Als die jungen Adelbodner in der Nacht auf letzten Samstag mit einem 90 Tonnen schweren Erzlaster kollidierten, hatten sie kaum eine Chance. Schicksal, Gottes Fügung oder einfach nur Pech? In Kiruna wollen viele nichts von alledem gelten lassen. Sondern klagen an. Vor allem die Transporte der Mine «Kaunis Iron» im nahe gelegenen Kaunisvaara stehen in der Kritik.

Mit trauriger und bestimmt klingender Stimme sagt Lennard Forsberg aus Kiruna an Telefon: «Würde sich ‹Kaunis Iron› an die Umweltauflagen halten, wäre den jungen Schweizern in dieser Nacht kein Lastwagen entgegengekommen.»

Eine alte Umweltbewilligung

Forsberg kennt sich aus, wenn es um den Erzabbau geht. Er hat selber gegen Immissionen der Gruben gekämpft und sagt, dass man den Abbaufirmen auf die Finger schauen müsse. «Immer wieder wird gegen Umweltauflagen verstossen.» So auch im Fall der 90-Tonnen-Transporte von Kaunisvaara nach Svappavaara. 144 Kilometer brettern die Brummis über die schmale Landstrasse 395, vorbei an der gefährlichen Kurve bei Masungsbyn, eine unheimliche Schneewolke neben sich hertreibend.

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Eisfreier Hafen

Gut vier Jahre lang war die Mine in Kaunisvaara stillgelegt, ehe «Kaunis Iron» dem Erzabbau 2018 eine neue Zukunft eröffnete. Seit Mitte letzten Jahres wird wieder Eisenerz abgebaut. Der ehemalige sozialdemokratische Arbeitsmarkts- und Wirtschaftsminister Anders Sundström als Verwaltungsratspräsident soll die Mine in eine glänzende Zukunft führen. Dies versucht «Kaunis Iron» mit einer alten Umweltbewilligung zu erreichen.

Diese war der Vorgängerbetreiberin der Mine ausgestellt worden. Diese war 2014 in Konkurs gegangen. Das schwedische Umweltamt hat sich bereits 2017 kritisch zu einer Wiedereröffnung der Mine geäussert und am 25. Juni 2018 beim Umweltgericht in Umeå einen Entzug der Betriebsbewilligung beantragt. Die Dokumente liegen dieser Zeitung vor. Geschehen ist seither nichts, ausser Unfälle mit den Transportern von «Kaunis Iron». In den letzten zehn Wochen sollen es laut Lennart Forsberg fünf gewesen sein. «Das sind die offiziellen. Es gibt sicher eine Dunkelziffer.»

Bereits Anfang Dezember ist ein Chauffeur getötet worden, bei anderen gab es Verletzte – und jetzt sechs Todesopfer. Für Forsberg ist klar: Die Transporte auf der Landstrasse 395 verstossen gegen Betriebsauflagen, sie sollen gar illegal sein.

In den Umweltauflagen, die einen Abbau in Kaunisvaara überhaupt erst möglich machen, steht zudem, dass der Transport des Eisenpulvers per Lastwagen nach Kolari in Finnland und von dort per Zug an den Bottnischen Meerbusen in die Hafenstadt Kemi erfolgen soll. «Kaunis Iron» transportiert aber nach Westen über Kiruna nach Narvik. Eine Sprecherin sagte, das sei besser für die Firma und ihre Kunden. Der Hafen in Nordnorwegen sei eisfrei und für grössere Schiffe zugänglich. Dass die Transporte gegen Umweltauflagen verstossen, verneint «Kaunis Iron».

Abweichung der Bewilligung

Anders beurteilt dies das schwedische Umweltamt im Antrag auf Entzug der Umweltauflagen. Da das Unternehmen nicht wie in den Umweltauflagen beschrieben nach Osten abtransportiere, sondern nach Westen, hätte eine Änderung der Lizenz beantragt werden müssen. In der Klageschrift vom Juni heisst es: «Geänderte Transportwege hätten ein Gesuch um Änderung der Bewilligung beinhaltet, dies vor dem Hintergrund der Umweltkonsequenzen, welche durch die Transporte entstehen.» Die Transporte sind eine Abweichung von der Betriebsbewilligung, stellt das Umweltamt fest.

Für Lennart Forsberg und andere in Kiruna ist deshalb klar: Die 90-Tonnen-Erzmonster haben auf den Strassen ihrer Gemeinde nichts verloren. «Man kann nicht Arbeitsplätze um jeden Preis schaffen», sagt Forsberg mit bewegter Stimme. Noch ist die Klage um Entzug der Umweltauflagen von «Kaunis Iron» hängig. So lange ist unklar, ob die Lastwagen wirklich illegal unterwegs sind.