Augenzeugen berichteten übereinstimmend, dass die Rebellen wieder zunehmend versuchten, die strategisch wichtige Stadt 160 Kilometer südwestlich der Rebellenhochburg Bengasi unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Aufständischen seien mit Autos ins Zentrum der Stadt vorgedrungen, nahe seines Hauses sei es zu Kämpfen gekommen, sagte ein Augenzeuge.

Dutzende Einwohner Ajdabiyas wurden gesehen, wie sie die Stadt mit ihren Autos in Richtung Wüste über eine bislang von den Regierungstruppen kontrollierte Stadtausfahrt verliessen. «Wir haben bis jetzt ausgehalten, aber das ist nicht mehr möglich», sagte ein 42-jähriger Bewohner.

Nachbarn, die kein Auto hätten, seien gezwungen, in der Stadt zu bleiben. Der Armee des libyschen Machthabers Muammar al Gaddafi warf er vor, Zivilisten als menschliche Schutzschilde einzusetzen.

Sarkozy will Führung nicht abgeben

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy will die politische Führung des Militäreinsatzes gegen Libyens Machthaber Muammar Gaddafi nicht aus der Hand geben. Der Konflikt in Libyen könne nicht rein militärisch gelöst werden.

Die Maschinerie der Nato werde künftig zwar genutzt, die politische Koordination bleibe aber auf höchster Ebene bei den elf am Einsatz beteiligten Staaten angesiedelt, erklärte Sarkozy am Freitag nach dem EU-Gipfel in Brüssel.

Schliesslich engagierten sich auch die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar, die nicht von der Nato kommandiert werden könnten. «Das würde sonst Gaddafi in die Hände spielen, wenn die Nato das Kommando übernähme und es keine Koalition mehr gäbe», sagte Sarkozy.

Sarkozy erklärte, es sei klar, dass der Konflikt in Libyen nicht rein militärisch zu lösen sei. Er werde gemeinsam mit dem britischen Premier David Cameron für das Spitzentreffen am Dienstag in London eine Initiative vorbereiten.

Afrikanische Union will Übergangsphase

Der Kommissionspräsident der Afrikanischen Union (AU), Jean Ping, hat sich für eine Übergangsphase in Libyen ausgesprochen, an deren Ende demokratische Wahlen stehen sollen. Ein Plan für politische Reformen soll ausgearbeitet werden.

Politische Reformen in dem Land seien unumgänglich, erklärte Ping zur Eröffnung einer Libyen-Konferenz in Äthiopien. Er sei davon überzeugt, dass «eine Einigung und eine dauerhafte Lösung in Libyen» erzielt werden könnten.

An dem Treffen in der äthiopischen Hauptstadt Adis Abeba nahmen eine Delegation der libyschen Regierung sowie die Staatschefs von fünf afrikanischen Ländern teil. Die Teilnehmer wollten einen Plan für politische Reformen in Libyen ausarbeiten. Ob auch Vertreter der Aufständischen teilnahmen, war zunächst nicht bekannt.

Paris und London wollen politische Initiative

Mit neuen Luftschlägen setzt das internationale Militärbündnis Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi immer weiter zu. Nicolas Sarkozy sagt, dass Paris und London an einer politischen Initiative für die Situation in Libyen arbeiten.

Die Nachrichtenagentur «AFP» zitiert den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, dass Paris und London an einer politischen Initiative für Libyen vorbereiten würden. Wie diese aussehen soll, wurde noch nicht präzisiert.

Im Süden der Hauptstadt Tripolis wurden derweil Ziele des Regimes attackiert. Die Aufständischen bemühen sich unterdessen, im Schnellverfahren kampfkräftige Formationen für den Kampf gegen die Gaddafi-Truppen auszubilden.

In Bengasi, der Metropole der Regimegegner im Osten des Landes, gingen die Bemühungen um den Aufbau eigener schlagkräftiger bewaffneter Kräfte weiter.

Der arabische Nachrichtensender «Al-Arabija» zeigte ein Militärlager, in dem junge Männer an der Waffe ausgebildet werden. Der Nationalrat, das Gegenparlament der Gaddafi-Gegner, hatte erklärt, dass die Regimegegner über rund 1000 eigene Milizionäre verfügen.

Nato will gesamten Militäreinsatz leiten

Die Nato will schon in wenigen Tagen den gesamten Militäreinsatz in Libyen leiten. «Wir prüfen, ob wir eine grössere Rolle übernehmen können, sagte Nato-Sprecherin Oana Lungescu in Brüssel. «Ich erwarte eine Entscheidung in den nächsten Tagen.»

Diplomaten sagten ergänzend, die Nato wolle am Sonntag beschliessen, nicht nur die Flugverbotszone zu kontrollieren. Vielmehr werde dann die gesamte Militäroperation von der Nato übernommen. Damit werde die westliche «Koalition» de facto zu bestehen aufhören.

Wenige Ärzte und kaum medizinisches Material, Elektrizität gibt es nicht mehr und die Nahrung geht aus. Die Lage in der seit 35 Tagen belagerten Stadt Misrata spitzt sich zu. Derweil hat Uganda angekündigt, libysches Geld einzufrieren. Die «BBC» meldet, dass nicht nur die Lage in Ajdabiya sehr prekär ist. Auch in Misrata spitzt sich die Lage zu. Am Freitag hat Frankreich den Luftraum über Libyen als «unter Kontrolle» bezeichnet.

Der Flüchtlingsstrom in Richtung Lampedusa schwillt weiter an und belastet die italienische Mittelmeerinsel immer mehr. Rund 500 nordafrikanische Flüchtlinge erreichten in den letzten 24 Stunden die Insel, auf der sich derzeit 5000 Tunesier befinden, fast so viele wie die Einwohner.

Jetzt wird die Insel zwischen Sizilien und Tunesien wegen der hohen Flüchtlingszahl auch von Wasserknappheit belastet.

Kein Essen, Wasser und Elektrizität mehr

Trotz den Angriffen in der letzten Nacht ist die Stadt Ajdabiya immer noch ein aktiver Kriegsschauplatz. Die Stadt sei eingekesselt von Gaddafi-Truppen. Bald gäbe es kein Essen, Wasser und Elektrizität mehr. Dies meldet der «BBC»-Journalist Ben Brown aus der Nähe von Ajdabiya.

Ein libyscher Militärsprecher erklärte, dass «mehrere zivile und militärische Einrichtungen in Tripolis» bombardiert wurden. Nähere Einzelheiten nannte er nicht.

Der US-Nachrichtensender «CNN» berichtete, Kampfjets hätten am frühen Freitag Stellungen in den Aussenbezirken der Hauptstadt Tripolis bombardiert. Kurzfristig habe es Gegenfeuer der Luftabwehr gegeben, das dann aber wieder aufgehört habe.

Ein französisches Kampfflugzeug hat nach Angaben des Generalstabs in Paris in der Nacht zum Freitag eine libysche Artilleriestellung im östlichen Adschdabija zerstört. Auch britische Flugzeuge beteiligten sich an dem Angriff und schossen auf gepanzerte Fahrzeuge der libyschen Truppen, wie der britische Verteidigungsminister Liam Fox erklärte.

Die EU-Staats- und Regierungschefs haben bei ihrem Gipfel in Brüssel dem Regime von Muammar al-Gaddafi mit schärferen Sanktionen gedroht. Falls nötig sollten Massnahmen getroffen werden, damit Einnahmen aus Libyens Gas- und Ölverkäufen nicht zum Regime gelangten.

Das ist im Auszug aus den Schlussfolgerungen festgehalten, die am Freitag offiziell verabschiedet werden sollten. Bereits am Montag hatten die EU-Aussenminister die Sanktionen gegen Personen aus dem Umfeld Gaddafis sowie verschiedene Unternehmen ausgeweitet.

Die EU stehe bereit, heisst es nun in der Gipfelerklärung, «weitere Sanktionen zu initiieren und zu beschliessen». Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zu Beginn des Gipfels ein «komplettes Ölembargo und weitreichende Handelseinschränkungen» gefordert. Die EU müsse zeigen, «dass wir mit jemandem, der Krieg gegen sein eigenes Volk führt, keine Geschäfte machen.»

Ueli Mauerer: «Eine Feuerwehrübung»

Verteidigungsminister Ueli Maurer steht dem militärischen Einsatz der Allianz in Libyen kritisch gegenüber. Das Ziel, die libysche Bevölkerung vor Gaddafis Truppen zu schützen, ist aus seiner Sicht alleine mit Luftschlägen nicht zu erreichen.

«Die Kämpfe am Boden gehen weiter - und hier will die UNO nicht eingreifen», sagte Maurer in einem Interview in der Zeitungen «Tages-Anzeiger». Den Einsatz in Libyen bezeichnete der Bundesrat als «Feuerwehrübung».

Er unterstütze die Sanktionen der UNO als Mitglied der Regierung, sagte Maurer auf die Frage, ob er den Einsatz für richtig halte. Er hielt aber auch fest, dass er die Forderung seiner Partei, der SVP, nach strikter Neutralität, als nachvollziehbar ansehe. «Auch die Diskussion innerhalb der Nato und in unseren Nachbarländern zeigt, dass man die Libyen-Frage sehr unterschiedlich beurteilen kann.»

Ob mit dem Einschreiten der alliierten Kräfte ein Massaker in der libyschen Stadt Bengasi, der Hochburg der Gaddafi-Gegner, verhindert wurde, bleibt für Maurer eine Hypothese.

Nato übernimmt Kommando

Nach tagelangen Debatten haben sich die Nato-Staaten auf die Übernahme des Kommandos zur Durchsetzung der Flugverbotszone in Libyen geeinigt. Es gehe darum, Zivilisten in Libyen vor dem Gaddafi-Regime zu schützen.

Das Mandat der Nato gehe nicht über die Flugverbotszone hinaus, sagte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen am Donnerstagabend in Brüssel. Neben der Nato-Operation werde es auch weiterhin Angriffe der Koalition um Frankreich, Grossbritannien und die USA geben.

«Wir haben die Verantwortung für die Flugverbotszone übernommen, während die Koalition ihre Aktivitäten fortsetzt», sagte Rasmussen. Daneben sollten weitere Gespräche stattfinden, um die Rolle der Nato eventuell auszuweiten, sagte Rasmussen.

Die Nato hatte bisher nur bei der Durchsetzung eines Waffenembargos gegen Libyen über den Seeweg am Libyen-Einsatz teilgenommen. Die internationale Koalition kontrollierte setzte nur das Flugverbot über Libyen durch, sondern griff auch Truppen des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi an, um deren Vormarsch gegen die Rebellen im Osten des Landes zu stoppen.

Einlenken der Türkei

Insbesondere die Türkei als einziges islamisches Land hatte darauf bestanden, dass die Nato lediglich zur Einhaltung des Flugverbots eingesetzt werden dürfe. Am Donnerstag gab sie ihren Widerstand nun auf.

US-Präsident Barack Obama hatte jedoch darauf gedrängt, die militärische Führung möglichst rasch an die Nato abzugeben. Die USA sind bereits im Irak und in Afghanistan militärisch stark engagiert. Vor allem Paris und London lehnten es ab, sich von der Nato Angriffe, beispielsweise auf vorrückende Truppen Gaddafis, verbieten zu lassen.

Die Natosoll nun für die militärische Leitung des Einsatzes zuständig sein. Die politische Oberaufsicht soll - wie von Frankreich verlangt - ein ständiger Leitungsausschuss führen. In diesem Ausschuss sind jene Regierungen vertreten, die an dem Einsatz teilnehmen - also auch Nicht-Nato-Staaten.

Weitere Unterstützung

Unterdessen sagte offenbar ein weiteres arabisches Land seine Beteiligung an der internationalen Militäraktion in Libyen zu. Die Vereinigten Arabischen Emirate wollten sich mit zwölf Flugzeugen an der Militärmission zum Schutz von Zivilisten in Libyen, gaben sowohl der französische Präsident Nicolas Sarkozy als auch US-Aussenministerin Clinton bekannt.

Die Vereinigten Arabischen Emirate sind damit nach Katar das zweite arabische Land, dass sich mit Flugzeugen an dem internationalen Militäreinsatz beteiligt. Katar will ab dem Wochenende Patrouillen über Libyen fliegen. Weitere Staaten der 22 Mitglieder zählenden Arabischen Liga haben sich bislang nicht öffentlich bereit erklärt, eine aktive Rolle bei dem Einsatz zu übernehmen.

Ban droht mit weiteren Schritten

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte in New York, Gaddafi habe die Forderungen der internationalen Gemeinschaft nach Verkündung einer Waffenruhe missachtet.

Bislang gebe es keine Hinweise auf eine Waffenruhe in Libyen. «Ganz im Gegenteil, schwere Kämpfe dauern unter anderem in oder nahe den Städten Adschdabija, Misrata und Sitan an.» Sollte Gaddafi die Gewalt nicht stoppen, drohten weitere Schritte des UNO-Sicherheitsrats, sagte Ban.

In seinem Bericht an den Sicherheitsrat äusserte sich der UNO-Generalsekretär zudem besorgt über die humanitäre Lage in Libyen. Dem Welternährungsprogramm lägen Berichte vor, wonach die Lebensmittelpreise drastisch stiegen und sich der Preis für Mehl in den vergangenen Woche verdoppelt habe.

Mehr als 335 000 Menschen hätten Libyen seit Beginn der Unruhen verlassen, etwa 9000 von ihnen sässen noch immer an der Grenze zu Tunesien fest, sagte Ban. (sda/dno)