Am Samstag treffen sich der russische Präsident Wladimir Putin und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel im Gästehaus der Bundesregierung auf Schloss Meseberg nördlich von Berlin. Es wird bei den Gesprächen um die immer gleichen Themen der letzten Jahre und Monate gehen: Syrien-Krieg, Krieg in der Ost-Ukraine, Atomabkommen mit dem Iran, die Gaspipeline Nordstream2. Bereits im Mai trafen sich die beiden, Merkel stattete Putin einen Besuch in Sotschi ab.

Deutsche Medien fragen deshalb berechtigterweise: Warum schaut Putin schon wieder bei Merkel vorbei? Für das am Samstagabend anberaumte Treffen ist lediglich ein Pressestatement vorgesehen – notabene vor dem eigentlichen Gespräch. Beobachter glauben, die Verschlossenheit sei Indiz für eine besonders wichtige Unterredung.

Russland und Deutschland waren zuletzt intensiver miteinander im Gespräch als in jüngerer Vergangenheit. Ende Juli ist es im Kanzleramt von Berlin zu einer Art Geheimtreffen zwischen Kanzlerin Merkel, ihrem Aussenminister Heiko Maas, dessen russischem Amtskollegen Sergej Lawrow und seinem Generalstabschef der Streitkräfte, Waleri Gerassimow, gekommen. Das Treffen war nicht umsonst: Offenbar beteuerte die russische Delegation nach dem Gespräch im Hochsommer, Moskaus Einfluss auf die Regierung in Teheran dazu nutzen zu wollen, den Iran zu einem Rückzug aus dem südlichen Syrien zu bewegen.

Räucherfisch und Sanktionen

Bei diesem Besuch dürfte es allerdings weniger um Aussenpolitik als vielmehr um wirtschaftliche Freundschaftsbekundungen gehen. Putin wird vor allem mit Blick auf die angespannte wirtschaftliche Lage in seinem Land darum bemüht sein, Merkel in Gesprächen dazu zu bringen, die verschärfte Sanktionspolitik der USA nicht mitzutragen. Als Gegenleistung könnte Putin ein Entgegenkommen in der Syrien- oder der Ukraine-Politik anbieten. Bereits im Frühjahr signalisierte er seine Bereitschaft, Blauhelmtruppen der UNO in der Ost-Ukraine zu dulden.

Auf Putin lastet grosser Druck. Wenn Deutschland die US-Sanktionen mittragen würde, bedeutete dies eine weitere Schwächung der ohnehin schwächelnden und auf den Export fossiler Energieträger setzenden russischen Wirtschaft. Ausserdem steht Putin auch wegen einer umstrittenen Rentenreform im eigenen Land unter Druck.

Immer wieder wird das von gegenseitigem Respekt geprägte Verhältnis zwischen der Kanzlerin und dem Kreml-Chef betont. Merkel spricht gut Russisch, der ehemalige KGB-Mann Putin wegen seiner Stationierung in den 1980er-Jahren in Dresden fliessend Deutsch.

Putin soll Merkels Machtinstinkt ebenso schätzen, wie er Deutschland für dessen wirtschaftliche Stabilität schätzt. Die beiden decken sich gelegentlich mit Geschenken ein. Putin etwa erhielt von Merkel einst sein deutsches Lieblingsgebräu Radeberger und revanchierte sich bei Merkel mit Räucherfisch.

Die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» schrieb einst über die beiden eng vertrauten Duz-Freunde: «In der Öffentlichkeit treten sie oft auf wie ein seltsames Paar, das sich über das jahrelange Zanken so sehr aneinander gewöhnt hat, dass man sich inzwischen gar nicht mehr missen mag.» Daraus indes herzuleiten, Merkel habe die Macht, Putin zu einer Abkehr seiner bisherigen Politik zu bewegen, wäre falsch: Die beiden schenken sich gegenseitig nichts.

Auf Deutschland ist Verlass, oder?

Vor allem seit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim hat das Verhältnis zwischen den beiden Ländern schwer gelitten. Dass sich Merkel also von dem unberechenbar gewordenen Partner USA ab- und dem Kreml-Herrscher zuwendet, um europäische Interessen durchzusetzen, sei auszuschliessen und mache auch keinen Sinn, betont Klaus Segbers, Russland-Experte der Freien Universität Berlin. «Putin geht es im Kern nicht um Ausgleich, sondern darum, die eigene Position der Stärke zu verteidigen.» Für ihn, sagt Russland-Experte Segbers, sei es das Allerwichtigste, seine eigene Macht zu erhalten.

Putin verfolge das Interesse, die EU und die Nato zu destabilisieren, um russische Interessen besser durchsetzen zu können. Für den Kreml-Chef seien die Beziehungen zu Deutschland daher von grosser Wichtigkeit. Er suche in dem wichtigsten Staat der EU «ein Netzwerk, auf das er sich verlassen kann».