2017 war für die EU ein Superwahljahr mit Urnengängen in den Niederlanden, in Österreich, Frankreich und Deutschland. Es war das Jahr, wo die Europa-Gegner zurückgedrängt wurden. Grössten Anteil daran hatte Emmanuel Macron, der in Frankreich «Front National»-Chefin Marine Le Pen besiegte und für Brüssel die Kohlen aus dem Feuer holte.

Der charismatische Präsident wird von vielen schon als die neue europäische Lichtgestalt gefeiert. Macron ist der, der sogar den amerikanischen Präsidenten Donald Trump in die Schranken weist. Macron lädt die Führer der afrikanischen Länder an der Flüchtlingsroute nach Paris ein und ringt ihnen Kompromisse ab.

Macron hat eine Vision zur Reform der Wirtschafts- und Währungsunion und scheut sich nicht, sie offen auszusprechen. Weil Bundeskanzlerin Angela Merkel, die heimliche Königin des Kontinents, bis auf Weiteres im Morast der deutschen Regierungsverhandlungen feststeckt, werden die hohen Erwartungen an den französischen Präsidenten noch verstärkt.

Doch bei seinem nunmehr dritten Gipfeltreffen mit den Kollegen Staats- und Regierungschefs gestern in Brüssel macht sich zumindest hinter vorgehaltener Hand so etwas wie Ernüchterung breit. Macron dringt mit seinen Themen nicht durch.

In Brüssel läuft es nicht wie zu Hause, wo er schalten und walten kann, wie er will. Nachdem seine Euro-Vorschläge von EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker schon vergangene Woche verwässert wurden, führen die EU-Regierungschefs heute bloss eine erste Grundsatzdebatte. Berliner Diplomaten lassen wissen, dass man sich angesichts der momentanen Regierungskrise unmöglich substanziell äussern könne.

Nur mit den Deutschen

Es ist klar: Macron braucht Deutschland, um sein Projekt einer «Neugründung Europas» voranzutreiben. Während den Jamaika-Sondierungen schickte er sogar seinen Finanzminister Bruno Le Maire als Aufpasser nach Berlin, damit FDP-Chef Christian Lindner ihm nicht einen Strich durch die Euro-Reform machte. Jetzt sitzt der grösste Fan einer Neuauflage der Grossen Koalition von CDU und SPD im Pariser Élysée.

Erschwerend für Macron zeigt sich, dass sich durch das deutsche Machtvakuum auch andere Akteure auf den Plan gerufen fühlen. Etwa EU-Ratspräsident Donald Tusk. Die Prioritätenliste, die Tusk den Staats- und Regierungschefs Ende Oktober vorgelegt hat, wird auch als Reaktion gesehen, um den Tatendrang des französischen Präsidenten in geordnete Bahnen zu lenken.

Und Tusk ist gewillt, seinen Einfluss auf die Tagesordnung geltend zu machen. Kurzerhand wärmte er den Streit um die Flüchtlingsquote wieder auf, indem er sie in der Gipfel-Einladung als «unwirksam» und «höchst spaltend» bezeichnete. Die EU-Kommission verurteilte die Wortwahl umgehend als «inakzeptabel» und gar «anti-europäisch», die EU-Ost-Länder um Ungarn und Polen frohlocken, Deutschland gab sich besorgt. Anstatt über Reformen und die «Neugründung Europas» zu diskutieren, stritten die Staatenlenker beim Abendessen nun ein weiteres Mal über Solidarität – dies, obwohl die Sache mit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs gegen Flüchtlingsverweigerer Ungarn und Polen – zumindest juristisch – bereits als abgehakt galt.

Europäisches Netzwerk fehlt

Ein weiterer Nachteil für den französischen Präsidenten ist, dass er auf EU-Ebene über keine eigene Hausmacht verfügt. Seine «En Marche»-Bewegung ist im EU-Parlament (noch) nicht vertreten und gehört auch nicht einer europäischen Parteienfamilie an. Diese Netzwerke sind in der EU-Politik nicht zu unterschätzen.

Während gestern Morgen, im Vorfeld des EU-Gipfeltreffens, die EU-Staats- und Regierungschefs an den Mini-Gipfeln ihrer EU-weiten Parteifamilien teilnahmen, blieb Macron aussen vor. Spätestens bei den Europawahlen im Jahr 2019 soll sich das ändern. Ob sich Macron dann den europäischen Liberalen um den belgischen Ex-Premier Guy Verhofstadt anschliesst, oder eine EU-Version von «En Marche» gründen wird, steht noch offen. Französische Diplomaten versuchen derweil zu beruhigen. Der Präsident verfolge eine längerfristige Agenda. Ob seine Themen nun in drei oder sechs Monaten zur Sprache kämen, mache keinen Unterschied.