Eine Reise nach Nordkorea ist nur über die staatliche Tourismus-Organisation buchbar und ähnelt eher einem Staatsbesuch. Aber zum Normalpreis. Ab Peking kostet das Nord- korea-Abenteuer weniger als 4000 Franken pro Person.

Die Einreise? Ich rechnete nach der Landung in Pjöngjang mit mindestens einer Stunde Leibesvisitationen und vollständigem Auspacken der Koffer. Die ganze Angelegenheit war in weniger als zehn Minuten erledigt. Keine weiteren Fragen nach einem kurzen Blick in den Pass und ins Einreiseformular, das sich nicht von den Papieren unterscheidet, die bei der Einreise in fast alle aussereuropäischen Länder auszufüllen sind. Bloss ein flüchtiger Kontrollblick in den Koffer; niemand fragt nach Handy und Smartphone – jetzt nicht und später bei der Ausreise auch nicht. Kein Vergleich zum mühseligen Einreiseprozedere in die einstige sozialistische Sowjetunion. Und viel zügiger als eine Einreise in die USA oder Kanada. Das soll ein «Reich des Bösen» sein?

Zehn Tage lang fahren wir in einem Kleinbus von drei Personen begleitet (beaufsichtigt?) durchs Land: Ein Chauffeur, eine Reiseleiterin und ein Reiseleiter, die beide Germanistik studiert haben und fliessend Deutsch sprechen. Durch meinen Visa-Antrag wissen die Behörden, dass ich Chronist bin. Ganz werde ich während der ganzen Reise nicht dahinterkommen, wie die Betreuung strukturiert ist.

Wie in einer Filmkulisse

Der kluge Reiseleiter ist wahrscheinlich Parteimitglied in guter Position. Die Streitgespräche mit ihm über Geschichte und Sozialismus, Ideologie und Gesellschaft sind anregend. Wir übernachten in guten bis sehr guten Hotels, und einmal sind wir in einer Fünf-Sterne-Luxus-Herberge die einzigen Gäste. Wie in einer Filmkulisse. Wie eine Filmkulisse wirkt auch das «Museum für Völkerfreundschaft». Hier können sämtliche Staatsgeschenke an die nordkoreanische Führung besichtig werden. Die Sammlung ist imposant, und es würde mindestens einen halben Tag dauern, diesen «politischen Gabentempel» zu besichtigen. Dabei handelt es sich um Gaben von ausländischen Regierungschefs und von ausländischen Firmen.

Schmeichlerisches von Omega

Das Museum ist nach Ländern unterteilt, und es gibt tatsächlich eine Abteilung für Präsente aus der Schweiz. Dort fällt, eingerahmt im Zentrum, ein in deutscher Sprache abgefasstes Huldigungsschreiben des Uhrenfabrikanten Omega an den Staatspräsidenten auf. So schmeichlerisch, wohlwollend dürften die Omega-Manager nicht einmal unserem Bundesrat schreiben. Wahrlich kein Schelm, wer denkt, dass die tüchtigen Omega-Generäle der nordkoreanischen Regierung schon reichlich Luxus-Uhren verkauft haben. Schweizer Luxusuhren gelten in Nordkorea als ultimatives Statussymbol.

Nordkorea ist ein wunderschönes Land, rund dreimal so gross wie die Schweiz. Zu 81 Prozent ein Berg- und Hügelland, das nur ganz im Norden an der Grenze zu China bis auf 2000 Meter ansteigt. Nur knapp ein Viertel der Fläche eignet sich für intensive Landwirtschaft. Die grünen Hügelzüge mahnen an das Auenland aus Tolkiens «Herr der Ringe». Das Klima ist extrem und erschwert die Landwirtschaft und hat grossen Einfluss auf die Ernteerträge: über 30 Grad feuchte Hitze im Sommer, bis zu 20 Grad Minus im Winter und die latente Gefahr von heftigen Regenfällen und Überschwemmungen.

Dahinter verbirgt sich eine Tragödie. Die wegen der Raketen- und Atomtests verhängten Sanktionen machen es der Regierung praktisch unmöglich, die Devisen zu erwirtschaften, um auf dem Weltmarkt Nahrungsmittel zu kaufen. Eine Bevölkerung von etwas mehr als 25 Millionen aus dem eigenen Land zu ernähren – das erinnert an den «Plan Wahlen». Den Versuch der Schweiz, sich während des Zweiten Weltkrieges selber zu versorgen. Jeder Flecken Erde wird bebaut. Vor allem Mais und Reis. Der Mangel an Erdöl erschwert allerdings eine hochmechanisierte Agrarindustrie. Im Zentrum steht auf dem Land deshalb die Arbeit von Tausenden und Abertausenden Händen. In der besonders arbeitsintensiven Zeit des Reis- und Maisanbaus gibt es 70 Tage lang keinen einzigen Sonntag. Weil die Landwirtschaft so arbeitsintensiv ist, haben die Bauern übers ganze Jahr nur jeden 11. Tag und nicht jeden 7. Tag frei.

Die sozialistische Autobahn

Eine Fahrt auf der Autobahn aus der Stadt hinaus aufs Land ist eine Fahrt in eine andere Zeit. Autobahn? Ja, die Signalisation ist genau gleich wie bei uns. Und oft ist die Fahrbahn auch richtungsgetrennt. Die Ränder werden von Hunderten von Händen gepflegt, immer wieder sind Arbeitsgruppen unterwegs, die Gras schneiden oder Unkraut auszupfen. Es ist eine sozialistische Autobahn. Sie wird von allen genutzt. Radfahrern, Ochsengespannen, Fussgängern, Lastwagen und Autos. Autos? Nordkorea dürfte das einzige Land ohne Individualverkehr sein.

Ein Auto zu fahren, ist zwar keineswegs verboten. Aber eine Benzinkutsche kostet umgerechnet auf unsere Verhältnisse mehr als 400'000 Franken. Da kommt der Gedanke, ein Auto zu erwerben, so wenig auf wie bei mir, einen Privatjet zu kaufen. Es gibt die an der Nummernschildfarbe zu erkennenden Kategorien: schwarz für Militärfahrzeuge, blau für offizielle Fahrzeuge (wie unser Touristenbus oder Taxis), grün für Diplomaten, rot für Vertreter von ausländischen Firmen und gelb für Privatfahrzeuge. Ein gelbes Nummernschild haben wir nie gesehen.

Schweizer Engagement an der Grenze zwischen Nordkorea und Südkorea:

Eine Besonderheit sind die Armeelaster, die wegen der Benzinknappheit mit Holzvergaser fahren. Der optische Eindruck eines rein agrarischen Landes täuscht allerdings. Es gibt zwar keine verlässlichen Zahlen über die Wirtschaftsleistung. Die Planwirtschaft ist nach dem Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa nicht reformiert, sondern gestärkt worden, und es gibt keine sichtbare offene freie wirtschaftliche Tätigkeit in blühenden Nischen wie einst im Sowjet-Sozialismus.

«Stadtluft macht frei» ist ein Spruch aus alter Zeit bei uns. Er besagt heute, dass das Leben in der Stadt besser, freier ist. Das dürfte vor allem auf die Hauptstadt Pjöngjang zutreffen, die einzige Millionenstadt. Wer in der Stadt wohnt, ist schon deshalb nicht aufmüpfig, weil sonst die Verbannung aufs Land droht.

Pjöngjang rockt nicht

Pjöngjang ist eine der saubersten, ordentlichsten Millionenstädte, die ich je gesehen habe. In dieser Beziehung mindestens auf dem Niveau von Singapur oder Tokio. Aber es ist absurd, Pjöngjang mit New York zu vergleichen. New York ist das pulsierende, multikulturelle Herz einer Weltmacht, das nie schläft – Pjöngjang das sterile Zentrum eines seltsamen Reiches, das uns eher an George Orwell als an John Steinbeck und Tom Wolfe mahnt. In der Nacht legt sich weitgehend Dunkelheit über die Stadt, um Strom zu sparen. Licht brennt nur auf dem über 100 Meter hohen Turm der Ideologie. Die wenigen Restaurants schliessen spätestens um 21.30 Uhr. Es rockt nicht in Pjöngjang.

Ist Nordkorea tatsächlich von der Aussenwelt abgeschottet? Ist es möglich, im 21. Jahrhundert 25 Millionen Menschen von allen Informationen abzukoppeln? Ja, es ist möglich. Ein kleiner Test beweist es. Ich habe immer wieder mal nach Roger Federer gefragt. Beim Kellner, im Hotel oder bei zufälligen Begegnungen in Begleitung unserer Reiseleitung. Roger Federer? Niemand hat den Namen je gehört. Eine Verbindung zur Aussenwelt gibt es nur für Touristen mit westlichem Handy nach der Demarkationslinie – hier strahlt das südkoreanische Netz ein.

Ist Nordkorea eine Bedrohung für die Welt? Entspricht die nahezu permanente Präsenz in den Nachrichten tatsächlich seiner Bedeutung für die Sicherheit der Welt? Bei gesundem Menschenverstand ist meine Antwort «Nein». Wenn schon die riesige Sowjetunion, deren Reich sich von Berlin bis Wladiwostok erstreckte und die über riesige Mengen Atomwaffen und Raketen verfügte, nie einen Angriff auf den Westen wagte – wie sollte dann ein Land auf einer Halbinsel im fernen Asien eine Bedrohung für die Welt sein?

Unser Autor Klaus Zaugg verbrachte seine Sommerferien in Nordkorea.

Bilder aus dem Alltag in Nordkorea: