötet haben soll. Die Polizisten fanden zwar Granaten und Handfeuerwaffen, nicht aber den Gesuchten. Der trat gegen 20 Uhr in Aktion, indem er in der Altstadt auf Passanten schoss. Ermittler schliessen nicht aus, dass der Festnahmeversuch den Täter bewogen haben könnte, bestehende Attentatsideen in die Tat umzusetzen.

Terror-Video: Schreie und Schüsse in Strassburg

Terror-Video: Schreie und Schüsse in Strassburg

Auf einem Weihnachtsmarkt in Strassburg wurden drei Personen getötet. Ein Video, das unmittelbar danach aufgenommen wurde, geht viral.

Nach ersten Erkenntnissen handelte C. allein. Dass er nicht gleich gestellt werden konnte, veranlasste die Polizei allerdings dazu, die Fahndung auf mögliche Komplizen auszudehnen. Staatssekretär Nuñez will nicht ausschliessen, dass sich der Todesschütze über die Landesgrenze ins nahe Deutschland abgesetzt haben könnte – wo er im Laufe seiner kriminellen Laufbahn schon aktiv gewesen war.

In der elsässischen Metropole Strassburg hatte die gross angelegte Fahndung zur Folge, dass das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen kam. Schulen und Geschäfte blieben ebenso geschlossen wie der über 400 Jahre alte Weihnachtsmarkt, in dessen Nähe die Todesschüsse erfolgt waren. Bürgermeister Roland Ries annullierte auch andere Kulturanlässe, erklärte aber, seine Stadt wolle so rasch wie möglich wieder zur Normalität zurückfinden, um sich solchen Ereignissen nicht zu beugen. Innenminister Christophe Castaner warnte allerdings, dass solche Anschläge auch Nachahmer auf den Plan rufen könnten.

Krude Verschwörungstheorien

Landesweit fällt die Schiesserei in die gespannte Atmosphäre der Gelbwesten-Proteste. «Auch das noch!», lautete ein Kommentar im Netz. Die Schiesserei erfolgte nur einen Tag, nachdem Präsident Emmanuel Macron unter Druck neue Konzessionen an die «gilets jaunes» angekündigt hatte. Seine Hoffnung, die Protestbewegung mit einem Fernsehauftritt zu beenden, haben sich allerdings zerschlagen. Am Mittwoch fehlte es in den sozialen Medien nicht an – völlig unbelegten – Kommentaren, die Regierung habe «das Attentat sicher organisiert». Die zeitliche Koinzidenz könne «kein Zufall» sein, las man, und auch: «Macron und seine Regierung machten diesen Anschlag, um den Ausnahmezustand ausrufen und die Revolution der Gelbwesten abwürgen zu können.»

Regierungssprecher zeigten sich entrüstet über die haltlosen Komplotttheorien und riefen zu einer «würdevolleren» Reaktion auf die Todesfälle in Strassburg auf. Dass diese Hirngespinste so massive Verbreitung finden, ist nicht nur ein – tristes – Zeichen der Zeit. Es dürfte nur aufzeigen, dass die Gelbwesten nach der Erfüllung ihrer Forderungen kaum mehr Sachargumente haben.

Ruf nach Ausweisung von Islamisten

Objektiv betrachtet könnten die Vorgänge in Strassburg deshalb durchaus Folgen für die Sozialfront haben. Politische Beobachter meinen, dass die Schiesserei, wie auch immer sie motiviert ist, der Aufbruchstimmung der Gelbwesten einen Dämpfer versetzen könnte. Ob sie sich auf die Gewaltbereitschaft der Pariser Demonstranten am kommenden Samstag auswirken wird, muss sich weisen.

Welche Hektik derzeit in den Pariser Sphären herrscht, illustrierte auch der Vorsteher der konservativen Republikaner, Laurent Wauquiez. Auf Twitter fragte er, «wieviele Attentate durch Vertreter der S-Kartei» Frankreich noch erdulden müsse, bis es seine Antiterror-Gesetzgebung entsprechend anpasse und diese Islamisten des Landes verweise.

Nuñez, der es als früherer Chef des französischen Geheimdienstes DGSI wissen muss, stellte klar, dass in der S-Kartei längst nicht nur gefährliche Salafisten aufgeführt sind, sondern auch unbescholtene Bekannte, die zu ihnen hinführen. Sie aus Frankreich zu weisen, sei nicht begründbar. Umso intensiver suche und bekämpfe die Polizei die eigentlichen Gefährder.